William Golding

geboren 1911 in Columb Minor, Cornwall, studierte in Oxford ­Naturwissenschaften, dann Anglistik. Er war Lehrer, im Krieg Marineoffizier. Längere Zeit lebte er in den usa, davon ein Jahr im Hollings ­College, Virginia. 1934 trat Golding mit ­Gedichten an die Öffentlichkeit. Sein erster Roman „Herr der Fliegen“ (1954) erregte in ­England und Amerika großes Aufsehen und hatte auch in Deutschland eine nachhaltige Wirkung. Für seinen Roman „Das Feuer der Finsternis“ wurde Golding 1980 mit dem Booker-Preis aus­gezeichnet. 1983 wurde ihm der Nobelpreis für Literatur verliehen. William Golding starb im Juni 1993 in Cornwall.
Unberührt von der britischen Literaturentwicklung der 1950er bis 1980er Jahre, schuf William Golding sein sich in der einheimischen literarischen Landschaft monolithisch ­ausnehmendes Erzählwerk. Als 1983, nach drei Jahrzehnten, mit Golding erneut ein britischer Autor mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet wurde, lautete die offizielle Begründung, sein Romanschaffen beleuchte „mit der Klarheit realistischer Erzählkunst und der Mannigfaltigkeit und Universalität des Mythos die conditio humana in unserer heutigen Welt“.
Tiefprägend für Goldings Weltsicht waren seine Zweifel an der liberalistischen Fortschrittsgläubigkeit des Elternhauses und, wenige Jahre nach seinem Oxfordstudium, die Teilnahme des Englisch- und Geschichtslehrers als Marineoffizier am Zweiten Weltkrieg. Das eigene ­Erleben von Zerstörung und Tod habe ihn, sagte er 1963, davon überzeugt, dass die Menschheit von einer „schrecklichen Krankheit“ befallen sei, deren Wurzeln er in sich selbst – im Individuum – nachspüre. Schon in seinem ersten Roman wird sie durch den Titel „Lord of the Flies“ unter Anspielung auf das hebräische ba'al zebūb als das Satanische, Böse, ­Destruktive benannt und im Gang der fiktiven Ereignisse als im Menschen befindlich diagnostiziert. ­Paradigmatisch für sein weiteres Schaffen entwarf Golding eine einfache, jedoch ­ungewöhnliche Geschichte darüber, wie unter scheinbar idyllischen Umständen ­unschuldiges Kinderspiel zu ­grau­samem Kinderkrieg pervertiert, eine Geschichte, die er, nachhaltig beeinflusst von der ­antiken ­griechischen Tragödie, auch als „moralische“ bzw. „tragische Lektion“ begriff.
Ihre oft erhebliche Komplexität erfahren Goldings Werke durch gleichnishaft-­allegorisierende Verfahren und relativierende erzählerische Perspektiven – etwa, wenn am Ende von „Lord of the Flies“ die Mikrowelt der Kinder mit deren tödlicher Kriegsführung abrupt in die nun als Vordergrundhandlung fungierende Makrowelt der Erwachsenen und des atomaren Weltkriegs „hinübergerettet“ wird. Hinzu kommt, dass Goldings Romane sich durch eine ­überaus reiche Intertextualität auszeichnen. Auf solche Weise wird das Erstlingswerk auch zur Anti-­Robinsonade und zum ideologieträchtigen Gegenentwurf zu Robert M. Ballantynes ­viktorianischem Kinder- und Abenteuerroman „The Coral Island“ (1858). Bereits in den 1960er Jahren erlangte es wohl auch wegen seiner anti-utopischen und postimperialen Züge den ­Status eines Kultromans unter der akademischen Jugend, zunächst in den usa. Inzwischen in 26 Sprachen übersetzt und zweimal verfilmt (1963 und 1990), genießt der Roman u. a. als ­Schullektüre eine anhaltende weltweite Verbreitung.