von Hartmut Krug Eine offene Bühne im Dämmerlicht, Menschen, kaum zu erkennen, vereinzelt an verstreuten Tischen. Das jugendliche Publikum in Potsdam ist unruhig, albert herum, denn Büchners „Woyzeck“ ist schulische Pflichtaufgabe. Doch die Bühnenruhe überwältigt auch die Zuschauer, wenn ein Schauspieler bedächtig von Tisch zu Tisch geht und in schwingende Kabel Glühbirnen schraubt. Es ist dies ein magischer, ein Theatermoment: Schwach leuchten die Lichter auf und lassen eine undeutliche Wirklichkeit mehr erahnen als erkennen. Vielleicht ein Wirtshaus, vielleicht die ganze Welt, vielleicht auch keine Wirklichkeit, sondern ein Traum, der nach und nach Figuren aus Büchners Stück kenntlich werden lässt. An einem Tisch steht Marie, dreht sich mit ihrer Babytragetasche und singt dem Kind ein Lied. Woyzeck, der Lichtanzünder, hängt sich zwischen die Kabel und ruft zu Marie herab, und der Hauptmann verlangt, dass dieser die Zeit anhalte: „Langsam, Woyzeck, langsam.“ Worauf Woyzeck einen Rasierapparat in Gang setzt, dessen Brummschrillen das Bedrohliche der Stimmung verstärkt. Büchners Drama als Ensemblespiel mit nur fünf Personen, gegeben als auswegloses Gesellschaftspanorama, aber ohne jeden Naturalismus und nicht sozial geschärft, sondern metaphorisch-atmosphärisch ausgemalt. Jeder beobachtet jeden, und alle, nicht nur Woyzeck, sind beschädigte und bedrohte Figuren. Marie, von Lust getrieben, versteckt sich ängstlich im Kinderbett, während der Tambourmajor sich aus seinem kräftigen Körper Sicherheit holt. Haltungen, Stimmungen, Situationen, in szenische Bilder gefasst, musikalisch melancholisch untermalt, aber auch in expressionistische Ausdruckshärte kippend, wenn das soziale Versuchsobjekt Woyzeck von der gesamten Männermeute erst zum Saufen gezwungen und dann körperlich gequält wird. Wer mediale Bilder kennt, mag hier Abu Ghraib assoziieren. Die Regisseurin Julia Hölscher bietet keinen szenischen Realismus, meint auf der Bühne aber stets die Wirklichkeit. Sie zerschlägt Geschichten nicht umdeuterisch, nimmt sie aber durchaus gelegentlich auseinander, wie beim Potsdamer „Woyzeck“, und setzt sie so neu zusammen, dass die ursprüngliche Geschichte des Autors erhalten bleibt. Platten Abbildrealismus gibt es in ihren Inszenierungen nicht. „Ich finde immer wichtig, dass man reale Gefühle in den Inszenierungen findet. Es geht mir um menschliche Probleme, um Empathie und Gefühle.“ Julia Hölschers Inszenierungen bieten vor allem kunstvolles Spiel, Schauspielerspiel, körperlich, metaphorisch, musikalisch grundiert und strukturiert, die Situationen nicht in Milieuschilderung versackend, sondern in klar choreografierten Bildern ausgebreitet. Ob sie Horváths „Kasimir und Karoline“ in Magdeburg inszeniert („Horváth ist mein Held. Horváth spricht mir aus der Seele“) oder Ingo Schulzes Roman „Adam und Evelyn“ in Dresden auf die Bühne bringt, immer geht es ihr auch um Demaskierung von Bewusstsein. „Ich mag Stoffe, die langsam, still und heiter sind. Es geht mir um sanfte Verführung.“Julia Hölschers Bühnenversion von Ingo Schulzes Roman, der Menschen im Sommer 1989 zeigt, wie sie sich zwischen gesellschaftlichen Umbrüchen und privaten Sehnsüchten einzurichten suchen, kommt völlig ohne Alltagsrequisiten aus. Statt Materialnostalgie oder identifikatorischen Realismus zu bieten, wird die erlebte Realität im poetischen Spiel deutlich: eine leere Spielfläche, deren Gummiwände beim Mauerfall niedersinken, und Schauspieler, die zwischen Situationen und Zeiten hin und her springen. In einem Denk- und Erinnerungsraum, der die einfache Parabel des Autors in wunderbar sinnliche Mehrdeutigkeit übersetzt und dem Zuschauer vielerlei Möglichkeiten bietet, sich mit seinen Erinnerungen und Fragen einzuhaken. So wirkt die Bühne auf ganz eigene Weise wie das Leben, indem sie Erinnerung spiegelt, statt Inhalte zu aktualisieren: „Ich muss das Geschehen auf der Bühne nicht ins Heute ziehen. Wenn die Geschichte etwas mit uns zu tun hat, muss ich sie nicht noch äußerlich heutig machen. Der Zuschauer merkt selbst, wenn das was mit ihm zu tun hat.