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Der Besuch der alten DameAuf Facebook teilen

von Friedrich Dürrenmatt in einer Neubearbeitung von Armin Petras | Regie: Armin Petras | Premiere am 12. Dezember 2009 | Kleines Haus 1

Die alte Dame

(und Medea)
von Armin Petras

Denken ist Differenzen beschreiben. Medea ist die Vorgängerin der alten Dame im Geiste, es geht in beiden Fällen um Liebe, Geld, Rache und Gesellschaft.

Liebe Medea liebt. Sie verlässt wegen ihres Geliebten ihre Heimat in Asien, sie flüchtet. Die alte Dame muss auch flüchten, aber nicht aus Liebe, sondern wegen der Folgen ihrer Liebe muss sie die Heimat verlassen.

Geld Medea wird nicht geheiratet, obwohl sie Jason hilft, das Goldene Vlies zu finden. Jetzt aber, im Exil in Griechenland, ist sie nur noch eine Fremde, eine Asylantin. Das ist der Punkt, an dem die alte Dame einsetzt. Sie flüchtet, sie geht ins Ausland, um Millionärin zu werden. Sie versteht, dass in dieser Welt nur Geld Macht bedeutet.

Rache Medea zerstört ihren Mann, indem sie seine Kinder zerstört. Die alte Dame kann das nicht. Ihr Kind war niemals legitim, ihr Kind ist nicht vorhanden. Sie muss weggehen, um zu werden. Um Gegner zu werden.
Medea ist Königin, gefallene Königin, aber sie ist groß und bleibt es auch in ihrem Scheitern. Die alte Dame ist am Anfang nur eins: jung. Sie wird zerstört, verhöhnt, sie geht und entscheidet sich dann, Rache zu nehmen.

Rache und Gesellschaft Mao hat gesagt: Greife nur an, wenn du fünf- bis sechsmal stärker bist als dein Gegner. Die alte Dame kommt erst sehr spät zurück. Erst als sie so viel Geld hat, dass sie alle und alles kaufen kann. Sie zerstört nicht ihre Kinder, sie zerstört eine Gesellschaft oder besser: Sie legt sie bloß, sie trennt den falschen Schein eines demokratisch-moralischen Überbaus der kapitalistischen Gesellschaft von ihren realen Grundlagen, ihrem einzigen Götzen, dem Geld. Dieser Götze wird von ihrer Ankunft an ins Zentrum des Stückes gerückt. Dieses optionale Tauschgeschäft Wohlstand für alle gegen die Aufgabe solidarischer Prinzipien ist in einer Zeit des globalen finanziellen Crashs natürlich mehr als aktuell der Theaterstoff beinhaltet wieder eine soziale Utopie.

Der größte Unterschied zwischen Medea und der alten Dame ist aber doch, dass Medea eine gefallene Königin ist. Eine, die ihrer Liebe wegen zu weit gegangen ist und dafür büßt und dann in einem Drittland ihr Leben weiterlebt. Die alte Dame aber lebt nur noch in ihrer Rache, ihre Existenz ist der Widerstand nichts anderes.

Armin Petras ist Regisseur und Intendant des Maxim Gorki Theaters Berlin.