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von William Shakespeare | Deutsch von August Wilhelm Schlegel | Regie: Simon Solberg | Premiere am 19. September 2009 | Schauspielhaus

Gespielt, gebastelt, gefunden und gelebt

Eine erste Begegnung mit dem Regisseur Simon Solberg

von Jens Groß

Vor ungefähr sechs Jahren, beim Besuch einer Vorstellung in Düsseldorf, fiel mir ein junger, athletischer, leidenschaftlicher und dennoch höchst disziplinierter Schauspieler auf, den ich nach der Vorstellung sofort kennenlernen wollte. Der junge Mann hieß Simon Solberg, saß in Hip-Hop-Kleidung vor mir, trank keinen Alkohol und war Schauspielschüler an der Folkwang Hochschule in Essen. Ich fragte ihn, ob er Interesse hätte, nach der Schule ans Schauspiel Frankfurt ins Ensemble zu kommen. Mein Angebot schmeichle ihm, aber da sei ich bei ihm leider an der falschen Adresse. Er habe nicht vor, als Schauspieler zu arbeiten. Er würde sich freuen, wenn ich ihn engagieren würde, aber als Regisseur. Nur auf der Bühne stehen, das reicht mir nicht, mich interessiert das große Ganze, die Aussage eines Stückes, eines Abends. Ich glaube an so Dinge wie die große Liebe und die Veränderbarkeit der Welt; und ich will den größtmöglichen Einfluss auf die Suche danach haben. Ich habe Schauspiel studiert, damit ich nicht als Polier auf den Bau komme, ohne erfahren zu haben, wie es ist, Maurer zu sein. Dank der Schauspielausbildung weiß ich, dass es die Hölle sein kann, drei Meter auf der Bühne zurückzulegen, wenn man nicht bei jedem Schritt genau weiß, was man da oben macht und vor allem warum. Zu wissen, wie sich diese Suche, diese Nacktheit auf der Bühne anfühlt, ist, meiner Meinung nach, elementar, wenn man erreichen will, dass die Schauspieler mit einem gemeinsam eine imaginäre Grenze überschreiten, inhaltlich und ästhetisch.

Anderthalb Jahre später bekam Simon Solberg das Angebot, als Regieassistent am Schauspiel Frankfurt anzufangen. Schnell war seine Affinität zu dem damaligen Hausregisseur Armin Petras ersichtlich, dieser entdeckte und förderte seinerseits Solbergs außergewöhnliches Talent für die Choreografie von Fecht- und anderen Kampfszenen. Doch am meisten überraschte, wie übergangslos der junge, wild und chaotisch aussehende Assistent den Theaterapparat und seine Mitarbeiter für sich gewinnen konnte. Vor allem die jungen Schauspieler des Ensembles drängten darauf, mit ihm arbeiten zu können. So kam es, dass Simon Solberg sehr schnell eine erste Talentprobe am Schauspiel Frankfurt ablegen durfte. Seine erste Inszenierung Odyssee reloaded wurde ein Geheimtipp für Frankfurter Nachtschwärmer, darauf folgten größere Inszenierungen wie Kleists Familie Schroffenstein und Cervantes Don Quijote, beides Arbeiten, die auf Anhieb Einladungen aus dem In- und Ausland erhielten und auf Talentfestivals wie Radikal jung in München die Kritik ebenso wie ein überwiegend junges Publikum überzeugten.

