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Ein musikalischer Abend im Hotel von Franz Wittenbrink | Regie und musikalische Leitung: Franz Wittenbrink | Uraufführung am 30. Dezember 2009 | Schauspielhaus

Renate Hausmann (die Hotelbesitzerin)

leitet in der dritten Generation das Hotel, in dem sie bereits gezeugt wurde (Zimmer 11). Sie ist dann auch gleich dort geblieben („Hat sich so ergeben.“). Später heiratete sie Alfred, den damaligen Küchenchef. „Zeitig“, wie sie betont. Aus dieser Verbindung ging Tochter Sandra hervor, die ihren Vater aber nie kennen lernte. Er ist im Frühjahr 1990 abhanden gekommen, Frau Hausmann spricht nicht gerne darüber, das Ganze war wohl etwas unappetitlich und hat irgendwie zu tun mit ihrer ehemals besten Freundin.
Renate Hausmann ist in ihrem Freundeskreis weltberühmt für ihren Knickebeinshake und den Geflügelsalat „Carmen“.
Wenn Frau Hausmann die Augen schließt, streunt sie allein durch die Gassen von Buenos Aires und stirbt dort einen seligen Tangotod.






Sandra Hausmann (Frau Hausmanns Tochter)

ist die Tochter des Hauses und soll den Betrieb eines schönen Tages einmal übernehmen. Sie kann sich keinen schlimmeren Albtraum ausmalen. Wie ihre Mutter hat sie Sehnsucht nach Südamerika, bei ihr ist es Brasilien. Eigentlich aber auch egal, Hauptsache woanders als hier und mit mehr Sonne und zur Abwechslung mal ein paar fröhliche Menschen.
Im Internet nennt Sandra sich sandydeluxe und treibt sich auf Seiten rum, auf denen sie nichts verloren hat. Den Pagen des Hotels, der sie dauernd anstarrt, kann sie nicht ernst nehmen, der ist ja noch grün hinter den Ohren.
Sandy sitzt gerne rum. Sie wüsste auch nicht, was sie sonst tun sollte.







Omi Hausmann (ein Hausgeist)

war schon immer da. Sie wird es wohl auch immer sein. Möglicherweise ist das Hotel um sie herum gebaut worden, man weiß es nicht. Omi Hausmann hat viel gesehen in ihrem Leben, viel gehört und jedes Lied gesungen. Dass die Texte ihrer Lieblingslieder dabei jeweils der ­aktuellen politischen Weltlage angepasst wurden, sah sie schon immer gelassen. Sie hat beschlossen, dass sie nun alt genug ist, um darauf zu pfeifen, was die Leute von ihr denken.
In ihrem Nachtschrank verwahrt sie Ehrennadeln aus verschiedenen Jahrzehnten und Regimes. Darunter ist auch eine, die ihr August der Starke persönlich überreicht hat – sagt sie. Man ist fast geneigt, Omi Hausmann zu glauben. Denn wenn die Welt dereinst in Trümmern liegt, wird Omi Hausmann noch auf ihnen wandeln – soviel steht fest.






Kevin Moeringer (ein Page)

macht nach eigener Auskunft „seit gefühlten vierhundert Jahren“ eine Ausbildung zum Hotel­kaufmann bei Frau Hausmann. Seine Chefin besteht darauf, dass er den Beruf von der Pike auf lernt. Kevin ist allerdings irgendwie an der Pike hängen geblieben. Heimlich schwärmt er für Sandra, die Tochter des Hauses, aber „eine Frau wie Sandra spielt in einer ganz anderen Liga als ich“, hat er in sein Tagebuch geschrieben. Darin notiert er auch manchmal Gedichte, die sich am Ende reimen und von Sandra handeln. Auf die Innenseite seines Spinds hat er mal mit Bleier „Kevin + Sandra = big love“ geschrieben, es nachts aber wieder ausradiert, weil er Angst hatte, sie könne es vielleicht zufällig lesen. Andererseits kommt sie ja eh nie in sein Zimmer, aber trotzdem. Kevins Hobbys sind Playstation 2 und Playstation 3, aber leider hat er keine.
Mit der Schwerkraft hat Kevin Moeringer größere Probleme als allgemein üblich.





