von Karl-Siegbert RehbergI. Wie unwohl-wohlig könnte man heute das Drama der „kleinen Leute“ besehen, das Hans Fallada (der alle diese Notlagen selbst allzu gut kannte) vor unsere Augen stellt. Moralische Empörung darüber, wie die nach der Weltwirtschaftskrise des Jahres 1929 selbst unter Druck stehenden „kleinen Chefs“ die noch armseligeren „kleinen Angestellten“ mit Ausbeutungssadismus quälen, schafft Identifikationen mit den Opfern. Gut, dass diese Zustände heute so nicht mehr existieren. Und tatsächlich: Zwar haben wir gerade eine Weltfinanzkrise hinter uns, deren Folgen jedoch gebremst werden konnten, weil seit dem Zusammenbruch von Großbanken die (von den Ökonomen für lange Zeit so verachteten) Staaten von den Bankrotteuren ausgebeutet werden. Zwar werden auch in unserem Land die Armen ärmer und die Reichen reicher – aber auf einem anderen Niveau des Massenwohlstandes. Zwar müssen auch Hartz-IV-Empfänger wie einstmals „Lämmchen“ endlos rechnen, wie sie „über den Monat kommen“, aber die Sicherung des zum Überleben Notwendigen scheint garantiert. Ein Chemnitzer Wirtschaftswissenschaftler hat sogar errechnet, dass es genüge, täglich auch 4,40 € statt 10 € zur Verfügung zu haben. Und für die Kulturbedürfnisse haben wir ja die immer präsenten Massenmedien und ihre Unterhaltungs-, Informations- und durchaus auch Bildungsprogramme; es muss also nicht immer Kino, Theater, Konzerthaus oder Museum sein. Auch gibt es die spaltende Klassenkultur nicht mehr, etwa diese derbe Kombination aus patriarchalisch-klassenkämpferischer Selbstzufriedenheit bei gleichzeitiger Solidarität, wie das in den Familienszenen im proletarischen Milieu der neuen Schwiegereltern „des Jungen“ aufscheint. Mit Misstrauen sieht man in Johannes den Angestellten. Das ist wohl einer, der unbezahlte Überstunden macht und sich bestenfalls in einer Gewerkschaft organisiert, die von den Unternehmen bezahlt wird. Kommentar des jungkommunistischen Bruders: „Hat sie doch einen abgekriegt. Na ja, einen Bourgeois. Ein Prolet ist ihr nicht fein genug.“ Vor allem beruhigt heute die meisten, dass die Rahmenbedingungen des Kapitalismus sich verändert hätten und sozialstaatliche Leistungen allen Menschen der Gesellschaft ein die Menschenwürde nicht offen verletzendes Leben garantieren würden – selbst denen, die bereits seit Jahren arbeitslos sind. So scheinen die schroffen Unterschiede der alten Klassenstrukturen aufgebrochen (von der politischen Unterhöhlung der Gesellschaft durch die Nazis in der späten Weimarer Republik ganz zu schweigen). Aber ein Abend, an dem man sich der Nähe und Fremdheit einer erzählten Geschichte aussetzt, kann auch die für sicher gehaltenen Wahrnehmungen des eigenen Lebens irritieren. So bleibt die Frage: Ist die Klassengesellschaft in den mörderischen Wirren des 20. Jahrhunderts und in der demokratisierenden Idee einer sozialen Marktwirtschaft tatsächlich untergegangen? Sicher hat mit der Entwicklung der Dienstleistungsgesellschaft und der Erweiterung der Bildungszugänge die Individualisierung zugenommen, wie sie die Angestellten der 1930er-Jahre vorlebten – dort aber als „geistig Obdachlose“ (wie Siegfried Kracauer das 1930 in seinem Bericht „aus dem neuesten Deutschland“ nannte). Und unstreitbar hat der Massenkonsum eine Integrationsbasis auf höherem Niveau geschaffen. Und doch spricht man zunehmend von einem neuen „Prekariat“ und in den USA seit Langem von den „working poor“, von denjenigen also, die von ihrer Arbeit nicht mehr leben können.II. Für fast ein halbes Jahrhundert schien ausgemacht, dass die Klassengesellschaft eine Sache der Vergangenheit sei. Nach dem Wirtschaftswunder der 1950er- und der „Kulturrevolution“ der späten 68er-Jahre trat die Vervielfältigung von Lebensstilen, Individualisierungsprozessen und Wahlchancen in den Vordergrund. Seither scheinen alle prinzipiellen Hierarchisierungen „wegdynamisiert“. Soziologische Ungleichheitsanalyse wurde zunehmend durch die Faszination neoliberaler Glaubenssätze verdrängt. Und doch könnte es sein, dass die Konturen der „Klassengesellschaft“ heute wieder deutlicher hervor- treten. Was allgemein wahrgenommen wird, ist empirisch allerdings nicht leicht zu belegen, denn die Klassenstrukturen werden statistisch zum Verschwinden gebracht. Weitgehend fehlen genaue Daten über die Verteilung des Produktionsmittelbesitzes und die Einkommen der reichsten Haushalte. Und doch dürfte eine fast 30 Jahre alte Schätzung unvermindert gelten, wonach 1,7 % der Haushalte mehr als 70 % des Produktivvermögens besäßen. Prägnanter könnte man die Existenz von „Klassen“, wie sie seit Adam Smith in der Mitte des 18. Jahrhunderts definiert wurden, kaum ausdrücken. Und sogar noch die greifbaren Daten sprechen für sich: Die reichsten 10 % der Haushalte in Deutschland besitzen 42 % des Nettovermögens, während die unteren 50 % zusammen nur über 4,5 % verfügen. Geändert hat sich nicht, dass Stellenabbau Gewinne steigert und dass im „Beratungskapitalismus“ viel damit verdient werden kann, die Rationalisierungspläne dafür auszuarbeiten. Bei Fallada bekam der verhasste „Organisator“ 3.000 RM dafür, aus den durchschnittlich bei 200 RM brutto liegenden Gehältern genügend herauszusparen. Das hat heute doch eine ganz andere Grandezza, wenn man im FAZ-Feuilleton das ganzseitige Feature über eine „Dienstleisterin“ für „Outplacement“ (!) liest, die – wie sie selbst sagt – erst die Chefs „und dann ihre Opfer“ berät. Demgegenüber mag unverändert sein, was Fallada seinen Protagonisten sagen lässt: „Ach, er ist ja einer von Millionen, Minister halten Reden an ihn, ermahnen ihn, Entbehrungen auf sich zu nehmen, Opfer zu bringen.“ Ähnliches dürfen sich Hartz-IV-Empfänger auch von höchsten politischen Repräsentanten der Berliner Republik sagen lassen.Der Soziologe Prof. Dr. Karl-Siegbert Rehberg ist Gründungsprofessor für Soziologie und Inhaber des Lehrstuhls für soziologische Theorie, Theoriegeschichte und Kultursoziologie an der TU Dresden. Der vorliegende Text entstand als Originalbeitrag für das Spielzeitheft 2010.2011.