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von Carl Zuckmayer | Regie: Burkhard C. Kosminski | Premiere am 6. Februar 2010 | Schauspielhaus

Moral muss gelebt werden

Einige Hinweise zu Carl Zuckmayers Stück Des Teufels General
von Martin Lüdke

Barnard in Vermont, hoch oben im Norden der USA. Spätherbst 1942. Vor einem knappen Jahr war der Generalluftzeugmeister der deutschen Armee Ernst Udet, einer der berühmtesten Kampfflieger des Ersten Weltkriegs, bei einem Absturz ums Leben gekommen. Jetzt stapft Carl Zuckmayer, mit einem schweren Tragkorb beladen, zu Fuß den langen Weg zu seiner Farm hinauf. Der erfolgreiche Dramatiker der Weimarer Republik (Der Hauptmann von Köpenick, Der fröhliche Weinberg) muss sich im amerikanischen Exil, buchstäblich mit seiner Hände Arbeit, als Farmer durchschlagen. Plötzlich bleibt Zuckmayer stehen. Ihm ist ein Einfall gekommen, und laut spricht er vor sich hin: Staatsbegräbnis. Das letzte Wort seines wohl bedeutendsten Dramas überhaupt: Des Teufels General. Zu Hause angekommen, fängt er sofort an zu schreiben. Später haben viele Leser das Stück für ein Dokumentardrama gehalten. So echt sei es, so lebensnah. Ende Januar 1943 war der erste Akt fertig. Die Schlacht um Stalingrad war noch nicht geschlagen. Zuckmayer glaubte damals nicht daran, sein Stück jemals auf einer Bühne zu sehen. In Deutschland war daran nicht zu denken, und für die anderen Länder, so fürchtete er, gab es zu viele sympathische Deutsche, besonders Offiziere. Aber das hinderte ihn nicht, zu schreiben, er musste.

Unterbrochen wurde er immer wieder durch die anfallenden Arbeiten auf der Farm und auch, wie wir seit einigen Jahren wissen, durch seine Arbeit am Geheimreport, etwa 150 Charakterstudien von Verlegern, Schriftstellern, Schauspielern, Künstlern, die er in diesen Jahren für den amerikanischen Geheimdienst schrieb. Die USA benötigten verlässliche Einschätzungen, mit welchem Personal sich ein demokratisches Deutschland aufbauen ließ. Zuckmayer benutzte in diesen Berichten, ähnlich wie in seinen Stücken, zwar einfache, doch dafür lebensnahe Klassifizierungen. Diese Berichte, wohlgemerkt für einen Geheimdienst bestimmt, hätten leicht denunziatorisch ausfallen können. Das Gegenteil war der Fall. Zuckmayer ließ sich auch hier von einer Art spontanen Humanität leiten. Das spätere Zögern der Alliierten, die Aufführung von Des Teufels General in Deutschland zu erlauben, geht darauf zurück. Die Uraufführung fand deshalb im Dezember 1946 in Zürich statt. Unnachsichtig beurteilte Zuckmayer die Schleimer und Profiteure. Verständnisvoll sah er die vielen, die versuchten, sich mit Anstand durch Verhältnisse durchzuwursteln, die kein anständiges Verhalten mehr zuließen. Jeder moralische Rigorismus lag ihm fern. Er sah das Dilemma der Menschen, die oft nur die Wahl zwischen zwei Übeln hatten.

Gleich in der ersten Gruppe dieser Berichte wird ein enger Freund des Fliegers Udet, des Generals des Teufels, porträtiert, ebenfalls ein Liebhaber der Fliegerei, der populäre Schauspieler Heinz Rühmann. Durchaus eines der Aushängeschilder der Nazis. Zuckmayer beschreibt nun Rühmanns Ehe als sehr unglücklich und die Frau des Schauspielers als eine Landplage, von der sich Rühmann dringend trennen sollte. Liebend gern hätte Rühmann dieser Neigung nachgegeben. Er tat es nicht, weil sich nach Hitlers Machtergreifung jeder Schuft von seiner nichtarischen Frau scheiden ließ. Rühmann verhielt sich anständig, er hat seiner Frau später zur Flucht nach Schweden verholfen und sie selbst dort noch weiter unterstützt. Auf der anderen Seite gab er seinen Beruf nicht auf, er ließ sich von den Nazis vereinnahmen. Zuckmayer findet dieses Verhalten verzeihlich.

Ebenso wie das von Harras, seinem General, der sich wegen seiner Liebe zur Fliegerei mit den Nazis eingelassen hatte. Dieser Flieger erscheint als deutscher Held, ein Kerl von echtem Schrot und Korn, aufrichtig, trinkfest und dazu ein Weiberheld, gewiss kein Nazi, doch eben ihr Handlanger. Mitten im Krieg, mitten in Nazideutschland spielt sich nun das Drama ab.

Eine Reihe von Abstürzen eines neuen Flugzeugtyps beunruhigt die Führung der Wehrmacht. Harras, auch für die Materialkontrolle verantwortlich, soll die Ursache finden. Er wird verhaftet, dann wieder freigelassen mit der Auflage, innerhalb von zehn Tagen die Schuldigen der Sabotage ausfindig zu machen. In dieser Situation gesteht ihm sein engster Mitarbeiter Oderbruch, dem Harras stets volles Vertrauen schenkte, dass er, als Akt des Widerstands gegen den Wahnsinn des Hitler-Kriegs, die Abstürze verursacht hat. Um Oderbruch zu schützen, also um den Widerstand gegen Hitler zu stärken, startet Harras nun selbst mit einer dieser defekten Maschinen und stürzt ab. Es kommt zum Staatsbegräbnis.

Die Begeisterung über dieses Stück in Deutschland war enorm. Man sah sich verstanden. Nach der Erstaufführung, die bis Ende 1947 auf sich warten ließ, wurde das Stück landauf, landab gespielt. Der Verleger Henry Goverts schrieb: Es ist die beste und menschlichste Dichtung, die bisher über das Dritte Reich entstand. Man sah sich aber auch exkulpiert. Dementsprechend gab es Kritik, oft auch scharfe. Wie können wir Sympathien für Menschen empfinden, die mit ganzer Tatkraft einem so unmenschlichen Unternehmen dienten? Berechtigte Fragen. Und unlösbare. Deshalb hat das Stück wenig von seiner Aktualität verloren. Die Fragen, die Zuckmayers Drama aufwirft, lassen sich nicht auf das Dritte Reich beschränken. Sie stellen sich auch uns. In Uwe Tellkamps Der Turm etwa stößt man schnell auf ähnliche Probleme. Dabei lässt sich die Frage nach der Zivilcourage, oder die nach der Rechtfertigung von (unschuldigen) Opfern eines legitimen Widerstands gegen ungerechte Verhältnisse, genauso wenig auf die Sphäre der Politik beschränken. Kleine Tyrannen gibt es auch in Schulen, Behörden und Fabriken. Und mutige Menschen, die sich ihnen entgegenstellen, ebenso.

Mag sein, dass es eine schlichte Moral war, der Zuckmayer anhing. Aber sie ist praktikabel und, vor allem, menschlich.

Martin Lüdke, Literaturkritiker, moderierte bis 2008 die Sendung Literatur im Foyer.