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Die heilige Johanna der SchlachthöfeAuf Facebook teilen

von Bertolt Brecht | Regie: Tilmann Köhler | Premiere am 17. Oktober 2009 | Schauspielhaus

Eine Streikbrecherin fährt zur Hölle

Ein gereizter Zwischenruf
von Dietmar Dath

Im sehr langen, ja geradezu zermürbend ausführlichen (und eben deshalb, in Anbetracht des Themas, außerordentlich wohlgeratenen) Roman Die Ästhetik des Widerstands von Peter Weiss gibt es im Leben eines der Helden dieses Buches einen Wendepunkt, an dem er das Vertrauen in die Möglichkeit eines Sieges des Kommunismus in Europa aufgrund einiger taktischer Maßnahmen Stalins verliert.

Was tut der Held also? Er geht zu Brecht und fängt an, am Theater zu arbeiten.

Was immer Weiss mit dieser Idee genau sagen wollte, Brecht selbst hätte sie rasch gedeutet, nämlich so: Man geht zu Brecht, wenn man der kommunistischen Politik nicht mehr vertraut. Also ist es ein schlechtes Zeichen, wenn man zu Brecht geht.

Johanna Dark, die Altruistin, Streikbrecherin, Idealistin und heilige Idiotin im einzigen echten Gewerkschaftsstück, das Brecht geschrieben hat, verhält sich andauernd so, als würde sie gleich zu Brecht gehen. Er will sie aber nicht haben und jagt sie durch lauter Situationen, die ihr beibringen sollen, keine Altruistin, Streikbrecherin, Idealistin und heilige Idiotin mehr zu sein. Dass sie das trotzdem nicht lernen wird, weiß er vorher. Brecht ist aber auch klar, dass es Leute gibt, die ihr bei ihren Krämpfen, Irrtümern, Fehlschlägen, sprich: beim Ausleben ihres gewaltigen, tragischen Dachschadens zusehen, und er wünscht sich, dass diese Leute dabei etwas mitkriegen.

Ich weiß nicht, ob mir dieser Wunsch einleuchtet.

Ich denke: Leute, die das, was er da zur Anschauung bringt, heutzutage im Theater lernen müssen, sind ohnehin verloren. Wie kann das sein, dass ihnen die Dinge, die Brecht sie lehren will, nicht aufgefallen sind, während sie jahrzehntelang live und in Farbe beobachten durften, wie rettungslos sich bestehende Verbände von der Metallgewerkschaft bis zum Verband Deutscher Ingenieure fortlaufend an der Aufgabe blamieren, die Neuorganisation der kapitalistischen Produktion seit der Computerisierung als Gelegenheit zu nutzen, den Kapitalisten Scherereien zu machen? Das Kapital diktiert, was geschieht; die einzigen Schwierigkeiten, die es hat, sind solche, die es sich selbst bereitet, nämlich Verwertungsstockungen, die von der idiotischen Grundstruktur des kapitalistischen Produzierens rühren. Alle derartigen Schwierigkeiten, so scheint es, kommen ihm gerade recht. Es versteht sich darauf, entsprechende Forderungen aus der Misere abzuleiten: Wir sind verrückt und haben eine Finanzkrise verursacht, deshalb muss jetzt die Allgemeinheit für den Schaden aufkommen und der Staat für unseren Irrsinn eine Weile als ideeller Gesamtkapitalist den Vormund spielen, bis wir uns so weit erholt haben, dass das Ausbeuten wieder klappt.
Bewegte Zeiten: Vor ein paar Jahren noch musste die Marx-Engels-Stiftung in Wuppertal ihr Projekt Klassenanalyse@brd (ach, wie wir uns für diesen progressistischen Computerjux-Slang bald alle schämen werden!) noch anpreisen wie schlecht gewordene Fischstäbchen. Jetzt dagegen erzählt einem jeder kleine Sparer, jede Arzthelferin, auch jeder Schauspieler von Grimm und Groll auf das System, als wären sie alle auf der Suche nach einem Klassenbewusstsein, das es erlaubt, in Formation vor die Börse zu marschieren, um dort mindestens die Scheiben einzuschmeißen.

