Dresden als konkreter Ort und Ort der Verklärung von Harald Marx Es war einmal, so beginnen eigentlich alle Märchen; und gemeint ist damit immer auch: Es war einmal irgendwo! E.T.A. Hoffmann hingegen erzählt eine absonderliche, als Märchen deklarierte Geschichte, die am Schwarzen Tor in Dresden beginnt, am Himmelfahrtstage, nachmittags um drei Uhr. Wir kennen also Ort und Zeit, fühlen uns dementsprechend auf gesichertem Boden. Beinahe sofort aber wechselt der Dichter ins Reich der Märchen hinüber und pendelt hinfort beständig zwischen möglicher Wirklichkeit und offensichtlicher Fantasie. Das Geister- und Hexenwesen wird angesiedelt in einer konkreten Stadt! Man erfährt den Ort der Handlung, selbst die Uhrzeit des Beginns, aber der weitere Verlauf ist verwirrend und bleibt rätselhaft; der Leser verliert den Boden unter den Füßen, ob er will oder nicht. Gegenwärtiges und Vergangenes, Nachprüfbares und Erfundenes, zumindest Unerklärliches sind derart ineinander verwoben, dass man schließlich anfängt, an allem zu zweifeln, sogar am vorgeblich Faktischen. Denn was bedeutet eine Wirklichkeit, in der jeder alles, und alles jeder sein kann? Und es ist durchaus nicht alles für jeden von gleicher Art. Darum ändert sich beständig auch der Ton der Dichtung. Manchmal sind es ganze Kapitel, bisweilen nur einzelne Passagen, die sich in eine Traumwelt entfernen und durch ihren übersteigerten Ton abheben von den sachlichen Schilderungen der Armseligkeiten des kleinlichen Alltagslebens, von der prosaischen Gegenwart: Aber in der Mitte des Tals war ein schwarzer Hügel, der hob sich auf und nieder wie die Brust des Menschen, wenn glühende Sehnsucht sie schwellt ... da brach im Übermaß des Entzückens eine herrliche Feuerlilie hervor, die schönen Blätter wie holdselige Lippen öffnend, der Mutter süße Küsse zu empfangen. Man ahnt, dass hier das Gute sich ankündigt: Nun schritt ein glänzendes Leuchten in das Tal; es war der Jüngling Phosphorus, den sah die Feuerlilie und flehte, von heißer sehnsüchtiger Liebe befangen: Sei doch mein ewiglich. Auch das Böse hat seinen gewichtigen Platz in diesem Märchen: Da war ein altes hässliches Weib, mit gellender, krächzender Stimme, die etwas Entsetzliches hatte. Sie verkaufte Äpfel, die ihre Söhne gewesen sind, und trat später selbst als bronzener Türklopfer auf, der lebendig wurde aber nur in besonderen Situationen; und sogar der Aberglaube, ein Wesen könnte dadurch beeinflusst werden, dass man eine Sache verzaubert, erscheint als möglich. Doch alles Erzählte wird einerseits vom Dichter glaubhaft gemacht, andererseits scheint es irgendwie ironisch gemeint. Denn das Märchen entwickelt sich in immer verwirrteren Kreisen: Brücken werden geschlagen zwischen den Zeiten, zwischen vermeintlicher Realität und Fantasie, zwischen Menschen, Pflanzen und Tieren, ja selbst Dingen. Ein alter Archivarius mit Namen Lindhorst entpuppt sich als jahrhundertealter Salamander, seine Töchter sind drei verführerische kleine grüne Schlangen, deren Großmutter die erwähnte Lilie in dem Märchenland Atlantis gewesen ist: Erlauben Sie, das ist orientalischer Schwulst, werter Herr Archivarius! So jedenfalls empfand es der Registrator und spätere Hofrat Heerbrand und hatte er nicht recht? Wir aber folgen dem Dichter und wissen darum auch: Die böse Hexe verdankte ihre Existenz der Vereinigung von schwarzer Drachenfeder und Runkelrübe und der gute Fürst aus einem fernen Märchenreich, der den Namen Phosphorus trägt, nimmt indirekt teil am gegenwärtigen Schicksal eines tolpatschigen Studenten, der Anselmus heißt und von einem Missgeschick ins nächste stolpert. Dieser Student beschreibt gleich eingangs ausführlich, dass ihm alles misslungen sei, was er bisher begonnen habe; und dabei ist es wenig gewesen, wonach er anfangs strebte: eine Anstellung als geheimer Sekretär. Auch seine sonstigen Wünsche blieben bescheiden: eine halbe Portion Kaffee und eine Flasche Doppelbier! Dazu sehr allgemein die Nähe herrlich geputzter schöner Mädchen; und auch das nur am Himmelfahrtstag. Später versteigt er sich allerdings zu der Vorstellung, er könne es vielleicht sogar zum Hofrat bringen. Eine solche bürgerliche Existenz, zuerst erstrebt, erweist sich jedoch mehr und mehr als wenig geeignet für ihn. Ein darauf gebautes Familienglück mit einer Frau, die bei aller Liebe in ihrer gesellschaftlichen Stellung aufgehen würde, ohne weitergehende geistige Interessen, konnte keine Erfüllung seiner Hoffnungen sein. Hat E.T.A. Hoffmann also mit Der goldne Topf nicht nur ein Märchen geschrieben, sondern einen kleinen Entwicklungsroman, bei dem sich die Charaktere erst langsam formen und dadurch anders antreten, als sie am Ende sind? Allerdings erfahren wir vom Leben des Studenten Anselmus wenig: Was war das für eine Familie, aus der er kam; was hat er studiert und wo? Auch von seinen intellektuellen Begabungen hören wir nichts, dafür wird betont, dass er die Schönschrift beherrschte; und