von Jens Groß Ein scheinbar romantisches Landgut mit ausladendem Park und See (nützlich?). Eine kleine Theaterbühne in der Abendsonne (unnütz?). Zwar werden hin und wieder die Kutschpferde für die mühselige Arbeit auf den Feldern verwendet und stehen damit für spontane Stadtfahrten nicht zur Verfügung (unnütz?), zwar hat der Gutsherr durchaus ernste Probleme, genug für den Erhalt des Gutes zu erwirtschaften (unnütz?), aber alles riecht doch sehr nach einem paradiesischen, traumverlorenen Idyll, wäre da nicht die illustre Zufallsgemeinde aus Land- und sommerfrischender Stadtbevölkerung mit ihrer Langeweile und den unvereinbaren Thesen zu dem, was im Leben nützlich und unnütz ist. „Warum sollte man einen Mann heiraten, der kein Geld hat?“ (unnütz), „Warum soll man jemanden lieben ohne Hoffnungen?“ (unnütz), „Das Leben auf dem Lande ist nicht das Richtige für mich, wenigstens für ein paar Stunden möchte ich aus diesem Stumpfsinn hier herauskommen“ (unnütz), „Sie liebt das Theater, sie meint, sie dient der Menschheit, der heiligen Kunst (nützlich), aber meiner Ansicht nach ist das heutige Theater nichts als Routine und Konvention (unnütz) … Wir brauchen neue Formen (nützlich) … Ich liebe meine Mutter, aber sie führt ein so sinnloses Leben“ (unnütz), „Dein Stück ist dekadent“ (unnütz). Wichtig für Tschechows Grundsetzung ist die Äquivalenz der Begriffe „das Nützliche“ und „das Unnütze“, was natürlich von der Gesellschaft unterschiedlich bewertet wird und einen nicht unwesentlichen Teil des tragischen Konflikts im Stück ausmacht. Der Fortschritt (und damit das Nützliche?) wird z. B. in „Die Möwe“ mit der Forderung von Kostja Treplew nach einer neuen Kunstform, nach einem neuen Theater vertreten, um gegen „Routine und Konvention“, also Erstarrung, anzugehen. Doch seine Mutter, die erfolgreiche Schauspielerin, erklärt Kostjas Versuche für unnütz und „dekadent“. Der Status quo soll unter allen Umständen erhalten bleiben. Der Mensch braucht aber auch das Nutzlose, er braucht die Poesie, das zarte, flüchtige, irreale Glück, die Utopie, wie z. B. auch die Liebe. Treplew liebt Nina, doch Ninas Respekt und ihre Neugierde an dem jungen Dichter schwinden nach der öffentlichen (künstlerischen) Hinrichtung durch die berühmte Mutter. Von nun an interessiert sie sich mehr für deren Lebensgefährten, den großen, anerkannten Schriftsteller Trigorin, und bringt damit die alte Ordnung ins Wanken. Die Voraussetzungen für ein ganz normales, allzu menschliches Drama scheinen gegeben. Der Verdacht liegt nahe, dass es sich bei dem Stück mit dem schönen Titel, obwohl es auf einem Landgut spielt, nicht um ein Idyll, sondern im Gegenteil um den Vorhof zur Hölle handelt. Am Ende steht das „Unnütze“ und der Hass. Eine Frage allerdings bleibt: Warum nannte der Autor selbst dieses Drama eine Komödie? „Die Möwe“ konfrontiert uns mit einer Situation, in der sich das „Nützliche“ und das „Nutzlose“ direkt gegenüberstehen, ohne dass wir oder die Beteiligten wirklich wählen könnten. Eine tragische Dialektik, von der das ganze 20. Jahrhundert geprägt wurde und die vermutlich auch das 21. Jahrhundert bestimmen wird, vielleicht sogar ein Paradox, dessen Zwanghaftigkeit man nur mit dem Lachen des Philosophen entkommen kann. Die jeden Sommer wiederkehrende Situation auf dem Landgut zeigt einen repräsentativen Teil der Welt, Angestellte, Dienstherren, einen Arzt, einen Lehrer, eine Schülerin und eine Künstlerfamilie. Die unsentimentale, analytische Typisierung der anwesenden Personen macht die Tragödie