von Peter Michalzik Über Kleists Dresdner Zeit liegt ein Hauch von Erotik. Es ist manchmal nur ein flüchtiger Duft, aber man kann ihn doch deutlich spüren. Vielleicht gehörte das für Kleist zu dieser Stadt. Als er 1801 hier die Madonna Raffaels bewundert hatte, sprach er noch keusch vom hohen Ernste und der stillen Größe. Wenn Kleist jetzt, 1808, von Reinheit sprach, dann war sie offensichtlich mit Erotik vermischt. Bei seinem Dresden-Besuch 1803 hatte Kleist sich an die Schlieben-Schwestern gehalten, brave, biedere, bescheidene Mädchen. Was er jetzt veröffentlichte, „Penthesilea“ und die „Marquise“, drehte sich für jeden sichtbar um sexuelle Begierde und war voller Anspielungen. Und „Das Käthchen von Heilbronn“, das er hier schrieb, ist ebenfalls ein Stück mehr oder minder gut versteckter Sexualität. Ohne Zweifel gehört „Das Käthchen von Heilbronn“ zum sichtbaren Theater. Und es steckt etwas Kalkuliertes in diesem Drama: So, scheint Kleist gedacht zu haben, schreibt man ein erfolgreiches Stück. Es ist voll mit Rittern und Rüstungsgeklapper, wie kein anderes Schauspiel Kleists strotzt es vor knalligen, bewusst eingesetzten Bühneneffekten. Ein Femegericht in einer unterirdischen Höhle, ein Bad in einer Grotte im gotischen Stil, Gewitter im Gebirge, Feuer im Schloss, verbundene Augen und Traumgesichter, Giftanschlag und Hochzeitsfeier, Kleist lässt es richtig krachen. In diesem Stück ist Kleist, allein schon wegen der Kulissen, Romantiker. Dazu kommt eine richtiggehende Groschenhefthandlung: „Ein blutjunges, unschuldiges Bürgersmädchen, das Käthchen von Heilbronn, läuft ihrem geliebten, angebeteten Grafen Friedrich Wetter vom Strahl so anhaltend und penetrant unterwürfig hinterher, bis es ihren Traumprinzen nach allerhand Hindernissen und Widerständen am Ende doch heiraten kann.“ Eine Schlüsselszene des Stücks ist die berüchtigte Holunderbuschszene im vierten Akt. Im Schloss des Grafen Wetter vom Strahl liegt das Käthchen abseits im Gebüsch an der Burgmauer unter einem Holunderbusch. Ihre Kleider hängen im Busch zum Trocknen. Sie schläft, entsprechend unbekleidet, was Kleist selbstverständlich nicht schreibt. Der Graf nähert sich ihr und ist nicht nur gerührt, wie er sie so liegen sieht, sie zieht ihn auch unwiderstehlich an: „Wahrhaftig, wenn ich sie so daliegen sehe, mit roten Backen und verschränkten Händchen, so kommt die ganze Empfindung der Weiber über mich, und macht meine Tränen fließen“, sagt er. Rasch will er handeln, ehe der Gottschalk kommt, lässt sich auf die Knie nieder und umfängt ihren Leib sanft mit seinen Armen. „Tue ich eine Sünde, so mag mir sie Gott verzeihen.“ Die Anspielungen Kleists sind eindeutig, der Graf verhört sie dann aber nur im Schlaf. Der Liebreiz, den Kleist Käthchen verleiht, liegt zwischen erotischer Anziehung und keuscher Rührung. Sexualität schwankt zwischen Verlangen und Unschuld, wie das dann im 19. Jahrhundert mit der Aufspaltung der Frau in die Hure und die Heilige üblich wurde. Wobei die Übermacht des Verlangens sehr bedrohlich werden kann: Zehn Leben würde er für die Hochzeitsnacht mit Käthchen geben, sagt Strahl gegen Ende hin. Wie in der „Penthesilea“ die beiden Liebenden nicht verstehen, was sie zueinander zieht, verstehen auch Strahl und Käthchen nicht, was sie aneinander bindet. Das Stück dreht sich darum, die unerklärliche Fixierung der beiden aufzudecken. Der Mann und das Mädchen sind nicht in der Lage, ihr Begehren zu verstehen. Diese Unerklärlichkeit des Begehrens ist es, die das Stück mit der „Penthesilea“ verbindet. Während sie bei „Penthesilea“ zur Raserei führt, wird sie hier zum blinden Vertrauen Käthchens, die Strahl wie eine Hündin folgt. Blindes Vertrauen, darum geht es Kleist immer wieder. Blindes Vertrauen gegen blindwütige Raserei, das muss es sein, was er gemeint hat, als er sagte, dass das „Käthchen“ und die „Penthesilea“ wie das + und – der Algebra zusammengehören. In den beiden brutalen Verhören zu Beginn des Stücks geht es darum, die unerklärliche Bindung Käthchens an den Grafen zu ergründen. Warum läuft sie dem Grafen Strahl so sklavisch hinterher? Die Verhörmethoden haben etwas Sadistisches, es wurde bei der Szene nicht umsonst an die Inquisition gedacht. Das ist durchaus passend, denn die Macht, die der Graf über das Käthchen ausübt, erscheint unerklärbar, satanisch und damit keiner weltlichen Gerichtsbarkeit, sondern nur inquisitorischen Methoden zugänglich. Solche sadistischen Verhöre sind eine Spezialität Kleists: Eve tritt in Adam ihrem möglichen Vergewaltiger als verhörendem Richter gegenüber. Alkmene tritt in Jupiter ihrem wirklichen Vergewaltiger, wenn auch im Körper ihres Gatten, als