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Ein musikalischer Abend unter Verwandten | von Franz Wittenbrink und Lutz Hübner | Regie und musikalische Leitung: Franz Wittenbrink | Uraufführung am 23. Oktober 2011 | Schauspielhaus

Regina, 76 Jahre, die Matriarchin

Die Mutter des Clans, agil, autoritär, keine Frau, mit der man sich anlegen sollte. Sie hat die Großfamilie im Griff, auch wenn ihr Mann Josef offiziell der Patriarch ist. Letztendlich passiert, was sie will, sie regiert mit eiserner Hand. Ihre einzige Schwäche ist ihr jüngster Sohn Albert, für den sie nach der Erziehung der älteren drei Geschwister endlich einmal Zeit hatte. Er hat alle Liebe und Fürsorge erhalten, die noch bei ihr übrig waren. Deshalb ist sie blind dafür, dass er nie auf eigenen Füßen stand. Sie schützt und deckt alles, was er tut, auch gegen die eigenen (finanziellen) Interessen. Einwände der anderen Geschwister sind für sie nur Ausgeburten der Eifersucht. Was der Rest der Familie für komplett hirnverbrannt hält (z. B. seine ständigen Versuche, schnelles Geld zu machen) ist für Regina visionär.
Walter, der mustergültige Älteste, der den Betrieb übernommen hat, wird zwar geschätzt, aber sein Realitätssinn macht ihr keinen Eindruck, er funktioniert, und das ist gut so. Mit ihren beiden Töchtern ist sie schon immer unzufrieden gewesen. Johanna, als die Ältere, wurde schon früh als Ersatzmutter missbraucht und mit Verantwortung überlastet, für die sie noch nicht reif war.
Reginas Verhältnis zu ihrem Mann Josef ist gut, jedoch pragmatisch bis zur Lieblosigkeit, sie duldet ihn und seine Launen, nimmt ihn aber nicht ernst. Ist er krank, und sei es nur eine Erkältung, wird das in Reginas Erzählungen zu einer schweren vielleicht letzten Erkrankung. Inwieweit sich da ein Wunsch artikuliert, lässt sich schwer sagen. Auch Erschöpfungszustände Josefs werden von ihr prognostiziert, bevor Josef selbst es merkt.
Das Verhältnis zu den Enkeln ist bestimmt von ihrer Haltung zu deren Eltern. Nele, die Tochter von Walter und Sabine, wird praktisch alsHaushaltshilfe eingesetzt, ihre ‚Vernünftigkeit‘ macht sieuninteressant und führt zu Unverständnis, sobald sich Nele malaltersgemäß aufführt. 
Polly, Alberts Tochter,  lässt sie allesdurchgehen, auch wenn sie immer wieder sagt, dass man so nicht seindarf, so verwöhnt und zickig, aber das ist das Alter, das muss manhinnehmen.
Julius, der Sohn ihrer jüngsten Tochter, wurde alsKind geliebt, weil er so süß und knuddelig war. Seit er in der Pubertätzugenommen hat und kein süßes Kind mehr ist, wird er komplettignoriert. 
Helena, Johannas Tochter, wird bewundert, weil sie soviel lernt und drei Instrumente spielt. Aber da Helena kaum zuKonversation fähig ist, wenn es nicht um sie und ihre Probleme geht,findet Regina keinen Ton mit ihr, sie betrachtet sie ratlos, machtmanchmal Ansätze zu einem Gespräch, behandelt sie meistens wie einschönes, etwas unpraktisches Möbelstück.

Johanna, 45 Jahre, Reginas schwierige Tochter

Johanna ist alleinerziehend und macht dafür ihre Familie verantwortlich – sie ist das Spinnennetz, aus dem sie nie herauskommen wird. Präziser gesagt, die Spinne ist ihre Mutter, zum Vater hat sie ein gutes Verhältnis, aber der ist zu schwach, um sich durchzusetzen, das ist immer wieder Thema der Kräche. Trotzdem kommt sie nur wegen ihres Vaters Josef noch zu den Familienfeiern, ihn will sie sehen, denn ihr Kind, Helena, soll auch etwas von ihrem Opa haben. Helena ist ein gedrilltes Kind, macht Sport, lernt Instrumente, büffelt den ganzen Tag in der Schule und ist vollkommen auf Erfolg abgerichtet.
Leider hat Johanna in den letzten Jahren etwas zu Saufen begonnen, vor allem wenn sie Stress hat, und das kommt häufig vor. Das Allerstressigste für sie sind aber Familienfeiern, und daher enden die meistens damit, dass sie allen gehörig die Meinung geigt. Anders formuliert, Johanna ist das Problem in der Familie, und Helena wird von allen bemitleidet.
Die Distanz zur Familie schärft aber Johannas Blick für das, was dort vor sich geht. Sie hat eine Ahnung, dass es mit Alberts Geschäften nicht mehr so gut läuft. Dass er sich deswegen wieder einmal an seine Mutter wenden wird, ist für sie sonnenklar. Überhaupt wäre es ihr eine große Freude, ihn einmal hochgehen zu lassen, schließlich hat er alles bekommen, was ihr verweigert wurde.

