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Die heilige Johanna der SchlachthöfeAuf Facebook teilen

von Bertolt Brecht | Regie: Tilmann Köhler | Premiere am 17. Oktober 2009 | Schauspielhaus


Menschenlämmer auf der Schlachtbank

Am Sonnabend gelang dem Regieteam um Tilmann Köhler im Dresdner Schauspielhaus ein kleines Wunder. Bertolt Brechts „Die heilige Johanna der Schlachthöfe“ verlor all seine dogmatische Besserwisserei, seine holzschnittartige Lehrerattitüde und wurde zu einem hochmodernen Stück zur aktuellen Finanzkrise.
Und im simplen, aber genialen Bühnenbild von Karoly Risz gelingen Regisseur Köhler Bilder von archaischer Wucht.
Beeindruckend ist das hoch motivierte, genaue Spiel des gesamten Ensembles.
Sächsische Zeitung, 19.10.2009, Valeria Heintges

Beißender Spott über die Systemretter

Vor allem aber stellt sich eine Wirkung ein, an der Brecht vermutlich seine Freude gehabt hätte. Weil das scheinbar Vertraute unseres Wirtschaftssystems von seinen Wurzeln her neu erzählt wird, zwingt es den Zuschauer zur Positionierung, zu Betroffenheit oder Distanz. Sechs Minuten intensiver Schlussapplaus immerhin.
Dresdner Neueste Nachrichten, 19.10.2009, Michael Bartsch

Das Fleisch der Armen

Auch diesmal blieb das Publikum bis zum Schluss gespannt und aufgeschlossen, der Applaus war am Ende enthusiastisch.
nachtkritik.de, 16.10.2009, Caren Pfeil

Ein ‚Hosianna‛ auf ‚das System‛

Antje Trautmann spielt eine forsche aber ebenso naive Missionarin, die ihre Botschaften, von E-Gitarren begleitet, in etwas schrägen Gesängen unters Volk bringt und an einfache Lösungen glaubt. In Mauler meint sie einen guten Kern zu entdecken und wird darüber zur tragischen Figur. Matthias Reichwald gibt dem mit allen Wassern gewaschenen Schlitzohr Mauler in seiner Eiseskälte beängstigendes Profil.
Dresdner Morgenpost, 19.10.2009

Wir schwitzen Theater

Die erste Wohltat des Abends: Der Regisseur nimmt das Stück nciht als Folie für billige Kapitalismus-Schelte. Indem Köhler das Stück nicht thesenhaft zurechtkürzt, bleibt er Brechts Haltung treu: Auch der Regisseur tut nicht so, als habe er das System, den Kapitalismus, die Logik der Märkte durchschaut, auch er ist mit der schlechten Welt und seiner Sicht darauf noch lange nicht fertig. Die zweite Wohltat seiner Inszenierung ist folglich: Sie hält sich jede Bescheidwisserei vom Hals, sie ist ein einziges großes Fragezeichen an unsere Welt.
Köhlers wortfixiertes und körperbetontes Theater ist immer auch verbissene Suchbewegung nach der richtigen, angemessenen Bühnenreaktion auf jene Welt, von der er spielen lässt. Überhaupt wirkt das gesamte, enorm präsente Ensemble wie ein überbordendes Energiebündel.
Neue Zürcher Zeitung, 20.10.2009, Dirk Pilz

Gib dem, der da hat!

Köhler geht mit seinem hochenergetischen Ensemble in den Text, ohne vorzugeben, mehr zu wissen. Die Authentizität dieser Suche vermittelt sich. Es ist eine tolle Inszenierung mit starken, bezwingenden, heftig an die Rampe drängenden Bildern und einem fulminanten Chor- und Körpereinsatz des Ensembles. Wie physisch hier gespielt und gefiebert, bei klirrender Kälte gefroren oder auf nackte Bäuche getrommelt wird, ist von einer Fleischlichkeit, die die eigene Haut eindrucksvoll zu Markte trägt. Es bleibt eine Kluft zwischen Arm und Reich, Köhlers Inszenierung bohrt schmerzvoll darin wie in einer Wunde.
Süddeutsche Zeitung, 21.10.2009, Christine Dössel

Da da & da: „Heilige Johanna“ in Dresden

Intensive Momente und viele frische Ideen zeichnen Köhlers Inszenierung aus. Eine ungebremste Spiellust ist es, die diesen Theaterabend zu einem Erlebnis macht. Drei Stunden, die mitreißen.
3sat Kulturzeit, 19.10.2009, Nadja Lauterbach

Hier wird wieder Theater geschwitzt

"Tilmann Köhler hat am Staatsschauspiel Dresden Bertolt Brechts „Die heilige Johanne der Schlachthöfe“ inszeniert, und die erste Wohltat des Abends ist: Er nimmt das Stück nicht als Folie für billige Kapitalismusschelte. Und indem Köhler das Stück nicht thesenhaft zurechtkürzt, bleibt er Brechts Haltung treu: Auch er tut nicht so, als habe er das System, den Kapitalismus, die Logik der Märkte durchschaut, auch er hat die schlechte Welt und seine Sicht darauf noch nicht eingetütet. Die zweite Wohltat seiner Inszenierung ist folglich: Sie hält sich jeder Bescheidwisserei vom Hals, sie ist nicht nur ein großes Fragezeichen an die Welt und uns Kapitalismusbewohner, sondern auch an das Theater. Denn Köhler inszeniert nicht vom sicheren Hochsitz ästhetischer und weltanschaulicher Dogmen herunter. Seinen Figuren und Szenen ist alle wohlfeile, saturierte Sicherheit fern. Köhlers wortfixiertes und körperbetontes Theater ist immer auch verbissene Suchbewegung nach der richtigen, angemessenen Bühnenreaktion auf die Welt, von der er erzählt. Überhaupt wirkt das gesamte, enorm präsente Ensemble wie ein überbordendes, unzähmbares Energiebündel."
Berliner Zeitung, 20.10.2009, Dirk Pilz