zur Komödie. Der Zuschauer weiß vom ersten Moment an, dass der leidende Liebhaber unglücklich werden wird, dass der Pechvogel ein Pechvogel ist und man darauf warten kann, dass er über seine eigenen Füße fällt. Das Hauptinteresse Tschechows galt also nicht der Psychologie des Innenlebens, sondern der „Ökologie“ menschlicher Lebewesen und ihrer Lebensweisen – wie aus dem zufällig-zwangsläufigen Beieinander von bestimmten Typen eine bestimmte Lebensweise entsteht: z. B. vollkommene Unfähigkeit, einander zuzuhören, Selbsthass und eine zur Gesellschaftsform hochstilisierte Handlungsunfähigkeit aus Gleichgültigkeit oder Schicksalsergebenheit, die konsequenterweise zu einer elementaren Komik mit Fehlleistungen, Stürzen und Missverständnissen führt. Tschechow hat – als Arzt an eiskalten, klaren Diagnosen geschult – am Ende des 19. Jahrhunderts schonungs- und emotionslos eine Gesellschaft gezeigt, der die Ideale abhandengekommen sind und deren Leben sich in Fluchtbewegungen und Abschottungen von der Wirklichkeit erschöpft. Der Mensch, sei es als Gutsbesitzer, sei es als Künstler, sieht sich hilflos den Erfordernissen und Gegebenheiten einer ihn überfordernden Wirklichkeit ausgesetzt. Nun, zu Beginn des 21. Jahrhunderts, stehen wir mehr denn je vor dem Ende der Utopien. Der scheinbar unaufhaltsame Fortschritt ist nicht mehr als ein Fortschreiten der Katastrophe. Aber gerade jetzt kann man nicht umhin, in Tschechows Gescheiterten aus dem 19. Jahrhundert die Gesellschaftsverlierer von heute zu erkennen. Tschechow diagnostizierte den Untergang einer Klasse, deren ökonomische Existenz jahrhundertelang auf Landbesitz und Leibeigenschaft gründete. Mit der Abschaffung der Leibeigenschaft in Russland 1861 verloren die Großgrundbesitzer ihre Haupteinnahmequelle und damit auch ihre gesellschaftliche Führungsrolle. An ihre Stelle traten zunächst handelseifrige, neureiche Bauern, die dem Land ein kapitalistisches Intermezzo bescherten, dann kamen die Arbeiterklasse und die Revolution. Tschechows Dramen, zwischen 1887 und 1904 entstanden, sind Dokumente dieser historischen Übergangsphase. Es gibt Gründe, anzunehmen, dass wir gerade eine ähnliche erleben. Weil die Globalisierung Arbeitsplätze in unseren Längengraden unprofitabel und daher entbehrlich macht, stehen wir an der Schwelle von einer Arbeitsgesellschaft zu einer Gesellschaft „ohne“ Arbeit. Die Betroffenen schauen tatenlos zu und trauern der Vergangenheit nach. Die Intellektuellen finden keine Worte mehr für gesellschaftliche Utopien. Die Politik versteckt sich hinter dem erforderlichen Wirtschaftswachstum. Kurz: Die alte Welt ist nutzlos geworden, geht baden, trotzdem geben wir sie nicht auf. Nicht anders als Tschechows Gutsherren ergibt sich das Individuum der allgemeinen Rat- und Hilflosigkeit, ästhetische und humane Kategorien verschwinden in den Planquadraten der sich ständig ausdehnenden Globalisierung und verkommen unaufhaltsam zum nutzlosen Rest der Geschichte. Zurückgebliebenes und Zurückbleibendes wird zu Brennholz und Abfall, wie das Tschechow anschaulich in seinem letzten Bühnenstück „Der Kirschgarten“ gezeigt hat, wo am Ende der herrliche alte Kirschgarten (mitsamt seinen Bewohnern) dem lukrativen Geschäft mit Ferienwohnungen weichen muss. Was uns zumindest heute in Aufregung versetzt und ratlos macht, ist das gehäufte Auftreten von unfassbaren Taten, die sinn- und motivlos erscheinen, wie Selbstmordattentate, Amokläufe usw. Der Hass, der hier zutage tritt, ist entweder vollkommen grundlos oder steht in