wir lesen, dass er Förderer hatte, die ihn vermitteln wollten: den Konrektor Paulmann und den Registrator Heerbrand. Anselmus musste sich und sein Studium also selbst finanzieren. Dabei passiert alles in unserer Welt: Die Orts- und Zeitangaben sind präzise, aber nur der Versager, der Mensch mit dem kindlich-naiven, poetischen Gemüt, der Student mit dem besten Willen, aber ohne sichtbare äußere Erfolge im Leben, gleitet in ein Paralleluniversum, in dem Zeit und Raum völlig aufgehoben sind. Geradezu fremd wirkt in dieser beginnenden Geschichte, die nur Unglück ahnen lässt, eine verklärte und betörende Ortsbeschreibung: Dicht vor ihm plätscherten und rauschten die goldgelben Wellen des schönen Elbstroms, hinter demselben streckte das herrliche Dresden kühn und stolz seine lichten Türme empor in den duftigen Himmelsgrund, der sich hinab senkte auf die blumigen Wiesen und frisch grünenden Wälder, und aus tiefer Dämmerung gaben die zackichten Gebirge Kunde vom fernen Böhmerlande. Selbst ein damals bekanntes Ausflugslokal, das Linkesche Bad, wird als paradiesisch beschrieben und zum unerreichbaren Sehnsuchtsort. Es ist diese Beschreibung Dresdens, die sich immer wiederholt und nur leicht variiert in beinahe allen Reisebeschreibungen des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts findet. Hoffmann zitiert solche Schilderungen geradezu aber durch den Fortgang der Geschichte zerstört er das in der Ferne geschaute Traumbild einer Stadt: Dresden hatte, von Nahem gesehen, nur Banales oder Bedrohliches für ihn. Doch nichts nimmt der Dichter wirklich ernst: nicht die verklärten Schilderungen von Orten und Situationen und nicht die gruseligsten Gespensterszenen, die der Leser selbst hätte stören können, so wird es suggeriert, wenn er denn gerade vorbeigekommen wäre und der Vorwurf schwingt mit, der Leser wäre am bedrohlichen Fortgang des Märchens selbst schuld, eben weil er im dramatischsten Augenblick nicht zur Stelle war. Die Gegenwart tritt, in Gestalt des Dichters, immer wieder in unser Blickfeld. Andererseits scheint jede noch so kleine Begebenheit einem geheimen Ritus zu folgen: Schritt für Schritt kommen wir voran auf dem Weg einer geistigen und charakterlichen Läuterung. Vernehmlich klingt es: Serpentina! der Glaube an dich, die Liebe hat mir das Innerste der Natur erschlossen! Aber Serpentina ist eine der erwähnten drei Schlangen, grün mit blauen Augen, die zu Anselmus sagt, er allein könne sie verstehen; und sie verrät ihm den Grund: weil die Liebe in deiner Brust wohnt. Die Liebe des Studenten Anselmus fällt also auf eine kleine grüne Schlange und man bleibt als Leser beinahe bis zum Schluss im Ungewissen, ob das als Ergebnis einer teuflischen Verführung oder als glückliche Wendung in seinem Leben gesehen werden muss; und sitzt er nun wirklich in einer kristallenen Flasche oder steht er auf der Elbbrücke (es gab damals in Dresden nur eine) und schaut ins Wasser? Eines scheint jedoch sicher: Der Alltag bleibt erbärmlich für alle, die nicht über den Kreis ihrer tagtäglichen Pflichten hinausblicken. Solche Beschränktheit wird manchmal bestraft. Wir lesen von stumpfsinnigen Kreuzschülern, die stolz darauf waren, dass sie keine italienischen Chöre mehr auswendig lernen mussten, sondern ihre Tage im Wirtshaus verbringen konnten, um dort wie wirkliche Studenten: gaudeamus igitur zu singen. Sie konnten nicht erkennen, wie eng ihr gläsernes Gefängnis gewesen ist. Oder standen auch sie auf der Brücke? Wie im Märchen immer wird der gute Held zum Schluss belohnt und bekommt seine Prinzessin: eine verwunschene kleine grüne Schlange mit blauen Augen, die den Arm um ihn schlingt. Aber was dazu? Eine anscheinend mietfreie Wohnung auf einem Rittergut, das seinem Schwiegervater gehört hat! Und wo? In dem versunkenen Traumland Atlantis. Am Himmelfahrtstag nachmittags um drei Uhr ist der Student Anselmus durchs Schwarze Tor in Dresden gerannt und wo kommt er schließlich an: außerhalb jeder Zeit, auf einem Rittergut, aber in einem Land, dessen Existenz nur noch unbestimmte Erinnerung ist. Oder sagen wir: Poesie. Jede Realität hebt sich auf in Atlantis, einem Land, das jeder an anderer Stelle sucht. Für den Arzt, Naturwissenschaftler und romantischen Künstler Carl Gustav Carus hat sich selbst die Stadt Dresden in besonderen Situationen zu diesem Traumland verklärt. Er schrieb rückschauend in seinen Lebenserinnerungen: Hatte ich nicht da wieder eine wunderbare Atlantis erschaut, wo so viele nur die alte kurfürstliche Residenz gewahr werden. Carus hatte seine bürgerliche Existenz und das Hofamt als Leibarzt des Königs mit dem Künstler-Sein verbunden. Hoffmann war Ähnliches nie gelungen. Er fand den Weg zurück nach Dresden nicht. Die Verklärung der Stadt dauerte bei ihm nur einen Augenblick. Der Kunsthistoriker Prof. Dr. Harald Marx war von 1991 bis 2009 Direktor der Gemäldegalerie Alte Meister der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden.