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von Lutz Hübner | Mitarbeit: Sarah Nemitz | Eingeladen zu den Mülheimer Theatertagen 2011 | Regie: Susanne Lietzow | Uraufführung am 27. Januar 2011 | Kleines Haus 1

Krusenstern

Ein Arbeitnehmer versucht, alles richtig zu machen

von Lutz Hübner

EINS Der Angestellte Adam Krusenstern, Leiter der Entwicklungsabteilung, ist zu einem Wochenende im Gästehaus seiner Firma geladen. Er soll den neuen Personalchef treffen, möglicherweise auch Mitglieder des neuen Vorstands. Was ihn dort genau erwartet, weiß er nicht. Es könnte um eine Beförderung gehen, um ein Training, darum, ob er ins neue Team passt, oder schlicht um seine Kündigung.

Noch ist nichts über die neue Firmenstrategie bekannt geworden, deshalb hat Krusenstern keinerlei Anhaltspunkte, wie er sich verhalten soll. Abwarten könnte als Phlegma ausgelegt werden, Vorpreschen als mangelnde Teamfähigkeit. Soll er den erfahrenen oder den neugierigen Kollegen spielen? Krusenstern würde gerne so sein, wie er ist, aber er ist gerade ein Niemand, eine arme Seele im Fegefeuer, die darauf wartet, aufgerufen zu werden, auf dass sie gewogen werde. Nein, das stimmt nicht, beim Jüngsten Gericht weiß man zumindest, was man gut gemacht und was man vergeigt hat. Im Moment ist Krusenstern ein Mensch auf Widerruf.

ZWEI In der Arbeitswelt der Industrialisierung war der berufliche Werdegang vorgezeichnet. Man begann am Ende der Hackordnung, war für die Drecksarbeit zuständig und konnte sich im Laufe der Jahre nach oben arbeiten. Es gab ein klares Ziel, man wusste, so weit kann und wird man kommen, wenn man seine Arbeitskraft voll einsetzt, wobei jeder Karriereschritt an einen besseren Verdienst gekoppelt war, als Anerkennung der Treue und der Kompetenz, die man erworben hatte. Je älter der Arbeitnehmer war, desto erfahrener war er, und dafür wurde er respektiert. Das System war durchschaubar, der Arbeitnehmer konnte sich ausrechnen, wie sein Berufsleben aussehen wird, und bei einer regulären Arbeitsbiografie gab es keinen Grund, die Firma zu wechseln. Die Erfahrung war ein wachsender Wert und wurde entsprechend honoriert. Die Arbeitswelt war in ihren Grundzügen kalkulierbar.

DREI In den letzten 30 Jahren gab es bei den Ursachen von Arbeitsunfähigkeit eine Vervierfachung des Anteils psychischer Störungen. 2008 war jede neunte Arbeitsunfähigkeit psychisch bedingt. Darunter fallen depressive Störungen, Burn-out und andere, z. B. schizoide Störungen.

Bei der France Telecom haben sich in den letzten zwei Jahren 35 Mitarbeiter das Leben genommen. Frankreich hat mit einer Selbstmordepidemie in seinen Großbetrieben zu kämpfen, wobei der Großteil der Fälle das untere und mittlere Management betrifft.

Warum macht der Beruf krank, warum entscheiden sich Menschen eher dazu, sich zu töten, anstatt einfach zu kündigen? (Eine 32-jährige Angestellte in der Konzernzentrale z. B. schrieb in ihrem Abschiedsbrief, dass sie lieber sterben wolle, als unter ihrem neuen Chef zu arbeiten, und sprang aus dem Fenster.) Warum ist es so vielen Menschen nicht möglich, sich unabhängig von ihrem beruflichen Leben zu definieren?

Die Frage erscheint trivial, die Antwort naheliegend, aber je mehr man versucht, das Phänomen präzise zu beschreiben, desto schwerer ist es zu fassen. Der Druck, natürlich, aber wie äußert er sich? Mobbing, Versagensängste, ja, aber was bedeutet das für das Selbstbild? Überidentifikation mit dem Beruf und den Leistungsanforderungen … das sind alles Beschreibungen von außen, sie kreisen um das Rätsel, was wirklich in so einem Menschen vorgeht. Es gibt einen letztendlich nicht erklärbaren Rest, wie ihn auch die Amokforschung kennt. Der entscheidende letzte Schritt, bevor eine Psyche zusammenbricht, kann nicht vollständig entschlüsselt werden.

VIER Der Psychoanalytiker R. K. Siegel beschreibt Paranoia als eine Anpassungsleistung, sie ermöglicht, auf eine feindliche Umwelt zu reagieren, Gefahren zu erkennen und schnell handeln zu können. Sie ist in ihrer Grundform ein evolutionär wichtiger Überlebensmechanismus.

Jeder kennt paranoide Gefühle, zu einer psychischen Erkrankung werden sie, wenn die Paranoia überhandnimmt und die gesamte Weltwahrnehmung überspült. Der Kellner ignoriert mich absichtlich, der Vorgesetzte sieht mich immer so verächtlich an, es wird dort hinten über mich getuschelt … (Inzwischen gibt es auch das Truman-Show-Syndrom, das Gefühl, immer und überall gefilmt zu werden.)

Es gibt viele Auslöser von Paranoia: Isolation, aber auch das Gefühl von ungerechter Behandlung und Erniedrigung. Ein Mensch unter starkem psychischem Druck wird immer auch paranoide Tendenzen entwickeln.

In einer neoliberalen Arbeitswelt, die selbst paranoide Züge trägt, haben Arbeitnehmer oft nicht die Möglichkeit, Entscheidungen nachzuvollziehen. Die Firmenstrategien erscheinen irrational, die Leistungsanforderungen werden willkürlich erhöht, rigide Kontrollmechanismen werden installiert, auf gute Geschäftsjahre folgen Kündigungswellen, ein neuer Vorstand feuert ganze Abteilungen nicht trotz, sondern wegen ihres guten Betriebsklimas, da starke Gruppen einer neuen Firmenpolitik Widerstand entgegensetzen könnten.

Kenntnis der Firma und des Betriebsablaufs wird zu einem Kündigungsgrund, da sie zu Unflexibilität umgedeutet wird. Man braucht nicht „erfahrene“ Leute, sondern „frische“. Was soll man tun? Erfahrung ist nicht revidierbar. Der Erwerb von Lebens- und Berufserfahrung erscheint als karriereschädlicher Abnutzungsprozess, und damit wird die eigene Biografie entwertet.

Oft reagieren Überlebende von Restrukturierungsmaßnahmen („survivors of layoffs“) mit Leistungsverlust und innerem Rückzug. Das Überleben einer Kündigungswelle schlägt eine nicht verheilende Wunde, vergleichbar dem Trauma („shell shock“) von Soldaten, die eine Schlacht überlebt haben. Man hat gesehen, wie der Betrieb Menschen ausmerzt, Biografien zerstört, man hat in den Abgrund gesehen – „Das kann dir auch passieren“.

Es gibt keine Sicherheiten, keine klaren Handlungsanweisungen, wie man überlebt. Man versteht die Regeln nicht: Ein anpassungsfähiger Arbeitnehmer wird gekündigt, weil er keine eigenständige Persönlichkeit hat, der innovative Kopf ist nicht anpassungsfähig … Man weiß nicht, wie man von der Leitung beurteilt wird, was landet in der Personalakte, wofür kann man verantwortlich gemacht werden?
 
Der Arbeitnehmer steuert ein Schiff durch dicken Nebel, ohne zu wissen, wo die Klippen und Untiefen sind, er kann dem Neuen, in welcher Form auch immer, nicht mit der erworbenen Lebensweisheit begegnen, weil sie nicht mehr gültig ist … Der eine reagiert mit Depression, der andere mit Paranoia: Ich lebe in einer feindlichen Umwelt, ich verstehe die Welt nicht mehr, ich bin von Leuten umgeben, die mir gegenüber im Vorteil sind und über mich bestimmen können, aber ich weiß nicht warum. Aber wieso steigt der Ratlose nicht aus?

Warum sagt er nicht einfach „Leckt mich am Arsch, ich gehe“?

FÜNF Der Wirtschaftstheoretiker Alfred Sohn-Rethel hat nachgewiesen, dass Geld und logisches Denken zur selben Zeit entstanden sind. Erst durch die Abstraktion Geld, also die Idee des Tauschwerts, konnte abstraktes Denken entstehen. Damit widersprach er Kants Diktum einer Erkenntnisfähigkeit a priori. Es gibt, verkürzt gesagt, keinen Denkapparat, der gut gelaunt und bestens ausgerüstet nur darauf wartet, auf die Welt losgelassen zu werden.

Auch unser Nachdenken über uns selbst ist von ökonomischen Begriffen geprägt. Es gibt kein Feierabend-Ich, das abends im Sessel auf althergebrachte humanistische Ideale umschalten und sich so seiner selbst vergewissern kann. Wenn vom neuen Menschen gefordert wird, „die eigene Lebenserfahrung gering zu schätzen und sich nur als kurzfristig orientierte, zukünftige Möglichkeit zu sehen“ (Richard Sennett), verkommt das Nachdenken über sich selbst zu einem Nachdenken über die eigene Verwendbarkeit.

SECHS Zuweilen träumt man als Schauspieler, dass man auf der Bühne steht, ohne zu wissen, welches Stück gegeben wird und welche Rolle man spielt. Auch die Kollegen sind einem völlig unbekannt. Man weiß nur, gleich ist man dran. Man konzentriert sich auf den Dialog der Kollegen, um einen Anhaltspunkt zu bekommen, worum es geht. Dann wird es ganz ruhig, die anderen Spieler sehen einen an, auch im Publikum herrscht erwartungsvolle Stille. Abgehen kann man nicht mehr. Was sagt man jetzt? Wenn man Glück hat, wacht man in solchen Momenten auf.

SIEBEN Guten Tag, Herr Krusenstern, kommen Sie herein, wir wollen uns ein bisschen unterhalten. Setzen Sie sich. Wie lange sind Sie jetzt schon in der Firma?

Lutz Hübner ist einer der meistgespielten deutschsprachi­­gen Gegenwartsdramatiker. Seinen Beitrag zu „Die Firma dankt“ schrieb er für die Saisonvorschau 2010.2011.