Gerhart Hauptmann
(1862 – 1946) – Autobiographie
Ich wurde geboren am 15. November 1862. Der Ort meiner Geburt war Bad Obersalzbrunn, ein Kurort, der für seine medizinischen Quellen berühmt ist. Das Haus meiner Geburt war der Gasthof „Zur Preußischen Krone“. Mein Vater war Robert Hauptmann, meine Mutter Marie Hautmann, geborene Strähler. Ich bin das jüngste von vier Kindern. Ich erinnere mich, in einem gebildeten und lebhaften Mittelklassehaushalt aufgewachsen zu sein. Ich besuchte die Dorfschule, lernte etwas Latein bei einem Privatlehrer und hatte Geigenunterricht. Später ging ich nach Breslau, die Hauptstadt unserer Provinz, wo ich im Internat wohnte und das Gymnasium besuchte. Glücklicherweise zerstörte mich meine Schulzeit in Breslau nicht völlig, aber sie hinterließ Narben, von denen ich mich nur langsam erholte. Ich hätte vergehen müssen, wenn es keinen Weg hinaus gegeben hätte. Ich zog aufs Land und begann, Landwirtschaft zu studieren. Die Folter der Schulausbildung, begonnen 1874, endete 1878. Doch auch Landwirtschaft blieb nur eine Episode. Einmal für mich selbst, träumte ich, auf eigenen Füßen zu stehen und eigene Gedanken zu haben. Ich wurde mir meiner selbst bewusst, meiner Werte und Rechte. Auf diesem Weg erlangte ich Unabhängigkeit, Festigkeit und eine geistige Freiheit, welche ich noch heute genieße. Hungrig nach Kultur, kehrte ich nach Breslau zurück, wo ich eine zweite, glücklichere Zeit verbrachte. Ich besuchte die Kunstakademie, studierte Bildhauerei, lernte, was Jugend, Hoffnung und Schönheit sind und den Wert von Freunden, Meistern und Lehrern. Ich zeichnete, formte, trank, schrieb Gedichte, machte Pläne und baute Luftschlösser. In dieser Stimmung tauschte ich die Kunstakademie in Breslau gegen die Universität in Jena in Thüringen. In dieser Stimmung ersetzte ich Jena durch Rom, und später Rom durch Berlin. Obwohl ich in Rom noch als Bildhauer arbeitete, war es doch dort, dass ich mich schließlich ganz für die Literatur entschied. Ein Stück, „Vor Sonnenaufgang“, machte mich 1889 öffentlich bekannt. Meine späteren Werke schrieb ich teilweise in Berlin, teils in Schreiberhau im Riesengebirge, in Agnetendorf und in Italien: Sie sind Verdichtungen äußerer und innerer Schätze und Glücks.
1887 Novelle „Bahnwärter Thiel“ entsteht, 1889 „Vor Sonnenaufgang“, 1890 „Das Friedensfest“, 1891 „Einsame Menschen“, 1893 „Die Weber“, „Hanneles Himmelfahrt“, 1896 Verleihung des Grillparzer-Preises (für „Hanneles Himmelfahrt“) 1898 „Fuhrmann Henschel“, 1903 „Rose Bernd“, 1906 „Und Pippa tanzt!“, 1911 „Die Ratten“, 1912 Verleihung des Nobelpreises für Literatur