Werte Zuschauerinnen und Zuschauer, 
 liebe Freunde des Staatsschauspiels,

der Umgang mit der Geschichte ist, wie wir alle wissen, ein komplizierter und vielfältig interpretierbarer. Wir starten in die 100. Spielzeit, orientieren uns dabei natürlich an der Baugeschichte des Schauspielhauses, denken aber auch über die Identität einer künstlerischen Institution, des Staatsschauspiels, nach, also einer Institution, die zwischen 1913 und heute einige Male ihren Namen – angepasst an staatliche Hoheitsbedürfnisse – ändern sollte. In einigen der wachsenden Städte wurden um die vorletzte Jahrhundertwende jene großen Theater begründet, die bis heute die deutschsprachige Kulturlandschaft prägen. Sie waren Orte der Selbstfindung, Identität und Repräsentanz sowie Ausdruck des Stolzes und der Würde eines neuen Bürgertums, das sie geistig und finanziell trug. Vieles von diesem Anspruch charakterisiert auch 100 Jahre später das Theater der Gegenwart, andere Aufgaben von Kunst, Kultur und Bildung sind hinzugekommen in einer medial durchdrungenen und vernetzen Welt, die geprägt ist von schnell wechselnden Bildern und Werten sowie von rasant wachsenden Kräften ökonomischer, sozialer und ästhetischer Divergenz. Vielleicht dient gerade eine Jubiläumsspielzeit dazu, besonders intensiv über die Zukunft des Thea­ters in unserer Gesellschaft nachzudenken, über dieses Medium der Modelle und Versuche, des Ausprobierens und des Wandels, welches gleichermaßen aber ein großer Erinnerungsspeicher ist.

Ein Jubiläum soll sich nicht in einem feierlichen Akt erschöpfen – der natürlich auch dazugehört. In der kommenden Spielzeit wird bei uns ein buntes Mosaik aus Veranstaltungen, Publikationen, Ausstellungen, Gastspielen und Konzerten, Inszenierungen und Performances, Gesprächen und Lesungen entstehen – aus vielem, was im Dreieck zwischen Geschichtsreflexion, Gegenwartsbefragung und Zukunftslabor den Anlass aufnimmt und mit ihm so spielt, wie es einem Theater zukommt. Das Sonderheft, das unser Spielplanheft 2012.2013 ergänzt, soll Sie herzlich einladen und verführen, mit uns gemeinsam zu feiern; wir denken, es gibt vieles zu entdecken.

Nehmen Sie beispielsweise im Herbst das dicke Buch in die Hand: Ein 400-seitiger Text- und Bildband (herausgegeben im Verlag Theater der Zeit) ermöglicht einen stolzen wie kritischen Blick zurück mit Beiträgen von Wolfgang Engel bis Uwe Tellkamp, Peter Kulka bis Friedrich Dieckmann, einer historischen Gesamtdarstellung von Peter Michalzik und einem Fotoessay von Matthias Horn. Daneben steht gleich zu Beginn der Spielzeit ein prominent besetztes analytisches Gespräch (auf Einladung von MDR und DIE ZEIT) über die Zukunftschancen des deutschen Stadttheatersystems. Der Freistaat Sachsen nimmt den runden Geburtstag zum Anlass, das Schauspielhaus mit einem neuen Kassen- und Servicezen­trum zu versehen, damit sein Gesicht zum Postplatz hin neu zu gestalten und das Haus hin zur neu definierten städtischen Situation zu öffnen – und der belgische bildende Künstler und Kurator Luc Tuymans (der für das Albertinum eine große Ausstellung vorbereitet) wird mit zwei Werken die Eingangsbereiche des Hauses neu akzentuieren. Die Achtung der Tradition und die Weiterentwicklung eines lebendigen, der Gegenwart dienenden Hauses bedingen einander. Ein Konzert der Dresdner Philharmoniker lässt eine musikalische Geschichte des Staatsschauspiels vor dem Hintergrund der Zeitgeschichte erklingen, während die Studenten der Bühnenbildklasse der Hochschule für Bildende Künste Dresden die Geschichten und Mythen des Hauses visuell und performativ neu aufleben lassen. Gibt es Wahrheit in der Erinnerung? 100 Porträts von Dresdnern, die zwischen 1913 und 2013 geboren wurden und die alle ihre großen und kleinen Lebensbezüge zu diesem Theater haben, machen, aufgenommen vom Fotografen Heiko Schäfer, die große Spanne der Zeitgeschichte deutlich, denn das Haus ist ein Haus der Menschen, ihrer Blicke und Haltungen. 100 Dresdner werden auch bei „100 Prozent Dresden“, in Szene gesetzt von Rimini Protokoll, auf der Bühne stehen und eine „statistisch exakte“ Auskunft über Befindlichkeit und Zustand dieser Stadt geben. Prominente Schauspielergäste, um mit Hannelore Hoger, Dagmar Manzel, Katharina Thalbach, Ulrich Matthes und Manfred Krug nur einige zu nennen, lesen für Sie wichtige literarische Texte aus den letzten 100 Jahren, und Autoren der Gegenwart wie René Pollesch, Lutz Hübner oder Ingo Schulze schreiben für uns Texte, die Sie in Uraufführungen sehen können. Pamela Carter und Christian Lollike blicken aus England und Dänemark mit ihren Stücken über die europäischen Grenzen.

