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Geschichte aus einem versunkenen Land | nach dem Roman von Uwe Tellkamp | für die Bühne eingerichtet von Jens Groß und Armin Petras | Regie: Wolfgang Engel | Uraufführung am 24. September 2010 | Schauspielhaus

Oschwitz

Wie ich einmal mit Rainald Goetz über Uwe Tellkamps „Turm“ aneinander vorbeisprach

von Peter Richter

Die Brücke zum Beispiel, die hat Tellkamp eindeutig von mir. Die Brücke über die Grundstraße, davon habe ich immer geträumt, wenn ich die Ulrichstraße runter musste und drüben die Steglichstraße wieder rauf. Denn ich komme sozusagen aus Ostrom, aus dem, was Tellkamp perfiderweise Ostrom nennt, obwohl es Oberloschwitz heißt, wobei Ortsansässige der Art, wie nun ausgerechnet Tellkamp sie dauernd durch seinen Roman dozieren lässt, sicher einwenden würden, dass dieser Ortsteil eigentlich Schöne Aussicht heiße und Oberloschwitz hingegen das sei, was viele fälschlich schon für den Weißen Hirsch halten – so zum Beispiel eben Tellkamp, der seinen Hügel als Hort des Widerstands glorifiziert und meinen dagegen als Nest der Nomenklatura verunglimpft. Literatur darf so etwas, ich weiß. Da ich Tellkamps Buch aber nicht als Leser lesen kann, sondern nur als Insasse, als sein Material, empört es mich natürlich trotzdem, schon weil es in der wirklichen Wirklichkeit, wie ja nun jeder weiß, genau umgekehrt war. Und wenn man bedenkt, dass sogar diese Brücke über die Grundstraße tatsächlich einmal geplant war, irgendwann in den Dreißigern und etwas weiter hinten, dann heißt das nichts anderes, als dass in Tellkamps „Turm“ nichts, absolut nichts ohne Gegenstück in der Realität wäre, nicht einmal das Ausgedachte.

Das habe ich exakt so auch einmal dem Schriftsteller Rainald Goetz verständlich machen wollen, mindestens zur Hälfte sogar im Ernst. Weil er den „Turm“ gerade fertig gelesen hatte und nach „Konkretisierung“ jener „Sehnsuchtsahnungen“ bezüglich der Dresdner Schauplätze verlangte, von denen seine Lektüre des Buchs „so stark belebt und innerlich animiert“ worden war. Und hier wollte ich in original Dresdner Ausführlichkeit gerne behilflich sein. Rainald Goetz hörte sich das auch geduldig an, verstand aber natürlich kein Wort, was ihm keiner verdenken kann. Schon ein Blasewitzer hätte hier ja abgewunken. Rainald Goetz machte aus Ostrom und Loschwitz dann kurzerhand Oschwitz, als er später darüber schrieb. In seinem Buch „Loslabern“ war das, einer wüsten Enzyklika, in der jeder, wirklich jeder Angehörige des sogenannten Kulturbetriebs oder der Medien auf das Übelste und Persönlichste beschimpft und beleidigt und niedergemacht wurde – bis überraschenderweise auf mich, was ausdrücklich an meiner Herkunft aus dresden lag, welches immer mehr wie ein Heterotop durch die deutschen Debatten geistert: Es gab die brd, es gab die ddr, und es gab dresden, irgendwo jenseits von beidem. Ein Ort hinter den sieben Bergen, wo das Fernsehen nicht recht hinreicht und klassische Bildung noch etwas gilt. Ich bejahe das grundsätzlich, gerade in der Fremde, und schwärme hemmungslos von einer Stadt, in der erwachsene Männer in der Lage sind, über eine Elbbrücke epische Feindschaften aufzubauen. So viel zu der Frage, liebe Leser, wer ich denn überhaupt bin: Nachdem jeder Bäcker und Schuster aus dem Tellkamp-Roman in der Lokalpresse zu Wort gekommen ist, ist nun das Personal der Sekundärliteratur an der Reihe. Wir sprachen also, bei einem Empfang in Berlin, über Tellkamps „Turm“, und ich fürchte, wir sprachen eine Dreiviertelstunde aneinander vorbei, denn er sprach über die ddr, ich sprach über dresden. Er war nämlich durch damit und glücklich wie ein Bautzenhäftling nach dem Freikauf, ich steckte noch mittendrin, am Elbhang. So wie früher sozusagen. Und ich wollte da auch gar nicht weg. Ich hatte gar keine Lust auf die Handlung, auf nva und Schwedt und den ganzen erdrückenden Horror, vor dem ich mich, wie Tellkamps Türmer auch, im Kursivgedruckten verkroch. Goetz fand, „Der Turm“ beschreibe die ddr nicht, sondern er „ist diese ganze Welt einfach, man lebt in dem Roman, von Massen von gar nicht erfassbaren Details vollgeballert wie in einer echten Wirklichkeit, eine Art hyperdetaillistischer Totalitätsrealismus.“

