Werte Zuschauerinnen und Zuschauer, 
 liebe Freunde des Staatsschauspiels,

Theater entsteht für eine Stadt und blickt über sie hinaus. Es soll eine Lupe sein, die soziale Zusammenhänge, psychische und emotionale Zustände auf der Bühne vergrößert und untersucht – aber auch ein Fernglas, das weit in unsere Welt hinausschaut und uns staunen und unsere Neugier wachsen lässt über und auf all das, was uns fremd und verschieden scheint. Theater ist in Bewegung, es lädt ein in seine Häuser, aber es packt auch selbst die Koffer und erzählt von dieser Stadt der Kunst hier und anderswo. Gerade in diesem Frühsommer wird die Theaterspedition gut zu tun haben: „Don Carlos“ ist beim traditionsreichen Berliner Theatertreffen der „zehn bemerkenswertesten deutschsprachigen Inszenierungen des Jahres“, bei den Schillertagen in Mannheim und bei den Ruhrfestspielen in Recklinghausen zu sehen. „Rheingold“ reist zu den Wiener Festwochen und „Die Firma dankt“ nach Mülheim, wo jedes Jahr die besten Stücke der Spielzeit vorgestellt werden. Und Tellkamps „Turm“ in Wolfgang Engels Inszenierung wird ein interessiertes Publikum im Deutschen Theater in Berlin bei den Autorentheatertagen finden.
Etwa 200.000 Menschen werden wohl in dieser noch laufenden Spielzeit hier in Dresden über 700 Aufführungen gesehen haben, übrigens so viele wie noch nie. Auch zwischen Prag, Hannover, Wien, Bozen und Berlin haben wir circa 30 Aufführungen gespielt und damit etwa 10.000 Menschen erreicht.
Aber wir freuen uns auch auf Gäste. Einer unserer Schwerpunkte im Herbst wird das Festival „Politik im Freien Theater“ sein, das wir gemeinsam mit dem Europäischen Zentrum der Künste Hellerau und der Bundeszentrale für politische Bildung veranstalten. „Fremd“ heißt sein Motto und meint die vielfältigen Beziehungen, die zwischen dem eigenen „Ich“ und dem „Anderen“ zu beschreiben sind: in der Angst vor dem Unbekannten, in der einsam machenden Abwesenheit des Anderen, in der Sehnsucht nach Aufhebung der eigenen Grenzen und nach dem Verlassen des heimischen Territoriums. Das zweiwöchige Festival wird Ende Oktober die mutigsten, schönsten, wildesten und merkwürdigsten Produktionen des deutschsprachigen und europäischen Theaters nach Dresden bringen. Inszenierungen für eine neugierige Stadt, die ihren Weg zwischen historischer Determiniertheit und vielfältigen Bildern von Zukunft sucht.
Der Spielplan für die kommende Spielzeit fasst einiges von diesem Spiel von Nähe und Distanz, von bewusster Konfrontation mit dem Anderen – um Fremdheit begreifen und Differenz aushalten zu können.
Kurz sei die Spannweite des Beginns skizziert. Shakespeares „Kaufmann von Venedig“ ist ein Denk- und ein Rollenspiel von Gewalt und Hilflosigkeit gegenüber als abweichend definierten gesellschaftlichen Rollen sozialer, religiöser und sexueller Identität. Die Uraufführung von Harry Mulischs großartigem Dresden-Roman „Das steinerne Brautbett“ lässt einen an Leib und Seele verletzten amerikanischen Kampfflieger in die zerstörte Stadt und die um den Aufbau kämpfende DDR der 1950er-Jahre zurückkehren, Traumata der Vergangenheit und Sehnsüchte nach einer besseren Zukunft ringen miteinander in einer oft lächerlichen und bizarren Gegenwart. Im Kleinen Haus beginnt ein in die Welt geworfener und sich selbst fremd gewordener „Woyzeck“ von Georg Büchner die Saison. Ihm folgen die von der Vergangenheit verzerrten Gestalten unserer Gegenwart, die der junge Autor Dirk Laucke für sein neues Stück „Alles Opfer!“ entworfen hat. Neben Erst- und Uraufführungen von David Mamet, Wolfgang Herrndorf, Rimini Protokoll sowie Gegenwartsstoffen von Lutz Hübner und Janne Teller stehen thematische Projekte. Eines mit Punks, eines mit alten Menschen, die sich an den Krieg erinnern, und eines mit „Verheirateten und solchen, die es mal waren“. Die Dresdner Bürgerbühne, die natürlich ihre Arbeit mit den „Experten des Alltags“ und Nicht-Schauspielern fortsetzt, bleibt nahe bei den Menschen der Stadt.
Sie werden im neuen Theaterjahr die Klassiker der Moderne von Sartre, Ibsen, Brecht und Frisch ebenso finden wie Kleists „Zerbrochnen Krug“ und Schillers „Räuber“.
Die Themen eines dramaturgisch gedachten Spielplans werden sich in der Eigenart der künstlerischen Umsetzungen entwickeln und entfalten, Eigenes und Anderes wird entstehen, sich verselbstständigen, abweichen, unerwartet und fremd sein. Für uns und für Sie. Jenseits der Texte und Ideen beginnt ein Spiel der Formen und Gefühle, das frei ist und schweifend, forschend und behauptend.
Von all diesen Plänen und einigen schon in die Zukunft blitzenden Gedanken erzählt das Spielzeitheft. Es setzt sich zusammen, es ist collagiert. Neben den strengen Informationen über Inhalte und Autoren haben wir Literaten über ihre Lieblingsbücher, Juristen und Politiker über Kleists Fälle und Sartres Theorie der Gewalt, Wirtschaftsjournalisten über Lilioms sozialen Status, Soziologen über die verschiedenen Perspektiven von Wahrheit, Familienväter über Familienterror und Bühnenbildnerinnen über ihre Räume nachdenken und schreiben lassen. Außerdem zeigt das Spielzeitheft Bilder, die daran erinnern, dass Kunstproduktion nicht nur den großen Gedanken und den genialen Momenten entspringt, sondern auch dem leichten Spiel und der detailreichen Arbeit, von der genauen Steuerung des Bühnennebels über die Varianten der Kostümkunde bis hin zur Applausordnung. Sie als Zuschauer haben das gute Recht, nur die schön glitzernde und manchmal gefährliche, havarieprovozierende Spitze des Eisbergs zu sehen, während für uns die sechs Siebtel, die unter dem Wasser liegen, auch Teil der Identität mit der Arbeit und diesem Hause sind.
Wir laden Sie herzlich ein, mit uns gemeinsam das Fremde und das Vertraute im Spiegel des Theaters zu suchen und das Abenteuer, das die Reibung zwischen diesen beiden Polen mit sich bringen mag, zu erleben.

Ihr
Wilfried Schulz
Intendant Staatsschauspiel Dresden

Das Spielzeitheft 2011.2012 zum Download (8501 kB)

Das Spielzeitheft 2011.2012 liegt ab sofort im Schauspielhaus und Kleinen Haus zur Mitnahme aus.

Interessenten, die nicht in Dresden wohnen, senden wir das Heft sehr gerne zu.
Bitte schicken Sie eine E-Mail mit Ihrer Postadresse an info@staatsschauspiel-dresden.de.