Inzwischen inszeniert Solberg regelmäßig in Frankfurt, Mannheim, München und Berlin. Jürgen Berger, Theaterkritiker der Süddeutschen Zeitung, schrieb vor Kurzem: Spätestens seit Don Quijote können die Frankfurter bemerken, dass da ein 28-jähriger Regisseur auf dem besten Wege in Richtung erste Regieliga ist. Der Mann lässt dem Zuschauer keine Chance und nötigt ihm intellektuell anspruchsvolle Unterhaltung auf, indem er auf das Prinzip Fantasie setzt, dabei aber nicht willenlos im weiten Land der Assoziationen schweift, sondern seine Inszenierung immer nah am Stück oder der Romanvorlage entwickelt. Bemerkenswert ist, dass Solberg die Abenteuer des Quijote zum Beispiel auf der Grenze von fiktionaler Medien- und tatsächlicher Bühnenwelt inszeniert. Simon Solberg umspielt raffiniert die Schnittstelle von Film und Bühne, indem er den Don Quijote zusammen mit seinem Sancho Pansa von der Bühne verschwinden und in einzelne Leinwandabenteuer abtauchen lässt, bevor sie vom Abenteuer wieder ausgespuckt werden und durch die Leinwand auf die Bühne hechten.

Bei Solberg wird nicht einfach nur erzählt, sondern rasant gespielt, gebastelt, gefunden und gelebt. Aus Kleists sprachmächtigem Drama Die Familie Schroffenstein wird in Frankfurt kraftvoll-körperliches Sinnentheater. Akrobaten, Capoeira-Tänzer und Hip-Hop-Musiker aus der Stadt spielen gemeinsam mit Ensemblemitgliedern den Konflikt der Häuser Warwand und Rossitz als Bandenkrieg, in dem es nicht mehr um die Verteidigung von familiären Besitztümern, sondern bereits um die Vorherrschaft globalisierter Wirtschaftsinteressen und den Widerstand dagegen geht. In Don Quijote stemmt sich der Protagonist statt gegen Windmühlen gegen die Zahnräder des Kapitalismus, in diesem Fall das Hochhaus der Commerzbank in Frankfurt. Einen anderen Teil seiner Abenteuer erlebt er im virtuellen Raum als Mitspieler und Zielscheibe eines Videospiels. Und das Erstaunliche: Diese wilde, unbändige Mischung aus spielerischem Spaß, zeitgenössischer Coolness, Gesellschaftskritik und berührenden Momenten funktioniert; es ist unbändiges, lebendiges Theater, das bei jedem Publikumsgespräch zu leidenschaftlichen Auseinandersetzungen führt. Simon Solberg liebt Publikumsgespräche: Da kann man dann endlich auch mal sagen: Bis zu dieser Stelle sind wir gekommen, da wussten wir auch nicht weiter. Da kann man feststellen, was die Zuschauer bewegt und was nicht, wo sie bereit sind, mitzugehen, und wo nicht. Besonders schätzt er zudem die Techniker als Stimmungsbarometer. Wenn sie gerade Pause haben und nicht rauchen gehen, sondern gebannt oder amüsiert sitzen bleiben, dann weiß ich, dass wir auf einem guten Weg sind.

Bei allem Polit-Pop, bei aller Hip-Hop-Bastelei und medientechnischer Raffinesse sind Solbergs Inszenierungen vor allem aber Schauspielertheater. Die Schauspieler und die Arbeit mit ihnen stehen absolut im Zentrum: Sie werden gefragt, werden motiviert, gemeinsam Grenzen zu überschreiten, aber auch gemeinsam gegen vorgefertigte Hierarchien und Strukturen anzutreten. Solberg inszeniert mit einer Mischung aus Vorgaben und einem hohen Anteil an Improvisation. Welche Methode die Oberhand gewinnt, liegt oft an den jeweiligen Verfasstheiten. Wenn ein Schauspieler morgens zum Beispiel noch nicht so ganz wach ist, ist er dankbar für ein Gerüst oder einen Einfall des Regisseurs. Andererseits profitiere ich als Regisseur sehr von szenischen Angeboten, weil mich jeder Vorschlag wieder zu weiteren Ideen führt. Das ist auch wieder ein Grund, warum ich Theater mache: weil alles über das Spiel geht, über das Ausprobieren, Basteln, Erfinden. Und am Ende stehen dort dann plötzlich eine echte Haltung und echtes Gefühl.