“ Wenn Schauspieler oder Regisseure erzählen, wie das Theater zu ihrem Leben wurde, dann hört man oft von einem Theatererlebnis, das wie ein Blitz eingeschlagen hat. Julia Hölscher, 1979 in einem kulturoffenen Elternhaus in Filderstadt bei Stuttgart aufgewachsen, kam auf eher unspektakuläre Weise mit dem Theater in Berührung. Als Waldorfschülerin spielte sie Geige und im Schultheater, und als Teenager lebte sie mit den Stuttgarter Opern- und Ballettinszenierungen. Zwar wollte sie schon zu Schulzeiten Regisseurin werden, doch nach der Schule probierte sie erst einmal Alternativen, u. a. in München als Assistentin beim Film („zu technisch, nicht kreativ“), kurzzeitig in Afrika als „Weltveränderin“ beim Bau von Spielplätzen und beim Kunstunterricht an Waldorfschulen und schließlich journalistisch beim Radio. Nach eineinhalb Jahren Gesangsstudium in Hamburg („Solokünstler zu sein, das war nicht meins“) wechselte sie 2003 zum Regiestudium an die Hamburger Theaterakademie und hatte damit „ihres“ gefunden. Ihre Inszenierung von „Das Mädchen aus der Streichholzfabrik“ nach Aki Kaurismäkis Film brachte ihr 2006 in Hamburg, da war sie noch Regiestudentin, einen Preis als beste Nachwuchsregisseurin. Bisher hat die 31-Jährige zehn Stücke inszeniert, in Magdeburg und Potsdam, in Düsseldorf und Usbekistan, in Hannover und Dresden. Jetzt ist sie Hausregisseurin am Staatsschauspiel und wohnt mitten in der Neustadt „mit tollen Nachbarn, fast wie in einer WG.“ Ein „harmoniesüchtiger Mensch“ sei sie, der seinen Schauspielern viel Freiraum lasse, betont die junge Regisseurin: „Mir geht es immer darum, dass da eine Gruppe spielt. Die Besetzung ist das Erste. Man muss ein Gefüge schaffen, damit alle vorkommen.“ Diese Haltung gibt ihren Inszenierungen eine offene Geschlossenheit und macht keinen großen Unterschied zwischen Haupt- und Nebenrollen, was Hölschers Inszenierung von „Adam und Evelyn“ zu einer wirklichen Gesellschaftsparabel werden lässt. Doch diese Haltung birgt auch Gefahren. Weil die Regisseurin die Einfälle ihrer Schauspieler kaum beschneidet und allzu viel zulässt, auch karikatureske Figurenklischees. Dass sie allerdings selbst Texte ohne Handlung und Entwicklung in szenische Bedeutungsbewegung zu setzen vermag, hat sie bei der Uraufführung von Tankred Dorsts „Ich bin nur vorübergehend hier“ bewiesen. Diese inszenierte sie 2007 mit 15 älteren Schauspielern, Laien und einem kleinen Kind im klinisch weißen Foyer des Schauspiels Hannover. Mitten unter dem Publikum spielten alte Träumer, Sehnsüchtige und Realisten in einer theatralen Gratwanderung ganz eigener Art: Wirkliche Figuren „hautnah“, mitten unter den Zuschauern, über ewiges Leben und drohenden Tod, über Vergangenheit und Zukunft nachdenkend, reflektierten spielerisch Lebenserinnerungen und traten den Zuschauern zugleich als Theaterfiguren gegenüber.Julia Hölscher ist eine lebhafte Gesprächspartnerin, aus der die Gedanken und Wörter nur so heraussprudeln, obwohl sie behauptet, „Ich bin nicht so die Kopfige.“ Kopflastig wirken ihre Inszenierungen wahrlich nicht. Sie atmen Leben, versinnlichen Gefühle und verzaubern durch eine spielerisch poetische Körper- und Raumsprache. Julia Hölscher fängt ihr Publikum nicht mit modernen Medien ein, nicht mit Rock, Pop und Video, und überwältigt es nicht mit auftrumpfenden Bildern. Sie zeigt nicht Realismus, meint aber stets die Realität. „Es geht mir eigentlich um Inhalte. Es geht mir immer um das Was und nicht so sehr um das Wie.“Julia Hölschers Inszenierungen ähneln sich in ihrer inneren Haltung, ohne an ihrer äußeren Form sofort wiedererkennbar zu sein. Die junge Regisseurin hat noch keinen eigenen „Stil“ entwickelt, der sie auf dem Regiemarkt unverwechselbar machen, aber auch einengen würde. Tschechow, natürlich, den würde sie gern inszenieren, auch Hauptmann, aber mit Shakespeare will sie sich noch Zeit lassen. Horváth, dessen „Kasimir und Karoline“ sie als 28-Jährige inszenierte, liebt sie ungemein. „Es ist so, dass man lachen muss über die Vergänglichkeit des Daseins bei Horváth, dass man traurig wird über Dinge, die lustig sind, und traurige Dinge lustig findet. Weil er es einfach schafft, immer den Nerv nicht genau zu treffen, sondern immer so zu treffen, dass man das Gefühl hat, es ist nicht nur das, was gesagt wird, sondern es ist ganz vieles mehr. Seine Sätze sind ein Traum: ‚Man hat halt oft so eine Sehnsucht in sich. Und dann kehrt man zurück mit gebrochenen Flügeln und das Leben geht weiter, als wär man nie dabei gewesen.‘ Wie soll man den Satz spielen, der ist so schön. Aber das sind Sätze, die sprechen mir aus der Seele.“Hartmut Krug ist Publizist und Theaterkritiker für diverse Tageszeitungen und Theaterzeitschriften sowie für den Rundfunk, vor allem für Deutschlandfunk und Deutschlandradio Kultur. Von 2005 bis 2008 war er Mitglied der Auswahljury des Berliner Theatertreffens. Sein Porträt von Julia Hölscher ist ein Originalbeitrag für das Spielzeitheft 2010.2011.