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  • Ererbt aus verschollener Bürgerlichkeit
  • Dramaturg Jens Groß im Gespräch mit Regisseur Wolfgang Engel

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Geschichte aus einem versunkenen Land | nach dem Roman von Uwe Tellkamp | für die Bühne eingerichtet von Jens Groß und Armin Petras | Regie: Wolfgang Engel | Uraufführung am 24. September 2010 | Schauspielhaus

Ererbt aus verschollener Bürgerlichkeit

Ein kleiner Exkurs zu der Frage „Woher kommt und wohin strebt das Dresdner Bildungsbürgertum?“ von Jens Groß

In einer misslaunigen Rezension zu Uwe Tellkamps „Turm“ im „Freitag“ vom 19. 02. 2009 stand: „Wenn man das gelesen hat, tun einem die Dresdner leid. Denn diese ganze DDR-Diktatur kann ja nichts anderes gewesen sein als eine Art Verwandtenstreit zwischen Ost- und Weströmern auf dem Dresdner Turm. Die einen waren kleinbürgerliche Funktionäre, die anderen waren Bildungsbürger, aber woher dieses Bürgertum gekommen war, bleibt völlig im Dunklen.“
 
Die Frage ist berechtigt, woher kommt das (Bildungs-)Bürgertum, das in Uwe Tellkamps Dresden-Roman der eigentliche Protagonist ist, war es doch in dem ehemaligen „sozialistischen Arbeiter- und Bauernstaat“ überhaupt nicht vorgesehen? Wie kann es sein, dass die Schilderung der letzten DDR-Jahre aus der Perspektive eines längst totgesagten Bildungsbürgertums, die Gemüter in Deutschland 2009.2010 dermaßen erregt?
 
Der überregionale Erfolg von Uwe Tellkamps „Der Turm“ kann nicht darauf beruhen, dass der größte Teil der West-Leserschaft sich diebisch daran freut, wie die deprimierten Bildungsbürger der DDR „durchgängig ihr Unbehagen an der Diktatur formulieren und dies in Worten und Wendungen, die auch der Nichtdiktaturerfahrene halbwegs versteht.“ (Freitag)
 
Obwohl Uwe Tellkamp eine spezifische (eben nicht unbedingt repräsentative) Gruppe von DDR- Bürgern in einer ganz bestimmten Zeit (den letzten Jahren der DDR) beschreibt, scheint er ­etwas viel Grundsätzlicheres und Phänomenaleres der deutschen Mentalität (und Geschichte) getroffen zu haben: Die Frage nach der Geschichte und Verfasstheit eines deutschen Bildungsbürgertums, aus dem wir fast alle (ob West oder Ost) stammen (zumindest, was Theaterinteressierte betrifft), und / oder von dessen Wurzeln und genetischem Erbmaterial wir heute noch immer leben.
 
Viele Soziologen haben die eigentliche Bewegung des Bildungsbürgertums entweder 1918 oder spätestens 1933 für tot erklärt. Tellkamps große Leistung besteht gerade darin, zu zeigen, dass es damit durchaus aber nicht beseitigt war, im Gegenteil, dass es zwei Diktaturen überleben konnte, dass es auch heute noch überaus lebendig ist und das bei weitem nicht nur in Dresden oder der ehemaligen DDR, nein in ganz Deutschland. Scheinbar hielt es sich in diversen jeweiligen Nischen versteckt, aber es ist präsent und bestimmt den politischen und sozialen Alltag heute in viel größerem Maße, als es öffentlich wahrgenommen wird.
 
 
Das 18. Jahrhundert
Das Bildungsbürgertum entstand in Abgrenzung zum industriellen Großbürgertum und dem Klein- und Mittelbürgertum der Händler und Arbeiter in der Mitte des 18. Jahrhunderts, also in der Hochblüte des sogenannten „Aufklärerischen Zeitalters“, in den Städten, den Zünften, den stadtbürgerlichen Kreisen. Das Bildungsbürgertum musste sich politische Macht erst mühsam erkämpfen und teilte sie immer mit dem Adel, später auch mit anderen Machthabern. Der Bildungsbürger kompensierte, was ihm an äußerem Rang fehlt, mit innerem Reichtum, eben Bildung. Der Bildungsbürger baute ein bestimmtes Wissen auf, das mehr war als Berufs- und Leistungswissen, eben Bildungswissen. Dadurch wird er heiratsfähig für den Adel und das Besitzbürgertum. Sittliche Erziehung durch humanistische Bildung, Literatur, Wissenschaft, Kunst, sein Engagement im Staate, Beziehungen und Verbindungen  sind sein Kapital. Der gebildete Bürger denkt im Gegensatz zum typischen Besitzbürger nicht nur an sich selbst und das Geld, sondern vor allem an die Weiterentwicklung einer Gesellschaft. Diese Denkfigur gibt es in keiner anderen Nation. Grundlegend dafür war ein aufklärerischer Wertekodex, der Begriffe wie Zuverlässigkeit, Gesetzestreue, Staatsernst, nationale Gesinnung beinhaltete und es dem Bildungsbürger erlaubte, in diesem Sinne ein guter Staatsbürger zu sein und ein Leben in geordneter Freiheit zu führen.
 
