Werte Zuschauerinnen und Zuschauer, 
 liebe Freunde des Staatsschauspiels,

Theater legitimiert sich in seiner Gegenwärtigkeit, im wunderbaren Moment zwischen Zuschauer und Spieler, in der gedanklichen Begegnung einer Stadt mit ihrer Bühne, auf der die Fragen der Gesellschaft verhandelt werden. Kein Medium der Kunst scheint flüchtiger als das Theater. Dennoch: Die Spielzeit, die wir jetzt beginnen, ist die 100. des Staatsschauspiels. 1913 wurde das Schauspielhaus eingeweiht, das Bürgertum der Stadt schuf sich einen Ort der Selbstverständigung und der Repräsentation, einen Ort, der ihm schnell ein eigener und wichtiger wurde. Seitdem spiegelt dieses Haus, diese Institution die politische, die soziale und die individuelle Geschichte wider, erzählt Geschichten und Schicksale, stellt Thesen auf, bemüht sich – oft erfolgreich und die Dinge auf den Punkt bringend, manchmal fragend und zweifelnd –, Gegenwart zu begreifen und begreifbar zu machen.

Lebendiger denn je soll das Theater, das immer wieder zu den großen und wichtigen des Landes zählte, in seiner 100. Spielzeit sein; das ist die Verpflichtung, die wir aus dem Jubiläum ableiten. Wir stellen uns den großen literarischen Stoffen – wie „Hamlet“, „Dreigroschenoper“, Sartres „Fliegen“ (eine Bearbeitung der „Orestie“), „Titus Andronicus“, Schillers „Jungfrau von Orleans“ – und lassen sie in unserem Spielplan den neuen Stücken wichtiger Gegenwartsautoren begegnen. René Pollesch arbeitet zum ersten Mal in Dresden, Lutz Hübner hat für die große Bühne geschrieben, der dänische Autor Christian Lollike hat einen „fremden Blick“ auf Dresden geworfen, Ingo Schulze hat uns eine Erzählung mit dem geheimnisvollen Titel „Das Deutschlandgerät“ für ein Theaterprojekt „zugespielt“ und der Stückemarkt des Berliner Theatertreffens prämiert einen jungen Autor, dessen Werk in Dresden realisiert wird. Sich der Geschichte zu stellen heißt auch, an ihren schwierigen Punkten „Lotungen“ vorzunehmen: Christa Wolfs Erzählung „Der geteilte Himmel“ handelt noch einmal von der DDR, ebenso Rimini Protokolls „begehbares Stasi-Hörspiel: 10 Aktenkilometer Dresden“.

Darüber hinaus wird es in der 100. Spielzeit eine Vielzahl von Gastspielen renommierter Bühnen geben, von internationalen Sonderprojekten, von Begegnungen mit bekannten Schauspielern, von dokumentarischen, bildnerischen und musikalischen Spurensuchen – all dies und die Partner, die das ermöglichen, werden wir Ihnen ergänzend zum Spielplan in den nächsten Wochen in einer Sonderpublikation vorstellen. Die Geschichte, unser Hier und Jetzt und die Zukunft sollen sich gegenseitig durchdringen, Perspektiven verschieben und neue Schlaglichter setzen. Das Theater hat viele neue Aufgaben dazugewonnen, ist in dieser auseinanderdriftenden Gesellschaft eher „Rastplatz der Reflexion“ (Oskar Negt) und Ort für das Experiment mit gesellschaftlichen und kommunikativen Modellen geworden als Spielplatz bürgerlicher Repräsentanz. Das zeigt der Blick auf die Bühne – und in den Zuschauerraum, in dem sich die Gesellschaftsschichten und die Generationen bunt mischen: offen, neugierig und einander zugewandt. Achtung vor der Geschichte dieses Theaters zu haben heißt, den Versuch zu machen, es ganz in die Gegenwart zu stellen, es so weltoffen und international wie möglich zu zeigen und gemeinsam mit Ihnen über die Zukunft nachzudenken.

Wir wünschen Ihnen in der Jubiläumsspielzeit viele festliche, fröhliche, nachdenkliche und berührende Momente in Ihrem Theater.

Ihr
Wilfried Schulz
Intendant Staatsschauspiel Dresden

Das Spielzeitheft 2012.2013 zum Download (10594 kB)
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