Allerdings kommen keine Klassen vor in diesem Anti-kapitalismus der Finanzkrisenzeit außer vielleicht in langen Artikeln für Fachzeitschriften Marke Historical Materialism oder Das Argument, und dort sucht man sie mit hochsensiblen Messinstrumenten, was natürlich suggeriert: Wenn man erst den gesamten Begriffsapparat von Marx, Gramsci, Althusser und tutti quanti auffahren und das Geschehen durch diesen hindurchfiltern muss, um die Klassen wahrzunehmen, dann werden da in Wirklichkeit schon keine Klassen sein. Die vielen MarxBildchen auf Umschlägen von Theaterzeitschriften oder Nachrichtenblättchen bedeuten in diesem Zusammenhang bloß Katzenjammer, das heißt, man benutzt den lieben alten Onkel als eine Art multifunktionale Prophetenfresse, die uns versprochen hat, die ganze Schacherei werde noch mal böse enden. Das sei nun eingetreten, und der Rest ist schlechte Laune. Man könnte also auch gleich zu Brecht gehen.

Kann man?

Brecht weist so was ab, er lädt nicht dazu ein, sich bei ihm heulend unter der Kunst zu verkriechen (das ist seine größte Stärke, und die ganz offen ausgespielte. Die kleinere, zweite, geheime ist, dass es sich bei dem, worunter man sich da nicht verkriechen kann, tatsächlich um Kunst handelt, oft ganz gegen Brechts bewussten Vorsatz. Er konnte selbst dann, wenn er wirklich nicht wollte und beispielsweise nur Propaganda im Sinn hatte).

Dass man das Proletariat, welchem er im Johanna-Stück empfiehlt, kommunistisch zu denken und zu handeln, als digitaler Tagelöhner, der sich das Stück heute im Theater ansieht, persönlich nicht zu kennen glaubt und für ein Märchen aus uralten Zeiten hält, hat zwei Gründe: Erstens begreifen die meisten Leute, da man ihnen so lange eingeredet hat, links sei eine Angelegenheit von Gesinnungen und schönen, wahren, guten menschlichen Empfindungen wie Antirassismus, Umweltbewusstsein oder Mitleid statt eine politökonomische Parteilichkeit, meistens nicht mehr, dass die Klassen bei Marx keine moralischen Bewertungsschemata (etwa: unten gut, oben schlecht) waren, sondern ökonomische Kategorien. Proletariat, das ist nicht die Menge der Edelmenschen mit ölver-chmiertem Gesicht und Schraubenzieher in der Hand, sondern das sind alle, die vom Verkauf ihrer (mehr oder weniger ausgebildeten, mehr oder weniger flexiblen) Arbeitskraft leben müssen, weil sie keine Rentiers sind, keine Großaktionäre, weil sie kein Land, keine Fabriken haben. Mal nachgeguckt in letzter Zeit, ob du dazugehörst?

Zweitens hat sich die Lage verschoben: Das Kapital braucht so ein Proletariat, um überhaupt produzieren zu können, denn es lebt von der Ausbeutung der Arbeitskraft im Sinne der Aneignung des Mehrprodukts in Form des Mehrwerts. Dazu aber ist es heute viel schlechter imstande als ehedem. Es produziert weniger Proletarier in weniger Ausbeutungszusammenhängen als früher; es hat die Kraft dazu verloren. Man sieht so wenig von diesen Leuten, weil das System sie nicht mehr hinkriegt. Es kann nicht mal mehr ausbeuten (man sollte es wirklich demnächst loswerden, bevor es sich komplett blamiert).

Das Brecht-Stück, von dem ich rede, fängt genau mit dieser einfachen Einsicht an; 70.000 Arbeiter sagen: Hier funktioniert nichts mehr. Dann kommt die Altruistin, Streikbrecherin, Idealistin, heilige Idiotin, redet sagenhaft viel Unsinn (von Brecht verfassten, also hervorragend geschriebenen Unsinn dieser Dramatiker wusste, dass man auch die Position, die man ablehnt, nicht einfach doof aussehen lassen darf, wenn die Auseinandersetzung mit ihr tatsächlich den Namen dramatisch verdienen soll), treibt Unfug, verpatzt die Chance, die Kapitalisten an dem Punkt anzugreifen, an dem sie sich selbst Schwierigkeiten machen, und fährt am Schluss zur Hölle, das heißt, man hebt sie in den schrecklichen Himmel der angedrehten Popularität.

Die Moral der ganzen Veranstaltung ist so einfach, dass Kommunisten nicht widerstehen können sollten, sie auszusprechen: Schaut euch bloß diese Johanna an! Grauenhaft, oder? Bitte nicht nachmachen!

Dietmar Dath ist Schriftsteller und Publizist. Zuletzt erschienen der Essay Maschinenwinter. Wissen Technik Sozialismus und der Roman Die Abschaffung der Arten (beide Suhrkamp 2008). 2009 erscheint der Roman Sämmtliche Gedichte.