Im Bildungsbürgertum waren akademische und freie Berufe besonders stark vertreten: ­Professoren, Pastoren, Lehrer, Apotheker, Ärzte, Rechtsanwälte, Richter, Kaufleute, Musiker, Künstler, Ingenieure, leitende Beamte usw. Sie alle waren in ihre beruflichen (und damit auch gesellschaftlichen) Positionen nicht aufgrund eines geburtsständischen Anrechts, sondern aufgrund eigener Leistung gelangt.
 
Ausgehend vom Glauben an die befreiende Kraft der menschlichen Vernunft und an die Identität von Vernunft und Tugend, war das politische Hauptziel des deutschen Bildungsbürgertums dabei zunächst: in Deutschland einen gewaltsamen revolutionären Umsturz mit dessen grausamen Folgen (wie z. B. in Frankreich) zu verhindern. Ausgedehnte kulturelle Bildung soll einen gemäßigten, langsamen Übergang zu einer freieren, liberaleren Gesellschaft herbeiführen, durch den „kultivierte“ Mitglieder des Bürgertums dann auch in politische Funktionen gelangen konnten.
 
Im Rahmen dieser Politik richtete der Staat Bildungsanstalten ein, deren Zahl im Verhältnis zum übrigen Europa beachtlich war. Wissen und universelle Ausbildung und Erziehung zu ­einem moralischen und frei handelnden Individuum (d. h. auch größere Mobilität) war oberstes Ziel dieser Kultur und versprach einen Standortvorteil im Kampf um die neu zu verteilenden Ressourcen in Europa. Der Staat wusste sich die Loyalität dieses entstehenden Bildungsbürgertums dadurch zu sichern, dass die zu besetzenden Ver­waltungspositionen zusätzlich durch Steuerprivilegien, Befreiung vom Kriegsdienst und Bevor­zugung vor Gericht aufgewertet wurden. Auf diese Weise entstand eine neue außer­ständisch-bürgerliche Schicht, die sich weder politisch noch wirtschaftlich, sondern administrativ-kulturell definierte und somit entscheidend zur Entwicklung einer gesamtdeutschen Nationalidee auf kultureller Basis beitrug. Der eigentliche Sieger 1871 bei der Gründung des zentralistischen Kaiserreichs war das nun maßgebende und von der Regierung privilegierte Bildungsbürgertum.
 
In diesem Sinne bedeutete Bildungsbürgertum zunächst einmal, dass man selbstbewusst genug war, viele Einflüsse zuzulassen, tolerant zu sein, und sich nicht abzuschotten. Im Gegenteil: alles Fremde und Neue konnte zur Bildung beitragen und war zukunftsträchtig ganz im Sinne eines großen und schönen aufklärerischen, den Naturwissenschaften verbundenen Geistes. Fast alle dynamischen Anstöße und Entwicklungen in Wirtschaft, Politik, Gesellschaft und Kultur gingen im 19. Jahrhundert von dieser neuen bürgerlichen Schicht aus. Ihre Strategie war Emanzipation und Partizipation, d. h. maßvolle Beteiligung der Bürger an der immer liberaler werdenden Macht. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts schien man dieser Idee relativ nahe gekommen zu sein. Machtpolitisch gesehen, feierte das Bildungsbürgertum dort seinen veritablen Höhepunkt.
 
 
Das 19. Jahrhundert
Doch nicht nur die Bürger strebten nach Selbstbefreiung, sondern zunehmend auch unterbürgerliche Schichten, die sogenannten Massen. Das war ein Phänomen, mit dem große Teile des Bürgertums nicht umgehen konnten. Sie verhielten sich genauso exklusiv und oppressiv wie nur wenige Generationen zuvor der Adel. Die aufklärerischen Maxime mit ihren Schlagworten Toleranz und Liberalität kehrten sich bald ins Gegenteil um.
 