Richter über ihr innerstes Gefühl gegenüber. So ist Begehren bei Kleist immer, nicht nur in der „Penthesilea“, mit Gewalt verbunden. Dem Grafen ist nach schwerer Krankheit in seinem Silvestertraum verheißen worden, eine Kaisertochter als Ehefrau heimzuführen. Vertraue, habe ein Engel ihm dreimal zugerufen. Auch dem Käthchen ist in der Silvesternacht ein Engel erschienen. In der Holunderbuschszene, nicht nur eine versuchte Vergewaltigung, auch ein drittes Verhör des nun im Schlaf sprechenden Käthchen, erfährt der Graf, dass auch er ihr damals erschienen ist und dass sie ihm deswegen folgt. Käthchens traumwandlerische Sicherheit und das dritte Verhör, in dem Käthchen dem Grafen im Schlaf antwortet, erinnern an das damals vielbeachtete und -diskutierte Phänomen des Somnambulismus – worunter man eher den Zustand des Hypnotisiertseins als der Schlafwandlerei verstand. Es handelt sich um eines der vielen Phänomene in der langen Geschichte der Entdeckung des Unbewussten. Der Somnambule hat unter Ausschaltung seines Bewusstseins Zugang zu seinem Inneren. Käthchens Gegenspielerin ist Kunigunde, eine Intrigantin und falsche Schönheit. In der Badegrottenszene sieht Käthchen, dass Kunigundes Schönheit nur vorgetäuscht ist. Sie ist, wie im heutigen Horrorfilm, eine hässliche Hexe in einer schönen Hülle. Diese Aufspaltung der Frau, hier das natürliche, reine Mädchen, dort die künstliche, verschlagene Verführerin, macht „Das Käthchen von Heilbronn“ zu einem typischen Text des 19. Jahrhunderts mit seiner Obsession für die Heilige und die Hure. Eine weitere Schlüsselszene ist die Feuerprobe, die auch im Titel des Stücks vorkommt. Ein wichtiges Detail verbindet diese Szene mit früheren Vorstellungen Kleists von seiner Ehefrau, wie er sie gegenüber Wilhelmine am Ende der Würzburger Reise entfaltet hat. Damals erklärte er seiner künftigen Frau, dass er wisse, dass sie aus Metall sei, das seine Unverletzbarkeit bereits in der Feuerprobe erwiesen habe, und dass er dieses Metall nur noch glänzen machen wolle. Jetzt will Kunigunde das Käthchen mit einer Feuerprobe töten, Kunigunde drängt Käthchen, ihr ein Bild des Grafen aus dem brennenden Schloss zu holen. Dabei wird es ganz intim. Natürlich gelingt es dem Käthchen mit traumwandlerischer Sicherheit, das Bild unbeschadet aus den Flammen zu retten. Kunigunde aber herrscht sie an, dass sie das Futteral für das Bild in den Flammen vergessen habe, an dem ihr eigentlich gelegen sei. „Die dumme Trine“, schreit sie. Auch dieses Futteral hat in der frühen Zeit Kleists einen Vorläufer. „Bringe mir“, schrieb Kleist 1801 an Ulrike, „mein Huthfutral mit.“ Zur selben Zeit schrieb er an Wilhelmine: „Schicke mir doch das Bild-Futteral sogleich zurück, denn es gehört zu Deinem Bilde.“ Kleist hatte mit Bild, Rahmen und Futteral damals mit Wilhelmine ebenfalls ein Spiel inszeniert, nicht so bedrohlich wie Kunigunde mit Käthchen, aber doch unaufrichtig. Jetzt führt er das alte Motiv fort und spielt mit seiner erotischen Doppeldeutigkeit. Als er in der Holunderbuschszene auftritt, führt der Graf ein Futteral mit sich und beginnt zu sprechen, „indem er das Futteral in den Busen steckt“. Das Futteral steht dann nicht mehr nur für das weibliche Geschlechtsteil, sondern auch für das Herz, das Innerste. Es ist sozusagen der Mantel des fötalen Zustands, eine Metapher der weiblichen Scheide. Dieses Vertrauen hat Kunigunde verraten. Käthchen spricht dagegen unterm Hollerbusch mit einer wunderbaren Drolligkeit, ihr Liebesausruf scheint direkt aus dem Innersten des Futterals zu kommen: „O geh! – Verliebt ja, wie ein Käfer, bist du mir.“ So wie hier ist Kleists erotische Welt voller Merkwürdigkeit. Zu diesen Merkwürdigkeiten gehören auch kleine Hände. Penthesilea hat kleine Hände, so wie die junge Frau mit den „niedlichsten kleinen Händen“, die Kleist den Dichterlorbeer aufgesetzt hat. Klein, grazil, mädchenhaft, das war Kleists Weiblichkeitsideal. Kleine Hände hat auch das Käthchen von Heilbronn, „mit roten Backen und verschränkten Händchen“, heißt es. „Penthesilea“ und „Käthchen“ sind beide Frauen mit kleinen Händchen, von Mädchenhaftigkeit und Grazie. Auch Penthesilea ist eine zerbrechliche Erscheinung. Im Gegensatz zu Käthchen, die so ist, wie sie aussieht, ist sie aber etwas, das es eigentlich nicht geben kann: eine zarte Furie.Peter Michalzik ist Theaterkritiker im Feuilleton der Frankfurter Rundschau. Er gehörte der Jury des Berliner Theatertreffens an, zurzeit ist er Jurymitglied der Mülheimer Theatertage. Dieser Text ist seinem neuen Buch über Heinrich von Kleist entnommen. Es erscheint im Frühjahr 2011 und wird am Staatsschauspiel Dresden vorgestellt werden.