Karl Bondt (ein handlungsreisender Gast)

hat nach einer Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann konjunkturbedingt einen Job als Außen­handelsvetreter eines großen Möbelhauses angenommen und phlegmabedingt diese Stelle nie wieder verlassen. Er sieht sich als Asphaltcowboy, seine Heimat sind die Straßen der deutschen Provinz. Er hatte sie alle, all die schmierigen kleinen Hotels an viel befahrenen Bundesstraßen, all die schwermütigen Betreiber der überschuldeten gastronomischen und Herbergsbetriebe, denen er Resopaltische und „Gastraum-Komplett-Lösungen“ andrehte.
Herrn Bondt hat die geisttötende Routine seines Berufs nichts anhaben können, zu weich ist seine Seele in ein Ruhelager aus gesunder Ignoranz, Bequemlichkeit und Alkohol gebettet.
Nur einmal hat es ihn aus der Bahn geworfen. Als plötzlich, in einer schicksalhaften Nacht ,Illona in seinem Bett lag, ihm sein Herz aus der Brust riss und es nach wenigen Tagen einfach wegwarf. Seitdem sucht er sie in den 2-Sterne-Hotels an den zugigen Landstraßen. Zuhause wartet man nicht mehr auf ihn. Darauf einen Dujardin.


Hans-Magnus (ein schwermütiger Gast)

Wir wissen nicht viel über Hans-Magnus. Irgendetwas hat seine Welt aus den Fugen gehoben. Er war eigentlich nur auf der Durchreise nach Wittenberg, um dort ein Studium zu beginnen. Aber dann hat er im Hotel ein liegengelassenes Buch entdeckt. Kierkegaard. Damit fing es an. Es blieb nicht bei einem einzelnen Buch, es wurden immer mehr – und immer härterer Stoff. Hans-Magnus verlor die Kontrolle, sein ganzes Denken kreiste ums Lesen. Er verkaufte seine Habe, um seine Sucht zu finanzieren; es war ein Teufelskreis, ein Sumpf aus Tinte und Papier.
Die verdammten Bücher haben ihn kaputtgemacht, heute wünschte er, er hätte nie Lesen ­gelernt. Seine Mutter hatte ihn noch gewarnt: „Jetzt sind es bloß Comics. Aber bald willst Du Kinderbücher und dann richtige Literatur – und dann wird es zu spät sein.“ Er hatte die ­Warnungen in den Wind geschlagen, wollte cool sein, dazugehören, mit den anderen Jungs in den Pausen in der Leseecke stehen. Nun war es tatsächlich zu spät, um aufzuhören.
Viel mehr wissen wir nicht über Hans-Magnus. Er lebt in Zimmer 5. Das stört ihn. Nicht das Zimmer, sondern dass er lebt. Diesen Zustand will er ändern, es kommt aber immer was dazwischen.

Michael Bärmann (ein Bisnissmann)