Bereits am Ende des 19. Jahrhunderts sind neue bedenklichere Wesensmerkmale des inzwischen den öffentlichen Geschmack prägenden Bildungsbürgers beschreibbar: Verhaltenheit im Ausdruck von Emotionen, ein eher gebrochenes Verhältnis zur Vitalität, zur Sexualität und zum Körper, Geburtenkontrolle, die Zähmung oder Mäßigung von jeglicher Direktheit, kurz: die Liebe zum Verfeinerten. Das richtige Benehmen, die Sitten des Essens und Trinkens, des Kleidens, des Wohnens, die Normen des Gehörigen, Schicklichen und Anständigen ersetzen immer mehr die ursprünglichen neugierigeren humanistischen Ziele. Die bürgerliche Idee schuf sich das neue Refugium der Privatheit. Das Bildungsbürgertum war es, das - auf Grund seiner besonderen Form der Arbeitsteilung und Produktionsentlastung - der Frau eine neue Stellung in der Gesellschaft zuwies. Die Frauen sollten zuhause bleiben, sich selber mit kulturellen Aktivitäten weiterbilden, gesellschaftliche Repräsentationspflichten erfüllen und vor allem die Bildung der Kinder selber überwachen. Der neue Typus der modernen bürgerlichen Familie (wo es nur noch einen Geldarbeitnehmer gibt) war geboren, privat, individualisiert, intim. Doch das bedeutete gleichzeitig den Zusammenbruch der humanistischen Werte bürgerlicher Kultur, die Freiheit des Individuums schien schlagartig wieder sehr ­begrenzt zu sein. Bei zunehmender Verwissenschaftlichung und Kollektivierung der Gesellschaft durch technischen Fortschritt und den organisatorischen Anforderungen des fortschreitenden Imperialismus wurde die Leistung der Intelligenz zunehmend auf Organisation, Planung und technisch-wissenschaftliche Mittelbeschaffung fixiert. Neue Begriffe wie „entfremdetes Bewusstsein“ oder „entfremdete Arbeit“ machen die Runde. Der Betrieb, die Bürokratie, die Macht, die Stadt, die Gesellschaft, ja sogar die Geschichte - sie alle gerinnen zu einer Schicksalhaftigkeit, die dem Einzelnen allenfalls die Kultur seines Leidens als Rest seiner Individualität lässt. Selbstreflexion und Verallgemeinerung der eigenen, isolierten Situation, das Gefühl der Einsamkeit, Anonymität und Unverlässlichkeit der zwischenmenschlichen Beziehungen macht sich unter dem Bildungsbürgertum in den Ballungsräumen als Grundgefühl breit. 
 
 
Das 20. Jahrhundert
Spätestens mit dem 1. Weltkrieg schwindet dann auch der ungebrochene Glaube an eine rationale Möglichkeit der Auseinandersetzung und Einigung über Konflikte endgültig. In Städten wie Dresden, Weimar, Berlin und München - Städte voller Rentiers und Pensionäre, voller Studienräte, gebildeter Mütter und Künstler -entsteht spätestens dann eine unheilvolle Koalition zwischen einem sich als unpolitisch verstehenden Bildungsbürgertum und einer politischen Rechten. Beseelt vom Wunsch nach „kultureller Wiedergeburt der deutschen Nation“, setzt diese Koalition an, das klassische Erbe militant gegen die junge Republik umzudeuten. Sie vereinnahmt den „Geist von Weimar“ und sieht in der kulturellen Moderne (und dem Aufstand der Massen) eine Gefahr für das „Deutschtum“.
 
Die Republik und ihr demokratischer Geist werden unisono für die politische Demütigung durch Versailles, die ökonomische Krise und für die kulturelle Moderne verantwortlich gemacht. „Niggerjazz“ und „Niggertänze“, Dadaismus und Dokumentarismus, Film und Funk, Kommerzialisierung und die Totalrevision der Darstellungsmittel - all dies erscheint den Gralshütern der deutschen Kunst als „zersetzende“ Macht fremder Kräfte, als Gefährdung ihrer kulturellen Hegemonie.
 
Die Neigung des Bildungsbürgertums, gesellschaftliche Probleme für geistige Probleme zu halten, ist bekannt. So gesehen, musste die internationale kulturelle Moderne als eine Art Enteignung wirken, die einem das nimmt, womit man sich gegenüber anderen und mit anderen identifizierte und womit man von anderen als Gebildeter geachtet wurde: die „deutsche Kunst“. Von daher die (in Frankreich, England oder den usa undenkbare) kollektive Hysterie, wenn es um so harmlose Dinge wie Kompositionstechniken und Malweisen, um Opern- und Theateraufführungen, um das Flachdach oder das Saxophon ging.
 