Theater kann ein großes Fest sein, ein Anlass, um sich zu treffen, mit Freunden zusammen zu sein, zu spielen, zu reden, sich Geschichten zu erzählen. Natürlich lädt man zu solch einem Jubiläumsfest Gäste ein, die man lange nicht gesehen hat, die von weit her anreisen und Geschenke mitbringen. In unserem Falle sind das die renommiertesten, traditionsreichsten Theater des deutschsprachigen Raums, die mit großen, vielfach beachteten Inszenierungen zu uns kommen: das Burgtheater aus Wien, das Thalia Theater aus Hamburg, das Deutsche Theater aus Berlin, das Zürcher Schauspielhaus und das Schauspiel Frankfurt. So findet in Dresden zwischen Januar und Juni 2013 ein außergewöhnliches Theatertreffen statt, bei dem mit Barbara Frey, Nicolas Stemann, Matthias Hartmann, Michael Thalheimer und Stephan Kimmig wichtige Regisseure des Gegenwartstheaters mit ihren Inszenierungen präsent sind, Sie als Zuschauer aber auch die Chance haben, großartige Schauspieler zu erleben, die Sie bisher noch nicht von der Bühne kennen. Eine Gastspielbegegnung mit internationalem Charakter kommt hinzu: Aus weiter Ferne reist ein großer Frauenchor aus Uruguay mit einer politisch hochbrisanten Inszenierung des in Dresden wohlbekannten und geschätzten Regisseurs Volker Lösch an.

Die weitere Öffnung des Staatsschauspiels hin zu internationalen Partnerschaften bildet eine vornehme Aufgabe in dessen 100. Jahr. Gemeinsam mit dem Teatr Polski Wrocław werden wir mit einem polnisch-deutschen Ensemble und dem Regisseur Jan Klata anhand von Shakespeares „Titus Andronicus“, der blutigen Tragödie des Krieges zweier Völker, über Zivilisation und Barbarei nachdenken. Die Inszenierung steht dann kontinuierlich auf dem Spielplan beider Theater und wird begleitet von einem Jugendaustauschprogramm. Außerdem entwickeln vier Autoren aus Großbritannien, Kroatien, Polen und Deutschland gemeinsam ein Stück, das durch Europa touren wird …

All dies und vieles mehr, das Sie in unserem Sonderheft und im Laufe der Spielzeit entdecken werden, reicht weit über unseren normalen Spielplan und damit auch über unsere eigenen finanziellen Möglichkeiten hinaus. Wir haben – um dies für Sie zu realisieren – starke Partner gewonnen, die uns unterstützen. An erster Stelle seien hier die Ostdeutsche Sparkassenstiftung mit der Ostsächsischen Sparkasse Dresden genannt, die mit großem Engagement als Hauptförderer des gesamten Sonderprogramms die 100. Spielzeit begleiten. Ebenso hat der Freistaat Sachsen sich zu einer zusätzlichen Förderung für das Jubiläumsprogramm entschlossen. Hinzu kommt eine Vielzahl von Stiftungen, öffentlichen und privaten Förderern und Freunden, Kooperations-, Koproduktions- und Medienpartnern. Das ist nicht selbstverständlich. Für die Unterstützung und die vielen inhaltlichen Impulse und Anregungen danken wir sehr herzlich; und für das Bewusstsein unserer Mitstreiter, dass Theater eine gemeinsame Angelegenheit ist, ein zentraler, lebendiger und notwendiger Ort der Recherche und der Repräsentanz in dieser Gesellschaft – und dass dies gerade zu solch einem Anlass deutlich gemacht werden sollte.

Seien Sie uns willkommen in der 100. Spielzeit. Wir freuen uns auf Sie.
Wilfried Schulz
Intendant Staatsschauspiel Dresden

Das Sonderheft 100. Jahre Staatsschauspiel Dresden zum Download (7154 kB)
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