Das Staatsschauspiel Dresden
Im September 1913 eröffnet in Dresden das neue Schauspielhaus am Zwinger, ein Bau, der höfische Repräsentation mit bürgerlicher Schlichtheit verbindet und als „erstes bürgerliches Hoftheater Deutschlands“ gilt. In der Folge der Novemberrevolution 1918.1919 wird das Königliche Schauspielhaus zum Staatstheater und erarbeitet sich durch mehrere (Ur-)Aufführungen der expressionistischen Dramatik den Ruf eines der Zentren zeitgenössischer Bühnenkunst, u. a. mit Werken von Friedrich Wolf, Walter Hasenclever und Ernst Toller. Im Jahre 1948, vier Jahre nach der Zerstörung des Gebäudes, wird die Arbeit unter dem neuen Intendanten, dem bekannten Schauspieler Erich Ponto, wieder aufgenommen; Musiktheater und Sprechtheater nutzen das Haus nun gleichermaßen. Besondere Schwerpunkte der künstlerischen Auseinandersetzung bilden ab den 50er Jahren die Werke Bertolt Brechts; in den 70er Jahren werden fünf Stücke von Peter Hacks in Dresden uraufgeführt. Die Regisseure Horst Schönemann und Wolfgang Engel stehen in den 80er Jahren für zeitgenössische Inszenierungen, die das in Spielweise und Regiehandschrift als besonders traditionalistisch geltende Dresdner Theater entscheidend verjüngen. Insbesondere unter dem Intendanten Gerhard Wolfram (ab 1983) entstehen viele Inszenierungen, die sich soweit als möglich kritisch mit demSozialismus auseinandersetzen und zu überregionalen Diskussionen anregen. Besonders erwähnenswert ist die auf Umwegen zustande gekommene Uraufführung von Christoph Heins Stück „Die Ritter der Tafelrunde“ (April 1989, Regie: Klaus Dieter Kirst), die zwar vordergründige Anspielungen auf die Zustände in der DDR vermeidet, aber dennoch eine immense politische Wirkung beim Publikum entfaltet. Nach der politischen Wende 1989.1990 wird der langjährige Chefdramaturg Dieter Görne Intendant; von 2001 bis 2009 leitet Holk Freytag das Haus.
Seit der Saison 2009.2010 ist Wilfried Schulz Intendant des Staatsschauspiels Dresden. Schulz, der als Dramaturg bzw. Chefdramaturg in Heidelberg, Stuttgart, Basel und am Schauspielhaus Hamburg arbeitete, war zuletzt Intendant des Schauspiel Hannover, das in den Jahren seiner Intendanz zahlreiche Einladungen und Auszeichnungen erhielt: Unter anderem war es sechs mal beim Berliner Theatertreffen vertreten. Prägende Regisseure während Schulz’ Intendanz in Hannover waren u. a. Sebastian Baumgarten, Barbara Bürk, Nuran David Calis, Jürgen Gosch, Sebastian Nübling, Christina Paulhofer, Nicolas Stemann und Franz Wittenbrink. Viele dieser Regiehandschriften sind nun auch in Dresden zu sehen, ergänzt u. a. durch Friederike Heller, Simon Solberg, Sandra Strunz und David Marton. Feste Hausregisseure in Dresden sind Julia Hölscher und Tilmann Köhler. Das neue Ensemble besteht aus 37 Schauspielerinnen und Schauspielern. Pro Jahr werden etwa 25 Neuinszenierungen herausgebracht.
Das Staatsschauspiel Dresden verfügt über zwei Spielstätten: das in der Altstadt gelegene Schauspielhaus und eine zweite Spielstätte, das „Kleine Haus“ in der Dresdner Neustadt. Das Schauspielhaus verfügt über einen nach historischem Vorbild renovierten Zuschauerraum mit zwei Rängen und fast 800 Sitzplätzen. Das Kleine Haus verfügt über einen Saal für bis zu 370 Zuschauer (KH 1). Dort sind außerdem zwei weitere Spielstätten eingerichtet: eine Studiobühne für 100 Zuschauer (KH 3) und eine Werkstattbühne hinter dem Eisernen Vorhang mit 150 Plätzen (KH2). Neben zeitgenössischer und internationaler Dramatik stellt die Theaterarbeit der „Bürgerbühne“ einen inhaltlichen Schwerpunkt des „Kleinen Hauses“ dar: Alle Bürgerinnen und Bürger sind eingeladen, selbst aktiv Theater zu spielen.
