Ödön von Horváth

wird 1901 geboren. Da der Vater, ein ungarischer Diplomat, oft versetzt wird, verläuft das Leben des jungen Horváth turbulent; er wechselt häufig den Ort und die Sprache. Mit 14 Jahren schreibt er den ersten deutschen Satz und mit 17 entscheidet er sich für Deutsch als seine Muttersprache. In Belgrad, Budapest, München, Pressburg (heute ­Bratislava) und Wien aufgewachsen, immatrikuliert er sich 1919 an der Ludwig-Maximillian-­Universität in München und studiert Theaterwissenschaft. Noch während des Studiums ­beginnt er, ­eigene Romane und Theaterstücke zu verfassen und zieht 1924 wie seinerzeit viele ­aufstrebende ­Künstler nach Berlin. Dort geht er bald beim Ullstein-Verlag als freier Schriftsteller unter ­Vertrag. Schnell öffnen sich ihm die großen Bühnen, und Horváth gerät in ­einen ­wahren ­Schaffensrausch. In nur sieben Jahren entstehen seine wichtigsten Werke: 1930 ­beendet er ­seinen ersten Roman „Der ewige Spießer“ und schreibt folgende ­Theaterstücke: „Die Bergbahn“, ­„Sladek, der schwarze Reichswehrmann“ (beide 1929), „Italienische Nacht“, ­„Geschichten aus dem Wiener Wald“ (beide 1931), „Kasimir und Karoline“ (1932), „Die ­Unbekannte aus der Seine (1933), „Glaube, Liebe, Hoffnung“ (1936).
Die Uraufführung von „Geschichten aus dem Wiener Wald“ fand am 2. November 1931 unter großem Beifall in Berlin statt. Das Feuilletonecho war voller Begeisterung – wie bei keiner anderen Premiere zu Horváths Lebzeiten. Der Essayist und Schriftstellerkollege Alfred Kerr schrieb: „Horváth lüpfe als Ironiker eine Legende: Kitschlügen um Österreich. Ihn ergötzt jener Unterschied zwischen dem feindlich übertünchten Außen und dem verdammt hintergründigen Innen.“
1933 wird ein Aufführungsverbot zur Uraufführung von „Kasimir und Karoline“ von den Nationalsozialisten ausgesprochen; diese verhindern auch weitere geplante Aufführungen. Bald darauf wird er gezwungen, Berlin zu verlassen. Seinen Roman „Jugend ohne Gott“ ­veröffentlicht er deshalb 1937 in Amsterdam. Im gleichen Jahr schließt er seinen letzten Roman „Ein Kind unserer Zeit“ ab und distanziert sich von fast allen seinen Stücken. Depressionen und eine angespannte finanzielle Situation hindern ihn an der Verwirklichung seiner Pläne, die „Komödie des Menschen“ zu schreiben. Am 10. Januar 1938 setzt die Gestapo „Jugend ohne Gott“ auf die „Liste des schädlichen und unerwünschten Schrifttums“. Am 14. März wird der Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich offiziell verkündet. Horváth verlässt Wien und trifft am 28. Mai in Paris ein. Am 1. Juni wird er in einem Gewitter von einem herabstürzenden Ast auf den Champs-Élysées erschlagen. In seinem Hotelzimmer finden sich Notizen zu einem neuen Roman mit dem Titel „Adieu Europa!“, die mit den Worten „Ein Poet emigriert nach Amerika“ beginnen.

„Was macht man sich für öde Sorgen, womit füllt man sein Leben, und so schaut unser Ende aus, so ­sinnlos und brutal ... Dass uns die SS verfolgt, wissen wir. Aber dass schon die Bäume auf den Champs-Élysées anfangen, exilierte deutsche Poeten zu erschlagen!“ Hermann Kesten, 3. Juni 1938