Rimini Protokoll

Autoren-Regie-Team
Daniel Wetzel bildet zusammen mit Helgard Haug und Stefan Kaegi seit 2000 ein Autoren-Regie-Team unter dem Label Rimini Protokoll. Ihre Arbeiten im Bereich Theater, Hörspiel, Film, Installation entstehen in Zweier- und Dreier-Konstellationen sowie solo. Im Mittelpunkt ihrer Arbeit steht die Weiterentwicklung der Mittel des Theaters, um ungewöhnliche Erfahrungen mit unserer Wirklichkeit zu ermöglichen. Mit ihren frühen Projekten prägten sie den Begriff des Experten-Theaters, bei dem die Biografien, Erfahrungen und Berufe von Menschen im Zentrum stehen, die normalerweise nichts mit dem Theater zu tun haben. Bei Rimini werden sie seit jeher explizit als Profis aufgefasst, als Experten und nicht als Laien. Die Projekte setzen zumeist bei fast journalistischen Recherchen an. Die Quellen des Textes bevölkern dann die Bühne, statt sie an Schauspieler abzugeben. Eine „Renaissance und Neu-definition des dokumentarischen Theaters“ (Süddeutsche Zeitung).
Bekannt wurde die Gruppe u. a. auch durch das Verbot eines ihrer frühesten Projekte, DEUTSCHLAND 2 (2002), bei dem 666 Bonner Bürger in den bisherigen Plenarsaal des Deutschen Bundestages in Bonn zu einer simultanen „Raubkopie“ einer Bundestagssitzung eingeladen wurden: Alles, was im neuen Bundestag in Berlin während einer Donnerstagssitzung gesagt wurde, sollte so akkurat wie möglich in Bonn durch die temporären Volksvertreter-Vertreter simultan mitgesprochen werden. Im selben Jahr entstanden u. a. das Überwachungs-Stück SONDE HANNOVER und das Experten-Stück SHOOTING BOURBAKI (Luzern). In Hannover observierten die Zuschauer, mit Feldstechern und Kopfhörern ausgestattet, aus dem zehnten Stockwerk eines Hochhauses die Abhör- und Manipulations-Aktionen der getarnten Sonde-Performer, mit denen die Passanten unwissentlich zu Darstellern ihrer selbst wurden. In Luzern standen fünf Jungs im Alter von 10-12 auf der Bühne als Experten zur Frage, weshalb alles, was mit Schießen zu tun hat, für sie so affengeil ist. Damit ist ein Teil des Spektrums umrissen, in dem die Rimini Protokoll-Projekte sich bewegen.
Auf Tour sind derzeit neben der STAAT-Tetralogie unter anderem EVROS WALK WATER 1 & 2 (Wetzel, Athen/Berlin 2017), NACHLASS (Kaegi/Huber, Lausanne 2016), ADOLF HITLER: MEIN KAMPF, BAND 1 & 2 (Haug/Wetzel, Weimar 2015), QUALITÄTSKONTROLLE (Haug/Wetzel, Stuttgart 2014), REMOTE X (Kaegi/Karrenbauer, 2013) sowie die Haug/Kaegi/Wetzel-Stücke SITUATION ROOMS (Ruhrtriennale 2013), HAUSBESUCH EUROPA (House on Fire, 2015) und das Format 100 % STADT (Berlin 2008), das sie mittlerweile in über 30 Städten mit jeweils einem statistischen Querschnitt der Bevölkerung mit 100 Bewohnern weltweit inszeniert haben (in Dresden 2013).
Ihre Arbeiten wurden mehrfach zum Berliner Theatertreffen eingeladen und international mit Theater- und Medien-Preisen ausgezeichnet, u. a. mit dem Mülheimer Dramatikerpreis 2007 und dem Hörspielpreis der Kriegsblinden (beide 2007 für KARL MARX: DAS KAPITAL, ERSTER BAND), dem Deutschen Theaterpreis Der Faust (2008), dem Silbernen Löwen der 41. Theaterbiennale Venedig (2011), mit dem Schweizer Grand Prix Theater/Hans-Reinhart-Preis (2015) sowie mit der Einladung zur 1. Poetikdozentur für Dramatik an der Universität des Saarlandes in Saarbrücken (2011/2012). Die Texte aus diesen Vorträgen erschienen im Band 100 der Reihe Theater der Zeit Recherchen unter dem Titel ABCD (Theater der Zeit, Berlin 2012).