Das war, fürchte ich, aber kein Lob, das klang nur so. „Dass man eine Sprache so falsch finden kann“, so Goetz über Tellkamp, „diese ganzen Gewähltheiten des Ausdrucks, das Verzuckerte und Gedrechselte, es war ja alles in der Kritik genug gepriesen und attackiert worden, die in der Sprache selber liegende, von ihr fast schon aggressiv betriebene VER-LANG-SA-MUNG, furchtbar, Folter, dass man also auf der Ur- und Erstebene des Literarischen so unglaublich gequält werden kann, und dennoch mit dem Ganzen der Sache des Romans doch mit der allergrößten Begeisterung mitgeht.“

Mir ging das ehrlich gesagt umgekehrt. Für mich glichen diese Sätze, die sich bis zum Bersten bogen unter der Last ihrer Adjektive, ganz der Vegetation am Elbhang im Sommer, dem Üppigen, dem Überreifen, süßlich Vermodernden; für mich glich das Verzuckerte und Gedrechselte den Ornamenten jener gusseisernen Gartenzäune, wie sie auch Tellkamps Umschlag zieren; und all das Prätentiöse und Altmodische, das ostentativ Konservative, das man Tellkamp oft genug vorgeworfen hat: War das etwa nicht DRESDEN?

Ich habe es jedenfalls geschafft, mich in diese Sprache hineinzuversenken wie in ein Fotoalbum; ich wollte da nicht in erster Linie raus, ich wollte mich noch einmal umschauen. Das entsprach vielleicht nicht ganz den Intentionen des Autors, dann aber doch seinen Mitteln.

Man kann mit dem Buch unter dem Arm, nur zum Beispiel, heute, sozusagen auf der anderen Seite des Doppelpunkts, mit dem Tellkamps Buch endet, noch einmal über den Weißen Hirsch gehen. Jedes einzelne Haus am Elbhang ist, wie mir ein Makler neulich erklärte, seit der Wende mindestens einmal „gedreht“ worden. Er meinte verkauft. Die neuen Besitzer hatten Plastefenster reingemacht, in denen nun die „Zu vermieten“-Schilder baumeln. Kein Putz bröckelt mehr. Man kann jetzt Stuttgart dazu sagen. Tellkamps Türmer werden sich stattdessen in Weißig ein Eigenheim gebaut haben.