In der Spielzeit 2009.2010 fanden 31 Premieren statt, Inszenierungen in großer ästhetischer Vielfalt: Klassisches, repräsentatives Sprechtheater wie etwa in „Des Teufels General“ oder im „Don Carlos“, einer Produktion, die von der Kritik und dem Publikum gleichermaßen gefeiert wird.
Herausfordernde Formate des zeitgenössischen, ästhetischen Diskurses wie zum Beispiel „Der goldne Topf“ oder „Romeo und Julia“. Intelligente musikalische Unterhaltung auf hohem Niveau wie in den Liederabenden von Franz Wittenbrink.
Ein breites Publikum ansprechende und gesellschaftlich relevante Komödienstoffe wie die Publikumsrenner „Sein oder Nichtsein“ und „Frau Müller muss weg“.
Zeitgenössische Dramatik und Uraufführungen neuer Stücke, die im Auftrag des Staatsschauspiels Dresden entstanden wie „Für alle reicht es nicht“ oder „Vùng biên gió’i“, eine deutsch-tschechisch-vietnamesische Produktion. Die Vernetzung mit der Stadt hat vor allem über die Arbeit der „Bürgerbühne“ einen nicht geahnten Umfang erreicht.
Mehr als 400 Bürger haben an den Inszenierungen, Projekten und Spielclubs der „Bürgerbühne“ teilgenommen. Dazu zählen auch die Inszenierungen von „Die Nibelungen“ und „Anatevka“.
Das Staatsschauspiel Dresden wurde in der Saison 2009/2010 vielfach eingeladen und ausgezeichnet.
„Für alle reicht es nicht“ wurde zu den renommierten „Mülheimer Theatertagen“ eingeladen, der wichtigsten Leistungsschau zeitgenössischer Dramatik.
Weitere Gastspielreisen führten vom Sächsischen Theatertreffen bis zum begehrten Festival „radikal jung“ nach München („Romeo und Julia“) und über Einladungen nach Tschechien und Polen bis nach Salamanca / Künstlerische Leitung: Calixto Bieito („Die heilige Johanna der Schlachthöfe“) in Spanien.
Das Stück „Zukunft für immer“ des Hausautors Martin Heckmanns wurde und zu den Berliner Autorentheatertagen eingeladen, die neben dem Theatertreffen als die wichtigste dramatische Leistungsschau der Hauptstadt gelten.
Hausregisseur Tilmann Köhler wurde für seine „Heilige Johanna der Schlachthöfe“ mit dem Kurt-Hübner-Nachwuchspreis für junge Regie geehrt, einer Kategorie des renommierten Bensheimer Theaterpreises (Eysoldt-Ring)
Zum Abschluss der „Woche junger Schauspieler“ in Bensheim wurden die Studentinnen und Studenten des Schauspielstudios Dresden für die Produktion „Italienische Nacht“ (Regie: Tilmann Köhler) mit dem Günther-Rühle-Preis 2010 für beste schauspielerische Leistung ausgezeichnet.
Für die Saison 2010.2011 verbindet das Staatsschauspiel darüber hinaus eine enge Partnerschaft mit dem Königlichen Theater Kopenhagen, gefördert von der Kulturstiftung des Bundes. Außerdem ist es gelungen, mit den Wiener Festwochen, den Kunstfestspielen Herrenhausen und den Ruhrfestspielen Recklinghausen drei der renommiertesten Kooperationspartner im deutschsprachigen Raum an Dresden zu binden, und es liegen bereits erste Gastspielanfragen vor, darunter von den Mannheimer Schillertagen, dem Prager Theaterfestival deutscher Sprache, dem Hamburger Theaterfestival und dem Königlichen Theater Kopenhagen.
Das Staatsschauspiel Dresden konnte in der Spielzeit 2009.2010 erneut einen Zuschauerrekord erzielen. Die Saison schließt mit rund 173.000 Besuchern ab und liegt somit auf dem Niveau des Nachwenderekords der Vorsaison.