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  • Eine Auseinandersetzung des Regisseurs mit Ibsens Stück

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Familiendrama von Henrik Ibsen | Regie: Klaus Dieter Kirst | Premiere am 31. Oktober 2010 | Kleines Haus 1

„Wenn ich nur nicht so feige wäre …“

Gedanken zu Ibsens „Gespenster“

von Klaus Dieter Kirst

Wird sie es tun? Mit dieser Frage lässt der Dichter den Zuschauer am Ende allein! Die Mutter hält den wahnsinnigen Sohn im Arm. Seine letzte Bitte bei klarem Verstand war die um einen schnellen Tod von ihrer Hand. Einen Tod aus Liebe und Barmherzigkeit, der ihm elendes Siechtum als Folge der vom Vater ererbten Krankheit ersparen soll.

Die Mutter ist schwer in seiner Schuld. Die Krankheit des Sohnes ist die schreckliche Konsequenz einer Kette von Versagen und Fehlentscheidungen in ihrem früheren Leben. Nun ist sie aufgefordert, die Rechnung zu bezahlen. Aber nicht nur Mutter und Sohn sind in Ibsens Drama in besonders schicksalhafter Weise aneinandergekettet, alle fünf Figuren sind unauflöslich verbunden durch tatsächliche oder verschwiegene Verwandtschaften, durch Lüge, Vertuschung und Verdrängung, durch Bestechung und Verrat, durch heimliche Begierde, Lust und Leidenschaften. Es sind starke Figuren – vital in ihren Fehlern, konsequent in ihren Irrtümern.

Der selbstgerechte moralische Anspruch des Pastors Manders wird genauso maßlos behauptet, wie die listig verkleidete kriminelle Energie des Tischlers Engstrand keine Grenzen zu kennen scheint.
Mit rücksichtsloser Unbedingtheit befreit sich das Mädchen Regine von den Fesseln ihrer Herkunft, um dem Leben alle Chancen abzutrotzen, die es für sie bereithält.

Oswald, der Künstler, der lustvoll „verlorene Sohn“, will dieses geliebte Dasein, wenn es nun schon auf so brutale Weise verkürzt wird, nicht im Ekel des körperlichen Verfalls enden lassen, sondern es krönen durch einen Tod in Würde und Liebe, vollzogen durch die Hand der Mutter.

Und da ist sie – diese Frau Alving, die von allen Figuren die schwerste Last zu tragen hat. Die am strengsten mit sich ins Gericht gehen muss und geht, die in einem qualvollen Erkenntnisprozess begreift, dass sie ihr Leben falsch gelebt hat. Am Tag ihres vermeintlich größten Triumphs erlebt sie ihre Niederlage, die sie zwingt, sich schonungslos der Wahrheit ihres Lebens zu stellen.

„Wenn ich nur nicht so feige wäre …“

Aus einem vergangenen Jahrhundert kommt uns die Figur entgegen, unaufhaltsam in ihrer radikalen Selbstanklage, bis sie eine von uns ist, eine Zeitgenossin. Denn die Frage, die sie an sich stellt, richtet sie auch an uns!

Auch wir sind Gefangene unserer Vergangenheit. Auch in uns leben die Gespenster überlebter Überzeugungen und Ansichten. Sie stecken in uns fest und verstellen uns den Weg zur Wahrheit unserer Zeit.

Im Sumpf überkommener Vorstellungen gedeihen die gefährlichen Vorurteile, die moralischen Rigorismen und Selbstherrlichkeiten, die unser Leben vergiften.

Die Last der Vergangenheit, die wir mit uns herumtragen, macht unseren Gang in die Zukunft schleppend und unsicher. Es ist ein altes Stück, das uns eine solche Geschichte erzählt. Und das ist gut so! Durch die Ferne gewinnt sie an Schärfe. Aber mit dem Fortgang der Handlung wird der Abstand geringer. Mit einer ungeheuren Wucht überfällt uns das Stück, macht uns zu Komplizen, macht die Figuren zu unseresgleichen.

Das Theater nimmt auf schönste Weise sein Recht in Anspruch, mit den Wirklichkeiten und Wahrheiten dieser Welt zu spielen, die Jahrhunderte zu vermischen und die ewigen Fragen unserer Existenz in alter Weise neu zu stellen! „Die Vergangenheit muss reden, und wir müssen zuhören. Vorher finden wir und sie keine Ruhe“, schrieb Erich Kästner. „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben!“ – oder so ähnlich sagte es Gorbatschow. Viele haben über die Rolle des Vergangenen für den Weg ins Zukünftige reflektiert, es ist alles gesagt – aber ist alles getan?

Die Figuren des Stücks in ihrem verzweifelten Kampf mit den Gespenstern der Vergangenheit dilettieren auf diesem Feld. Sie glaubten den Sieg schon in der Tasche – und plötzlich sind sie die Verlierer der Geschichte. Wir erfahren von zerrütteten Ehen, ohne Liebe geschlossen, von Alkoholismus und Sexsucht, unheilbarer Krankheit und Sterbehilfe, Duckmäuserei und Käuflichkeit. Und von der demoralisierenden Wirkung ständig schlechten Wetters!

Und endlich gebiert die Traurigkeit des Stücks eine bizarre Komik. Wir leiden mit den Figuren, wir verurteilen sie, wir lieben sie und müssen dabei mit ihnen und über sie lachen.

Die Komödie in der Tragödie – Ibsens Geniestreich!

Das düstere Stück gewinnt eine schmerzende Helle. „Mutter, gib mir die Sonne“ – Oswalds letzter Satz.

Sie alle starten im Stück an einem entscheidenden Punkt ihres Lebens. Sie sind besessen von einem Plan, der ihnen entweder die lang ersehnte moralische Genugtuung, neuen Wohlstand oder die endliche Erlösung verspricht.

Es geht um Lebensfreude, die die Freiheit braucht und die die Sehnsucht nach Berührung und Liebe, nach Verstehen, Verzeihen und Helfen miteinschließt. Dann wird dieses böse Stück zärtlich, dann verlieren Worte ihre Bedeutung, und die letzte Wahrheit der Figuren ist zu entdecken.

Klaus Dieter Kirst ist seit über 40 Jahren als Regisseur in Dresden tätig und hat 1989 mit seiner Inszenierung von Christoph Heins „Die Ritter der Tafelrunde“ Theatergeschichte geschrieben. Seinen Text schrieb er für die Saisonvorschau 2010.2011.