Der Dresdner Bildungsbürger war vielleicht schon damals ein Mythos. Ich sehe sie noch, wie sie 1989 in Christoph Heins „Die Ritter der Tafelrunde“ die Luft anhielten, wie sich sogar das Publikum mutig fühlte, als die Schauspieler sagten, sie träten aus ihren Rollen heraus. Und ich sehe sie bei der sogenannten Künstlerdemonstration feierlich hinter ihren Bärten herlaufen, als längst keine Gefahr für Leib und Leben mehr bestand. Vermutlich haben sie weniger beigetragen zum Ende der DDR, als sie glauben, aber ich habe sie trotzdem immer gemocht; dieser Christian Hoffmann in Tellkamps Roman – das waren ja wir, ein bisschen jünger zum Glück, und auch weniger streberhaft hoffentlich, aber ansonsten: Ich hatte über weite Strecken das Gefühl, Tellkamp hätte ein Richtmikrofon in meine eigenen 80er-Jahre am Körnerplatz gehalten. Der Bezahlmechanismus an der Standseilbahn! War mir völlig entfallen. Rainald Goetz muss diesen Detailfetischismus als stasiaktenhaft empfunden haben, für mich war es ein Akt der Archäologie. Und bezeichnend ist, dass es Tellkamp gewissermaßen mit seinem eigenen Gegenstand zu tun bekam, als er den Frankfurter Buchpreis mit einer Original Loschwitzer Winzermütze auf dem Haupte entgegennahm: Alle Welt dachte, das sieht zwar nicht sehr vorteilhaft aus, aber wenigstens daheim in diesem Loschwitz werden sie zu Tränen gerührt sein; und dann wollte niemand in Loschwitz von so einer Mütze je gehört haben. Auch der Stolz auf den Ihren hielt sich naturgemäß erst einmal skeptisch in Grenzen. Tellkamp hatte, wie so viele, den Nachteil, nicht vor 1900 gewirkt zu haben.

Ich finde so eine Haltung natürlich prinzipiell fantastisch. Mitten im immerzu werdenden Berlin ist es mir auch jeden Monat aufs Neue ein Genuss, mich in den Wunderlichkeiten des Elbhangkuriers zu verlieren, und so oft es geht, fahre ich natürlich zum Elbhangfest, wo es immer passieren kann, dass im liebevoll verwilderten Garten eines Winzerhauses die Kinder in weißem Linnen einherschreiten und alte Weisen singen zum selbstgemosteten Most, bis ich nicht mehr weiß, ob ich Peter oder Ludwig Richter heiße. Ich stelle mir dann vor, dass die Eltern dazu anderentags in einem futuristischen Max-Planck-Institut verschwinden oder Mikrochips zusammenbauen. Und wirklich provinziell an dieser „pädagogischen Provinz“ ist am Ende eigentlich immer nur die Angst, provinziell zu sein und deshalb ständig irgendwas „brechen“ zu müssen wie so ein aufmerksamkeitsdefizitäres Kind. So entstehen dann Dinge wie dieses alberne Gestänge auf dem Postplatz. Oder das am Landhaus.

Wenn ich heute durch die Dresdner Innenstadt gehe, komme ich mir vor wie ein verwirrter Rentner: Ich finde mich gar nicht mehr zurecht. Genauer: Ich fühle mich endlich den legendären Dresdner Omis nahe, die ich in meiner Kindheit schimpfend über ihren Eierschecken hocken sah: Dies da draußen sei nicht mehr ihre Stadt.

Da, wo mal die Prager Straße war, sehe ich etwas, das so aussieht wie das, was ich sehe, wenn ich bei der Durchfahrt durch Bielefeld aus dem Zugfenster schaue. Und wenn ich am Altmarkt diese sogenannte Galerie betrete, ich weiß nicht, dann habe ich das Gefühl, ich komme in Bochum wieder heraus. Nichts gegen Bochum und erst recht nichts gegen Bielefeld. Aber ich will mein dresden zurück. Ich will die Prager Straße wieder haben, wie ich sie kannte. Lieber eine gescheiterte Magistrale als eine mediokre Ramschmeile; ich fordere die originalgetreue Rekonstruktion des Zustands zur Zeit der Schlachten vom Oktober 1989.

Von Tellkamps Türmern lernen heißt nämlich siegen lernen. Und auch wenn das womöglich eine grobe Zweckentfremdung dieses letzten großen Romans über den notwendigen Untergang der ddr ist: Bei mir steht Tellkamps „Turm“ direkt neben Löfflers „Das alte Dresden“, und ich glaube tatsächlich, er fühlt sich nicht ganz unwohl da.

Peter Richter, geboren 1973 in Dresden, ist Kulturredakteur bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Sein Essay enstand für diese Saisonvorschau.