Warum Frau Müller weg mussvon Lutz Hübner1Bei Kindern hört der Spaß auf. Da zeigt sich, wie solidarisch eine Gesellschaft wirklich ist und wie sie mit Erfolg und Niederlagen umgeht. Da werden keine Gefangenen gemacht und keine Konzessionen.Frau H will, dass die Schule ihrem Kind mal richtig Grenzen zeigt (sie selbst kommt leider nicht dazu), Herr J will, dass man berücksichtigt, dass sein Kind hochbegabt ist (es ist total unterfordert, deshalb kommt es nicht mit), Herr A möchte, dass Kinder, die keine Leistung bringen, ausgesiebt werden (er selbst ist kürzlich einer Umstrukturierung zum Opfer gefallen), Wessis haben was gegen die Lehrerin aus dem Osten, Ossis finden die Westkinder völlig verzogen, soziale Vermischung schön und gut, aber doch nicht in der Klasse meines Kindes (wenn die Müller das nicht in den Griff bekommt, muss sie weg).Die gesellschaftlichen Gräben zwischen Arm und Reich, Ost und West oder Alt und Jung sind hinreichend bekannt und werden oft und gerne diskutiert. Doch mindestens ebenso groß ist der Unterschied zwischen Eltern und Kinderlosen. Wer Abende erlebt hat, an denen Vertreter beider Daseinsformen aufeinandertreffen, kann ein Lied davon singen. Welten prallen aufeinander. Was den einen die Nerven zerfetzt (Montessori oder Waldorf?), ist den anderen noch nicht mal als Problem vermittelbar (Können wir mal über was anderes reden?). Denn die Aufzucht von Kindern beschränkt sich nicht auf satt und sauber plus Erziehung. Eltern warten nicht lächelnd mit Milchschnitten in der Hand auf der sonnigen Terrasse, bis ihre Sprösslinge vom Toben kommen, Eltern leben vom Tag der Geburt an in ständiger Angst. Von plötzlichem Kindstod, Fenstersturz, Kapuzenkordeln und Rechtsabbiegern verlagern sich die Ängste über die Jahre ins Soziale. Wird mein Kind tyrannisiert? Ist es ein Tyrann? Zu stur, zu nachgiebig? Ist mein süßer Fratz ein still vor sich hinbastelnder Autist oder der Schrecken der Kita? 2Spätestens mit Beginn der Schulzeit werden die Ängste konkreter, ohne dabei aber an emotionaler Wucht zu verlieren. Jetzt beginnt das Rattenrennen um die Poleposition für den Weg in eine erfolgreiche Zukunft (Zwiebelbatik, Gehirnjogging). Ein natürlicher Pessimismus paart sich mit der unverrückbaren Überzeugung, ein besonderes Kind zu haben. Das ist normal, das muss so sein. Aber die Verhältnisse, sie sind nicht so, spätestens mit dem ersten Zeugnis werden alle erzieherischen Ideale über Bord geworfen, falls das Ergebnis nicht mit den eigenen Erwartungen übereinstimmt. Die Drei in Mathematik hat nichts damit zu tun, dass das eigene Kind ein Spätzünder ist, faul, unkonzentriert oder einfach mathematisch unbegabt (obwohl man dunkel ahnt, dass es daran liegen könnte). Nein! Es ist ein Angriff, eine narzisstische Kränkung oder ein Zusammenspiel von Schicksalsmächten, die bei der Notenvergabe nicht berücksichtigt wurden. Warum hat die Klassenlehrerin Inka Müller nicht bedacht, dass just am Tag vor der Mathearbeit das Meerschweinchen verstarb, das Kind lange einen üblen Husten hatte und ständig gemobbt wurde? Das muss man merken als Pädagogin (und wenn die Müller das nicht merkt, muss sie weg). Die Grundhaltung dem Lehrerkollegium gegenüber ist latente Empörung und beständige Alarmbereitschaft wegen drohender Kabalen, pädagogischer Kardinalfehler, untragbarer Bedingungen (Klassenstärke, Klassenzimmer, Lehrplan, Schulessen, Wandertag) und natürlich beschränkter, zickiger, boshafter, verzogener