Kein Raum für Einschüchterungen

In der Nacht von Montag auf Dienstag, den 8. November 2016 ereignete sich ein Sprengstoffanschlag auf eine Spielstätte des Chemnitzer Theatertreffens „Unentdeckte Nachbarn“[1]. Das Festival, an dem sich auch das Staatsschauspiel Dresden beteiligt, setzt sich in Theateraufführungen, Diskussionen und Installationen mit den Morden des selbsternannten NSU und den gesellschaftlichen Phänomenen Nationalismus und Fremdenhass auseinander. Fragen an die Kuratorin, künstlerische Leiterin und Regisseurin Laura Linnenbaum.

Kann man heute noch von einer rechtsextremen Parallelgesellschaft sprechen oder ist ein solches Denken längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen?

Ich würde sagen, es war noch nie nicht in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Die Begriffskonstruktion „Extremismus“ soll uns ja suggerieren, dass es eine stabile Mitte gibt, an deren Rändern fremdkörperartig Auswüchse wuchern, die die Demokratie gefährden. In der Realität ist das meiner Meinung nach noch nie so klar zu trennen gewesen: rechtspopulistische und auch gewaltbereite Tendenzen sind vielmehr die radikale Zuspitzung von Einstellungen und Ängsten zu gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit einer viel größeren Masse. Da gilt es, sich dann ab einem gewissen Punkt an die eigene Nase zu fassen. Beängstigend ist aber vor allem, wie soziale Ängste immer öfter und vor allem immer offensichtlicher und in verschiedensten politischen Kreisen nicht ernst genommen und an der Wurzel des Problems bearbeitet bzw. gepackt, sondern auf einfache Feindbilder enggeführt werden.

Das „Lokomov“ in Chemnitz, Ziel des Anschlags in der Nacht zu Dienstag, war in der Vergangenheit immer wieder Angriffspunkt für rechtsradikale Übergriffe.[2] Wächst die Angst vor tätlichen Bedrohungen? Wie können wir mit dieser Angst umgehen?

Zunächst sollte man nicht zulassen, dass sich derlei Ereignisse vor das drängen, was wir – auch im Rahmen dieses Theatertreffen – als positiv erfahren haben und erfahren. Dass es in der Kunst, Politik, Wissenschaft und der Zivilgesellschaft ein gemeinsames Interesse gibt, aufzuarbeiten, zu erinnern, sich zu positionieren und sich auch kritisch mit sich selbst zu beschäftigen. Daran sollten wir festhalten und einschüchternden Provokationen keinen Raum geben! Je wacher eine Zivilgesellschaft ist, auch schon bei kleinen Anzeichen von Intoleranz füreinander einzustehen, Ausgrenzung, gewaltverherrlichende Parolen und Übergriffe auf Minderheiten nicht schweigend hinzunehmen, desto schwieriger wird es, einzelne von uns herauszugreifen und körperlich zu bedrohen.

Welche Rolle spielt die Kunst und speziell das Theater in dieser Zeit sich verschärfender gesellschaftlicher Konflikte? Oder – anders gefragt – welche Rolle sollte das Theater heute spielen?

Utopisch gedacht ist das Theater zum einen noch immer ein Ort der Zusammenkunft und der Auseinandersetzung. Und in dieser Funktion ist das Theater mehr denn je dazu aufgerufen, uns zu einer Haltung gegenüber diesen ganzen Entwicklungen herauszufordern. Zum anderen liegt die Widerstandskraft des Theaters darin, dass es ein Ort der Kunst ist, der Phantasie und der Möglichkeiten. Ein Ort, wo Fragen aufgeworfen und Zukunftsvisionen gesponnen werden können und dürfen. Theater ist sinnlich und gemeinschaftlich, es hat darin die Narrenfreiheit, gewisse Themen zurückzuerobern und neue Perspektiven zu eröffnen, Ungehörtem Gehör zu verschaffen und vor allem hinter Zusammenhänge zu schauen und gesellschaftliche Strukturen zu durchleuchten, so dass wir aus der Ohnmacht herauskommen und mögliche Handlungsspielräume entdecken, die vor lauter Schranken im Kopf derzeit verschlossen scheinen.

Laura Linnenbaum arbeitete als Regisseurin u. a. in Bonn, Kassel und Frankfurt. Sie ist Kuratorin und künstlerische Leiterin des Theatertreffens „Unentdeckte Nachbarn“ und inszenierte im Rahmen des Festivals „Beate Uwe Uwe Selfie Klick – Eine europäische Groteske“ (UA). In der Spielzeit 2016/2017 wird am Staatsschauspiel Dresden von ihr die Uraufführung von Ibrahim Amirs neuer Komödie „Homohalal“ zu sehen sein.

[1] unentdeckte-nachbarn.de
[2] www.tagesspiegel.de/politik/explosion-in-sachsen-anschlag-auf-chemnitzer-kuenstlerclub/14810304.html

Pressemeldung zum Anschlag auf das Chemnitzer Kulturprojekt „Lokomov“ (Veranstaltungsort des Theatertreffens „Unentdeckte Nachbarn“) (415 kB)