war schon mal ganz unten, ganz oben, wieder unten und im Moment ist er wieder oben. Als junger Mann poste er ein bisschen mit Kampfsport herum. Hatte früh „ein paar Mädchen laufen“ in dem Saunaclub neben seinem Gym. Da entstanden die Kontakte, die er bis heute bestens pflegt. Er packt den Stier gern bei den Hörnern. 1989 hat er „als einer der ersten gemerkt, dass die ddr ja vor allem eins ist: ein riesiger Markt, verstehste, das war ja El Dorado für jemand, der weiß, wie der Hase läuft!“ Bärmann wusste, wie der Hase läuft. Kannte sich aus mit Autos und wo man was wie herkriegt. Er zog einen Handel für Amischlitten in Erfurt auf (Insolvenz 1991), übernahm den Aufbau eines Gewerbekomplexes („Businesspark“) nahe Schkopau (Insolvenz 1993) und war Inhaber eines Sonnenstudios in Niedersedlitz („Ibiza 2000“, Insolvenz 1995).
Mitte der 90er-Jahre besann er sich auf seine Kernkompetenz und kehrte zurück nach Berlin, wo er im „Im- und Export“ und als Bauunternehmer tätig war. „Ich war sozusagen der Fachmann für Warme Abrisse, wenn Du weißt, was ich meine, Sportsfreund, nichts für ungut.“
Mit dem Geld aus seinen Berliner Geschäften finanziert er zum einen das Leben seiner Frau Tatjana und ihrer Familie. Zum andern macht er jetzt in Immobilien im Osten. Er kauft ­marode Gaststätten und Hotels auf und lässt sie kostengünstig von einem befreundeten Bauunternehmer abreißen. Dank gut geschmierter Lokalpolitik erhält stets er den Zuschlag, wenn Investoren Bauland suchen.
Wenn keiner guckt, legt Bärmann Chris de Burgh in den cd-Player und singt bei „Lady In Red“ tränenerstickt mit.

Tatjana (Bärmanns Olle)

heißt eigentlich Olga und stammt aus der Nähe von Omsk. Nach Deutschland fand sie durch ­einen Freund, der ihr einen Job in einem „Berliner Szenebetrieb“ anbot. Ihre Eltern in Russland glauben bis heute, dass sie etwas Seriöses tut. Beruflich hatte Tatjana häufiger mit Michael Bärmann zu tun, der schließlich ihr Lebensgefährte wurde. Er spendierte ihr eine Brust-op und heiratete sie nach deren gelungenem Ausgang.
Mit Bärmanns Geld unterstützt sie die Familie in Russland, ihre Schwester, die vier Neffen und Nichten sowie ihre Brüder. Die tun Bärmann im Gegenzug immer mal wieder recht hässliche Gefallen, wenn die Osterweiterungen seiner Geschäftsbeziehungen durch allzu sture Partner ins Stocken geraten.
Tatjana ist einem billigen Vergnügen niemals abgeneigt – einem teuren aber noch viel weniger. Sie ist unterhaltungssüchtig, langweilt sich schnell und würde für Bärmann alles tun. Was sie tatsächlich so alles tut, geht ihn allerdings nichts an.
Über Bärmann steht bei ihr nur Putin, ein überzüchteter Albino-Affenpinscher.



Lutz-Uwe Kleinert (ein Mann mit Kontakten)

ist 46 Jahre alt und verströmt einen leicht stechenden Schweißgeruch, den er selbst nicht mehr wahrnimmt. Er mag sich. Er wurde in Cottbus ausgebildet, auf der Hochschule für Ingenieure. Freitags ging man immer kegeln. Dort hat er zum ersten Mal über jemanden Auskunft gegeben. Über Jürgen, einen Freund. Lutz-Uwe Kleinert wusste nie viel, aber immer genug.
Mit Mitte 20 übernahm Kleinert die Koordination der Lebensmittelverteilung in Kötzschenbroda. Er verteilte H-Milch, Mocca Fix und Leckermäulchen an Freunde, politisch zuverlässige Arbeitskräfte oder nützliche Zuträger. Er lebte mit Karin und kinderlos. Er betrog seine Freundin mit der Partei und Michael, dem damaligen Jungbürgermeister und Leiter des Ortsamtes Radebeul. Das war eine schöne Zeit.
Die neue Zeit fiel Lutz-Uwe Kleinert leicht. Die Menschen sind zu moralisch und deshalb umständlich. Aber die neue Zeit ist unmissverständlich: Es geht um Geld. Es geht um Kontakte. Es geht um Hände, die andere waschen. Es geht um die Wege des geringsten Widerstands. Das kann er.
Nachts holt Lutz-Uwe Kleinert manchmal die CZ 45 raus und hält hinter der Gardine stehend auf Passanten. Eines Tages wird er abdrücken.