und verwahrloster Mitschüler. Diese Probleme lösen sich natürlich in Luft auf, sobald die erwünschte Note erreicht wird. 3Richtig Schwung bekommen diese Verschwörungstheorien, wenn es um die weiterführende Schule geht, und da bewahrheitet sich leider: Auch Paranoiker haben Feinde. Wer den falschen Schultypus erwischt, kann einpacken, ist aussortiert und kommt nicht mehr hoch. Zehnjährige, die noch an den Weihnachtsmann glauben, finden sich auf einer Schulbank mit Kindern, die von der Polizei aus dem Unterricht geholt werden. Höhere Töchter nennen ihre Klavierlehrerin eine verfickte Hure, und Jungs, die eigentlich die Kanzlei ihres Vaters übernehmen sollten, schmeißen mit Schuhen, wenn sie ihren Nintendo ausschalten sollen. Das ist der Albtraum aller Eltern, und dagegen wird gekämpft, mit allen Mitteln, über und auch gerne unter der Gürtellinie. Sachlichkeit und Objektivität spielen keine Rolle, es geht schließlich um alles: um das eigene Kind. Ein moderner neuer Mensch soll aus ihm werden, flexibel, kommunikativ, immer lernbereit, teamfähig, kreativ und durchsetzungsfähig. Kein Mensch weiß, wie man diesen Übermenschen heranzüchten soll. Weder die Schulen noch die Eltern. Die Schulen arbeiten weiterhin nach Prinzipien, die einer untergegangenen Arbeitswirklichkeit verpflichtet sind, und die Eltern, die das Produkt ebenjener versunkenen Zeit sind, haben nur diffuse Vorstellungen davon, wie ihr Kind optimal vorbereitet in diese bedrohliche neue Welt eintreten soll. Also muss das Kind auf alles vorbereitet sein (aber das sieht die Müller einfach nicht). Das Kind wird zum Versuchskaninchen, man schreitet nicht mehr mit gusseisernem Wertekanon zur hohen Erziehungsaufgabe, man dreht hier an einer Schraube und da an einem Rädchen und sieht angstvoll zu, was dabei herauskommt. 4Deshalb geht es bei Elternabenden ans Eingemachte. Wann trägt man sonst außerhalb von Familie und Freundeskreis einen existenziellen Konflikt aus? Einen richtigen Konflikt, keine berufliche Meinungsverschiedenheit oder anderen Kokolores. Nein, einen Konflikt, der einen nächtelang wach gehalten hat, wo man in ohnmächtiger Wut frühmorgens vor dem Kühlschrank Volksreden konzipiert, Rachefantasien hat (Schluss mit lustig, Frau Müller!) und Panikattacken Und dann sitzen alle zusammen im Klassenzimmer auf Kinderstühlchen zwischen Kastanienmännchen, Laubgirlanden, Tonpapiercollagen und Kuschelecken, und vorne steht der Feind (Frau Müller!). Jetzt könnte man alles loswerden, und plötzlich ist das alles nicht mehr so einfach. Das Schlimme ist, die anderen, die genauso wütend sind, die Mitkämpfer und Rädelsführer, entpuppen sich als Luschen, geben klein bei, relativieren, objektivieren oder schleimen sich ein. Man müsste jetzt durchziehen, aber alleine geht das nicht, das muss sonst alles das Kind ausbaden, vom dem man plötzlich auch genervt ist. Wieso kriegt der das nicht hin? Egal, jetzt muss man zeigen, dass man seine Brut mit Zähnen und Klauen verteidigen kann, man hat so große Töne gespuckt Aber plötzlich ist das Problem weg, oder unscharf, und die Mutter von Lukas fängt schon wieder an zu heulen, und solche Verbündete will man ja auch nicht An Elternabenden kämpfen nicht nur Eltern um ihre Kinder, sondern auch immer die Eltern für sich selbst. Ein Scheißjob, aber, das sollte man nicht vergessen (ceterum censeo): Frau Müller muss weg!Lutz Hübner ist einer der meistgespielten deutsch-sprachigen Gegenwartsautoren.