Ab 1933 beginnt die Staatsmacht mit der Durchsetzung seiner rassistischen Kunstideologie, mit weitgehender Zustimmung der bildungsbürgerlichen Gralshüter einer reinen deutschen Kunst. „Es wäre völlig verfehlt, dieses Bildungsbürgertum parteipolitisch den Nationalsozialisten zuzuschlagen, zumal es häufig elitäre Vorbehalte gegen den braunen Pöbel pflegte. Doch allzu groß sind die Angst vor dem „Kulturbolschewismus“ und die Sehnsucht nach Rettung durch einen kulturbewussten Führer. So schaffte die Ablehnung der kulturellen Moderne eine breite antirepublikanische Koalition. Und wenn es um die Künste geht, dann spricht man eine gemeinsame Sprache. Das antimoderne Ressentiment der Gebildeten formuliert, wenn es der Volkstümlichkeit die Entwurzelung, der Einheit die Zersetzung, der Schönheit die Entartung gegenüberstellt, griffige Antithesen, die von den Nationalsozialisten adaptiert und propagiert werden.“ So schreibt Georg Bollenbeck in der zeit 1999 über „Das Ende des Bildungsbürgers“ und den tiefen Fall der deutschen Klassik in Weimar. „Gerade in Städten wie Weimar wird aber deutlich, wie dieses Bildungsbürgertum, verunsichert durch die kulturelle Moderne, dem Nationalsozialismus als dem selbsternannten Retter der deutschen Kultur entgegenarbeitet. Doch es ist gerade der Nationalsozialismus, der mit seiner „reaktionären Modernität“, mit seinem Nebeneinander von Kulturindustrie und steriler Höhenkunst, von schönem Schein und brutaler Wirklichkeit die Verunsicherung des Bildungsbürgertums noch beschleunigt.“ 
 
Eigentlich hätte damit das Bildungsbürgertum tatsächlich von der Bildfläche verschwinden müssen, zumal im neuen Deutschland nach den Nationalsozialisten, wo auf der einen Seite nun das Kapital und das Großbürgertum wieder das Sagen hatte und auf der anderen Seite die ehemaligen Kleinbürger, Arbeiter und Bauern.
 
Doch die Anpassungsfähigkeit des alten Bildungsbürgertums war groß genug, um sich sowohl in Ost- wie auch in Westdeutschland zunächst unauffällig zu verhalten und nach und nach wieder aus ihren Nischen hervorzuschlüpfen. Und so taucht es plötzlich wieder auf in den großen Romanen der Zeit, ob es Juli Zehs Romane im Westen sind oder Uwe Tellkamps „Der Turm“. Überall tummeln sich wieder Bildungsbürger und streben wie eh und je nach geistiger „Totalorientierung“ über das „Ganze“, d. h. über die grundlegenden Ziele, Werte und Normen der Gesellschaft. Im „Turm“ sind es die Bücher, Musik, Bilder und Photographien aus der Zeit des alten Dresden, die zu Zeitkapseln werden, in denen ein früherer Geist konserviert und in die Gegenwart gerettet wird. Tellkamp gelingt es hier meisterhaft, Bilder zu malen, die keineswegs nur klischeehafte Idyllen wiedergeben und auch im Schrecklichen großartig bleiben. Bilder eines ddr-Alltags, der sowohl ein Sonderbereich einer Nische der Privatheit als auch Teil des Lebens in einer durchherrschten Gesellschaft ist. Das Gefühl der intellektuellen Überlegenheit, gepaart mit dem Gefühl der totalen Ohnmacht und der daraus resultierenden Passivität gegenüber herrschenden Systemen, macht diesen Roman so durch und durch aktuell und trifft offenbar den heutigen Leser mitten ins Herz. 
 
 
Das 21. Jahrhundert
Leben, denken wir heute in Dresden wirklich anders? Am 13. Februar 2010 ereignete sich etwas, was zu Hoffnung Anlass gibt: Nach jahrelanger Tolerierung neonationalsozialistischer ­Umtriebe und Versuche, den Gedenktag zur Bombardierung und vernichtenden Zerstörung Dresdens 1945 für ihre Ziele zu instrumentalisieren, begann sich (bildungs-)bürgerlicher Widerstand zu formieren. Im Zentrum der Stadt hatte Oberbürgermeisterin Helma Orosz zu ­einer Menschenkette aufgerufen zum Gedenken an 1945, aber auch gegen Tausende Rechte, die angereist waren, um die Feier für die Neonazis zu reklamieren. An dieser Menschenkette hatten sich 15.000 Bürger beteiligt. Ein historischer Tag. Zum ersten Mal hatte sich das Dresdner Bürgertum offen gegen braune Invasoren gestellt, Seite an Seite mit der linken und alternativen Szene.