Dramaturg Jens Groß im Gespräch mit Regisseur Wolfgang Engel über seine Arbeit am „Turm“, seinen Versuch, „Warnzeichen“ zu setzen und die Aufarbeitung von DDR-Alltag. Jens Groß: Was interessiert Sie besonders an Uwe Tellkamps „Der Turm“?Wolfgang Engel: Mein enges Verhältnis zu dem Roman hat mich sofort Ja sagen lassen, als ich das Angebot bekam, den „Turm“ zur Uraufführung zu bringen. Das, was ich selber durchgemacht habe an eigener, persönlichster Aufarbeitung beim Lesen des Romans, das will ich gerne weitergeben. Das heißt, ich konnte mich mit meiner Geschichte, die zum Teil total anders aussieht als die hier beschriebene Geschichte, ins Verhältnis setzen zu diesem Roman und damit zur DDR. Und so eine Aufarbeitung von Alltag in der DDR hat, meiner Meinung nach, noch nicht stattgefunden. Einer der Kritikpunkte an dem Roman ist, dass hier versucht wurde, die letzten sieben Jahre der DDR ausgerechnet über ein Bildungsbürgertum zu beschreiben. Inwieweit kann diese besondere Klientel tatsächlich als repräsentativ für den Alltag in der DDR gelten? Grundsätzlich überhaupt nicht, habe ich erst mal gedacht. Auf der anderen Seite hat die Bürgerlichkeit, die in dem Roman untersucht wird, eben doch viel mit dem Alltag in der DDR zu tun. Der „Turm“ ist ein Bild für ein nicht selbst bestimmtes Leben mit anderen Idealen, als sie das herrschende System vertritt, und das wird wie unter einem Brennglas betrachtet. Das Bildungsbürgertum ist Produkt und Fundament der europäischen Aufklärung, seine Ideale stehen plötzlich zur Disposition. Im „Turm“ sieht man eine der letzten intakten Enklaven, die, trotz zweier Diktaturen, ihre Traditionen und Ideale bewahren konnte. Dennoch scheint es für diese Art von Aufklärung kaum mehr eine Zukunft zu geben. Sie rettet sich in Rückwärtsgewandtheit. Genau. Beziehungsweise: Man sieht, dass diese Art von Bürgerlichkeit, zumindest unter den beschriebenen Verhältnissen, totalen Schaden nimmt an sich selbst, an ihrer Seele. Doch mich interessiert daran besonders die Frage: Wie weit geht in einer Gesellschaftsordnung ein taktisches Verhalten eines einigermaßen mit Intelligenz ausgestatteten Menschen, und wo beginnt der Opportunismus? Wenn Sie Gesellschaft sagen, geht es im Roman vor allem um den Kampf von Individuen gegen das Kollektiv, um individuellen Freiraum gegen sozialistische Gleichmacherei. Was ist daran heute aktuell? Diese Gefährdungen von Menschen finden heute genauso statt. Und ich glaube, dass es Sinn macht – im Sinne von Heiner Müller –, Warnbilder aufzurichten, also eine Bühne vorzufinden, wo gezeigt wird, wie doch um Gottes willen die Realität nicht eingerichtet sein sollte. Das halte ich für einen erstrebenswerten moralischen Vorgang. Verantwortlich zu sein. Eine der zentralen Figuren, Christian Hoffmann, wird im Verlauf der Geschichte mit all seinen wunderbaren Anlagen langsam, aber unaufhaltsam zu einem systemkonformen Menschen. Das ist das, was mich ungeheuer berührt an dem Buch, wie und woran ein Mensch kaputtgehen kann. Und er stirbt nicht einmal daran, man weiß nicht, was aus ihm am Ende wird, ob er die Kurve noch kriegt, oder was diese Art von Opportunismus aus ihm macht. Diese Art von Aufgeben, Aufgeben müssen. Da bleibt dann vielleicht nur Flucht oder das Beharren, was ja auch eine Art Flucht ist. Die Suche nach lebenswerten Dingen in der Vergangenheit. Also: Wie entsteht Konservatismus? Der ist ja nicht von vornherein einfach da. Es ist alles – auch das lehrt dieses Buch – gesellschaftliches Verhalten, und man ist ein Spiegelbild oder ein Abbild von gesellschaftlichen Umständen. Sie haben es mit einem buntgemischten, großen Ensemble zu tun, ganz junge Schauspieler, erfahrene ältere West- und Ostschauspieler. Was können Sie über die Probenarbeit miteinander sagen? Vielleicht kann das Unternehmen gelingen, eben weil es so eine bunte Mischung ist. Dadurch haben wir eine Chance, dass es nicht eine Veranstaltung wird, in der wir alten Knacker sagen, wir wissen, wie es war, wir sind im Besitz der Wahrheit. Es macht einfach Spaß, sich untereinander kennenzulernen und das zu tun, was es auf dem Gebiet der ehemaligen DDR nicht gab: nämlich die Aufarbeitung von Alltag, wo jeder gleichberechtigt gefragt ist und die unterschiedlichsten Erfahrungen und Fragen zusammenkommen. Ja, und das muss man alles unter einen Hut bringen. Das ist so ein bisschen wie auf der Suche sein nach einer Art von Wirklichkeit, die über das Theater hinausgeht. „Spaß“ ist vielleicht ein gutes Stichwort. Es wird im Zuschauerraum während der Proben oft gelacht. Ist diese Komik Bestandteil des Buches, oder ist sie eher Ergebnis Ihrer Arbeit, Ihrer Betrachtungsweise? Von einer sicheren Position aus hat man gut lachen. Komik auf dem Theater bedeutet ja immer, wenn es nicht gerade nur albern ist, dass sich Figuren in katastrophalen Zuständen befinden. Und wir unten können uns auf unserem sicheren Parkettsitz geradezu hämisch freuen über die Katastrophen, die da oben stattfinden. Für die betroffene Figur ist es eine Katastrophe, für den Zuschauer ist es ungeheuer komisch. Ich würde gerne wollen, dass man am Anfang viel lacht und am Schluss nicht mehr.