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Ein musikalischer Abend im Hotel von Franz Wittenbrink | Regie und musikalische Leitung: Franz Wittenbrink | Uraufführung am 30. Dezember 2009 | Schauspielhaus

Der Mann, der vieles liebt

Über den Musik-Theater-Regisseur Franz Wittenbrink
von Robert Koall

Franz Wittenbrink ist seltsam. Wenn man ihn besuchen will, muss man den Hamburger Hauptbahnhof an seiner übelsten Ecke verlassen. Dann geht man den Steindamm hinunter, vorbei an siffigen Pornokinos und hohlwangigen Prostituierten, lässt die Polizeistation rechts liegen, bis man vor einer anonymen Toreinfahrt steht, die von einem schmiedeeisernen Gitter verschlossen wird. Auf dem Hinterhof jenseits des Tores standen jahrelang vergessen zwei Kutscherhäuser, und Franz Wittenbrink konnte sie von seiner Mietwohnung aus sehen. Mitten im Herzen des charmant-kaputten Stadtteils St. Georg stehen sie wild-romantisch in einem kleinen Garten; größer könnte der Kontrast zwischen dem Hinterhof und der Straße nicht sein. Irgendwann ist Franz Wittenbrink dann selbst in diese Kutscherhäuser eingezogen. Wenn er jetzt den Gast mit seinem dröhnenden Lachen und der Kippe in der Hand auf den Stufen vor seinem Haus begrüßt, ist der triste Stadtteil weit weg. Hier lebt er mit Teilen seiner Familie und Freunden. Dort stehen die Dinge, die er am dringendsten braucht: sein Flügel, sein Musikarchiv, sein Aschenbecher und seine Kaffeemaschine, und aus dem Fenster seines Musik- und Schlafzimmers blickt er auf die unbehauenen Grabmale, die auf dem Hof einer Steinmetzerei lagern. Das alles passt, denn der Wittenbrink ist, wie gesagt, nicht unseltsam.
Franz Wittenbrink ist ein Regensburger Domspatz. Dort, im wenig liberalen Internat, brachten die katholischen Eltern den damals Neunjährigen Mitte der 50er Jahre unter. Wittenbrink, sechstes von 13 Kindern, lernte fernab der niedersächsischen Heimat Klavier, Violoncello, Orgel, Trompete, Tonsatz und Kontrapunkt. Um dann nach dem Abitur alles damit zu machen nur keine Musik. Es dauert ein gutes Dutzend Jahre, bis er zu ihr zurückkehrt. Dazwischen liegen politisierte und Wanderjahre. Wittenbrink studiert Soziologie in Heidelberg und Mannheim, er sitzt für den Sozialistischen Deutschen Studentenbund im Allgemeinen Studierendenausschuss. Er gründet mit Vertrauten den Kommunistischen Bund Westdeutschland, kandidiert 1976 (erfolglos) bei der Bundestagswahl, und schließlich schmeißen sie ihn aus dem kbw, weil er schöne Pointe in diesem Milieu nicht angepasst genug ist. Nach dem Ausschluss lernt er Klavierbauer und Maschinenschlosser, er arbeitet als Müllfahrer, Fernfahrer und Drucker. Über 30 Jahre ist der Domspatz alt, als er Anfang der 80-er Jahre zur Musik zurückfindet. Er gerät als musikalischer Leiter ans Theater in Mannheim, später nach Basel und Hamburg, er unternimmt erste Regieversuche und erfindet Mitte der 90-er Jahre ein neues Theatergenre: den Wittenbrink-Abend. Sein wechselvolles Leben prägt dieses eigene Genre bis heute.  
Wittenbrink-Abende tragen Titel wie Sekretärinnen, Zigarren, Miles & more oder Hallo Deutschland. Es sind Stücke für sangesfreudige Schauspielensembles, die Freude am Kunstlied ebenso haben wie an seiner Dekonstruktion. Die eine musikalische Bandbreite von Mozart bis Hardrock abdecken und das Publikum von Hamburg bis Wien regelmäßig zu Begeisterungsstürmen hinreißen. Wittenbrink-Abende kommen im Gewand des Liederabends daher und sind doch sehr viel mehr als beliebige Liedfolgen zur abendlichen Zerstreuung. Sie zeichnen mit selbstironisch humorvollem Blick die desolate Situation des modernen Mannes (Männer), widmen sich mit unverhohlener Trauer und kritischem Zynismus der Korruption einer politischen Idee (Brüder zur Sonne zur Freiheit) oder umspielen die Themen Schönheit und Vergänglichkeit (Denn alle Lust will Ewigkeit). Der deutsche Bühnenverein ordnet sie als Musicals ein. Ganz falsch ist das nicht und trifft dennoch nicht den Kern der Sache. Einerseits folgen Wittenbrink-Abende, einem Musical nicht unähnlich, einer Dramaturgie. Die Lieder folgen nicht beliebig aufeinander, die Sänger haben charakteristische Rollen, sie erzählen mit ihren Liedern Geschichten, die über das Gesungene hinausgehen. Andererseits sind Wittenbrink-Abenden nie harmlos. Sie sind fröhliche, sinnliche Musikfeste. Sie kommentieren das politische Geschehen, sind sozial engagiert und stürzen sich ein paar Takte später aus diesen Höhen wollüstig und schamlos in zotige Tiefen. Bei Wittenbrink steht Schubert neben Bushido, fällt man von der Opernarie ansatzlos in Stammtischgegröhle immer virtuos, immer mit großem musikalischem Ernst, immer verspielt. Ein Satz von Michel de Montaigne könnte über seinen Arbeiten stehen: Der Mensch ist ein seltsam wahnhaftes, widersprüchliches, hin und her schwankendes Wesen. So ist es bei Wittenbrink: Er weiß, wie viele Seiten ein Mensch hat, wie viele Gesichter und verborgene Dämonen; dass hinter einem braven Antlitz der Abgrund lauern kann und wie viel Zartheit im Rauhen steckt. Daher sind auch seine Figuren nie eindimensional, sondern singen vom Leben mit allen Liedern und Tonarten, die die Musik bereithält. Wittenbrink kennt vieles, viel vom Leben, viel von der Musik. Sein Kompendium ist riesig; er ist auf youtube so zu Hause wie im Köchelverzeichnis. Und das ist das ganze Geheimnis: Er nimmt alles gleich ernst, alles gleich wichtig. Ganz einfach: Er liebt vieles.
Am meisten freilich immer noch die Musik als Gemeinschaftswerk: musikalische Theaterabende mit einem Schauspielensemble zu erfinden, um andere glücklich zu machen. Glück, so Franz Wittenbrink, bedeutet, etwas zu tun, womit man andere glücklich machen kann. Mit anderen dann zusammen glücklich sein ist somit verdoppeltes Glück.
In Dresden sucht Franz Wittenbrink das doppelte Glück in einem Hotel. Die Lobbyisten wird sein Abend heißen und sich dem Ankommen, dem Abreisen, dem Fremden und dem Vertrauten widmen.

Robert Koall ist ab der Spielzeit 2009.2010 Chefdramaturg am Staatsschauspiel Dresden.