Jan Neumann bringt uns Menschen nah, die zumeist sehr unspektakulär erscheinen. Wie zum Beispiel in seiner ersten Dresdner Arbeit „Gott allein“ jenen Harald Zwilling mit seinen multiplen Brüdern im Geiste. Es geht ihm darum, wie sich Figuren vorsichtig aus der Deckung ihres emotionalen Panzers wagen und beginnen, langsam ihrer inneren Stimme zu folgen. Aus vielen szenischen Fragmenten, die sich erst sehr spät im Verlaufe der Probenarbeit zu einem ganzen Stück hin entwickeln, spürt man die große Sehnsucht des Autors heraus, im Theater Geschichten erzählen zu wollen, die berühren, weil sie eben mit dem Leben zu tun haben. Ganz alltägliche, kleine Dramen, wie sie jedes Leben bereit hält. Aber Neumanns Arbeitsform ist durchaus ungewöhnlich und gewöhnungsbedürftig. Das Stück entsteht erst auf den Proben. Was? Zum Probenbeginn kein fertiges Stück? Warum produziert man denn nicht einfach fertige Stücke? Letzteres tut das Theater ja in der Regel auch, manchmal aber ist es auch angebracht, neue Produktionswege einzuschlagen, um vielleicht zu anderen, als vorher erwartbaren Ergebnissen zu kommen, zumal wenn man einen Regisseur und Autor zur Verfügung hat wie Jan Neumann, der das Prinzip Stückentwicklung in vielen deutschen Städten schon sehr erfolgreich praktiziert hat. „Entscheidet sich ein Theater für Jan Neumann und steht auf dessen Vertrag ‚Stückentwicklung‘, bekommt es genau das. Was dabei allerdings herauskommt, weiß niemand. Sobald Neumann mit den Schauspielern improvisierend Text entwickelt, dem er in einsamen Abend- und Nachtstunden die Struktur einer literarischen Erzählung verleiht, entsteht ein Stück ‚on demand‘ “ (Süddeutsche Zeitung 1. Dezember 2009). Stückentwicklungen heißt bei Jan Neumann, dass er mit einem Thema (in diesem Fall: „allein“) und einigen ersten Ideen und Schlüsselbegriffen (aber ohne fertigen Text) auf die erste Probe kommt und dann gemeinsam mit seinem Ensemble in Diskussionen, Improvisationen und biographischen Erkundungen diesen ersten Spuren und ihrer möglichen gesellschaftlichen Relevanz nachgeht. Aus den auf Proben gesammelten Bausteinen montiert er zuletzt (abends nach der Probe) ein Stück, das individuell auf den Spielort und die Mitspieler zugeschnitten ist und dennoch die Handschrift des Autors trägt. Eine maßgeschneiderte Uraufführung sozusagen. Dass so ein Experiment überhaupt gelingen kann, liegt natürlich an der sprachlichen und dramaturgischen Qualität des hochtalentierten Autors. Und dennoch das Besondere daran ist die Methode, dass der Regisseur und Autor mit seinen Schauspielern zusammen das Stück erarbeitet, die Schauspieler zu seinen Koautoren macht. Vieles ist aus der Improvisation und aus Diskussionen heraus entstanden, hat das Schreiben des Autors beeinflusst. Die Logik der Ereignisse wird dann aber wieder von der Erzählstruktur, das heißt von der Logik des Autors bestimmt und führt dadurch zu einer Mischung aus detailgenauer Erzählung, Monologen und Dialogen. Aus diesem Wechselspiel ergibt sich weiterhin eine sehr eigene Spielform: Die Schauspieler erzählen am Ende zum Teil eigene, immer aber vom Autor verdichtete und erweiterte Texte, schlüpfen dann flugs in eine andere Rolle und switchen dann wieder zurück, mal sind sie Hauptfiguren in ihrer eigenen Episode, mal Nebenfiguren in den anderen, mal sind sie Erzähler, mal betroffene Figuren. Das führt zu einem sehr unterhaltsamen Theaterspiel, wo es vor allem um den Menschen und auch um die komische Seite des Menschlichen geht.Jan Neumann mag seine Figuren, mag Menschen und schaut mit kritischem Blick, aber voller Humor auf die Welt. Und er, der seine künstlerische Karriere selber als Schauspieler begonnen hatte, liebt seine Schauspieler, denen er eben zutraut, auf Grund ihrer Profession selber auch einen sehr guten Blick auf das Menschliche zu haben.