keiner nachvollziehbaren Relation zu dem Anlass, der ihn auslöste. Und so liest man manche Stelle in „Die Möwe“ heute völlig anders als noch vor ein paar Jahren: „Ich habe heute die Niederträchtigkeit besessen, eine Möwe umzubringen. Ich lege sie Ihnen zu Füßen … Bald werde ich auf die gleiche Weise auch mich umbringen“ (Kostja Treplew). Ist das einfach nur Gewalt oder Hass? „Wenn die Gewalt aus der Unterdrückung aufsteigt, dann der Hass aus der Entleerung“, sagte der Soziologe Jean Baudrillard im September 1995 in Hamburg in einem Vortrag mit dem Titel „Die Stadt und der Hass“. Man müsse den Begriff des Abfalls und des Mülls verschieben und erweitern. Eine seiner Thesen: „Das Schlimmste ist nicht, dass wir von Abfällen umgeben und überschwemmt sind, sondern dass wir selbst in Abfall verwandelt wurden.“ Die auf neuen Technologien basierende, enorm gestiegene Produktivität des Kapitals emanzipiert sich von der Arbeit der Menschen und lässt immer mehr von ihnen wie Fische auf dem Trockenen liegen. Sie werden nicht einmal mehr ausgebeutet; schlimmer, als ausgebeutet zu werden, scheint es zu sein, überhaupt nicht mehr gebraucht zu werden. Es zeuge, so Baudrillard, von einem Rest an Vitalität, wenn vor allem junge Leute auf ihre Verwandlung in menschlichen Müll mit Wut und Hass reagieren. Da die globale Herrschaft des Kapitals, die sich den Anschein unausweichlicher Naturprozesse und systemischer Sachzwänge zu geben versucht, dem klar definierten politischen Kampf keinen Anhaltspunkt und keinen Raum mehr bietet, erzeugt sie einen Hass, der ohne Gegenstand ist. „Die Menschen, die zum Abfall ihrer eigenen Abfälle werden, sind das Zeichen einer Gesellschaft, die ihren eigenen Werten gegenüber gleichgültig geworden ist und sich selbst in Gleichgültigkeit und Hass austreibt.“ Dieser Einzug „des katastrophalen Scheiterns des Sozialen“ wird uns bereits von Tschechow um die Jahrhundertwende eindrucksvoll vorgeführt. Gezeigt wird nicht die historisch sich vermehrende Gewalt (z. B. erste revolutionäre Auswüchse ab 1900), von realer Gewalt sprechen die Figuren nur (z. B. Kostja Treplew, wenn er androht, sich umzubringen, und sich später dann dilettantisch in den Arm schießt), gezeigt wird von Tschechow viel eher der sich anbahnende Hass. Der Unterschied ist nicht groß, aber entscheidend. Der dargestellte Hass ist losgelöst von den handelnden Figuren. Der Hass ist eher die grundsätzliche Gestimmtheit heutiger Gesellschaftsformen. Ein Hass, der sich gegen niemand und nichts mehr richtet oder gegen alles, also auch gegen sich selbst. Damit ist einer der wesentlichsten Paradigmenwechsel unserer Zeit beschrieben. Die historische oder leidenschaftliche Gewalt hat einen Gegenstand, einen Feind, einen Zweck. Der Hass hat keinen. Er ist etwas ganz anderes. Aus der aufklärerischen Forderung von Toleranz und Gleichberechtigung ist urbane Gleichgültigkeit und selbstzerstörerischer Hass auf alles und jeden geworden. Der Hass ist nicht mehr einfach nur die Vorstufe zur Gewalt, sondern er führt in letzter Konsequenz zum absoluten Ausschluss jeder Andersartigkeit, alles Fremden, Unbekannten und Neuen, und damit zur Vernichtung der Fantasie und idealer Werte. Er ist die wirklich zeitgenössische Version von Gewalt, die jede Radikalität abschafft, außer der verzweifelten Sehnsucht nach dem Ende der Moderne, womöglich sogar der Welt. Vielleicht hat Beckett das gemeint, als er sinngemäß sagte: Noch nie gab es ein Lächeln wie das von Tschechow.Jens Groß ist Dramaturg am Staatsschauspiel Dresden.