Helena, 16 Jahre, Reginas eigenartige Enkelin

Helena war bis zum Beginn ihrer Jugend davon überzeugt, dass ihre Mutter Johanna klug und mutig ist. Langsam jedoch dämmert ihr, dass ihre Mutter vielleicht neurotisch ist, paranoid, übergriffig und nervenschwach. Diese Einschätzung ist in ihrem Alter bis zu einem gewissen Grad normal, aber die Beziehung zwischen ihr und ihrer Mutter ist so eng, dass es regelmäßig zu heftigen Auseinandersetzungen kommt. Helena schwankt zwischen Mitleid und Klaustrophobie, sie will es Johanna Recht machen (weshalb sie in der Schule hart mitarbeitet und auch sonst alles macht, was ihre Mutter von ihr verlangt – und das ist nicht wenig), aber der Keim der Rebellion ist gelegt. Im Moment aber kleben die beiden noch aneinander, streiten sich, nerven sich und kommen doch nicht voneinander los. Die Konfrontation mit der Verwandtschaft sorgt für einen gewissen Burgfrieden, denn dass die Familie unmöglich ist, hat Helena kritiklos übernommen, sie teilt alle Vorurteile ihrer Mutter. Die wiederum hat das dringende Bedürfnis, ihrer Familie Autonomie und Souveränität zu demonstrieren. Dafür wird auch Helena eingespannt, weshalb sie die Einzige ist, die für Opas Geburtstag etwas vorbereitet hat. Eine Cheerleader-Nummer – das hat Helena bei ihrer Mutter durchgesetzt, die sie lieber in einem Jugendorchester oder etwas ähnlich Hochkulturellem gesehen hätte. Aber da war Helena eisern, sie will Cheerleader sein und betreibt das mit derselben Verbissenheit, mit der sie auch ihre schulischen Leistungen konstant hoch hält.
Helena könnte ein schönes Mädchen sein, wenn sie nicht so angespannt wirken würde und sich nicht für einen Kleidungsstil entschieden hätte, der sie geradezu entstellt. Sie ist ein Freak, und sie will es sein.

Sabine, 45 Jahre, Reginas patente Schwiegertochter

Die gute Hausfrau, die zu wirtschaften versteht, vernünftig ist (was sie ihrer Tochter Nele vermittelt hat) und genug Ausstrahlung hat, um im Dorf etwas darzustellen.
Die räumliche Nähe zur Schwiegermutter hat zu Beginn für Streit gesorgt, inzwischen hat man sich arrangiert, isst sonntags regelmäßig zusammen. Man hilft sich, hat seine Meinungen und weitestgehend Frieden geschlossen. Dass sie mit ihrem Leben eigentlich total unzufrieden ist, merkt sie erst, als sie mitbekommt, wie Albert und seine Familie das Geld verprassen. Da erwachen ihre schlummernden Bedürfnisse. Ihren Mann hat sie nie für den Hauptgewinn gehalten, aber dass es seinem jüngeren Bruder Albert gelungen ist, Oma zu schröpfen (die sonst jeden Cent zweimal herumdreht), das nimmt sie ihrem Mann irgendwie übel. Ihre Tochter ist gut in der Schule, ist in allem eigentlich gut und so wie man das erwartet und das ist Teil der familiären Langeweile, die ihr in unregelmäßigen Abständen dämmert.

Nele, 17 Jahre, Reginas unkomplizierte Enkelin

Nele ist umgänglich, freundlich, gut erzogen und ohne erkennbare altersbedingte Macken. Man könnte auch sagen, sie ist das fleischgewordene Mittelfeld. Sie ist hübsch, aber nicht schön, gut in der Schule, aber nicht zu gut. Sie übernimmt Verantwortung, wo es nötig ist, kann Konflikte austragen, ohne ausfallend zu werden, und hat ein klares, vernünftiges Wertesystem. Also ein Mädchen, das andere Mädchen ihres Alters unwiderstehlich dazu reizt, sie zu schockieren, um zu sehen, wo bei ihr die Untiefen und Zickigkeiten stecken.
Nele ist ein Mädchen, um das sich keiner Sorgen macht, sie läuft mit, auch hier im Mittelfeld. Wenn sie mal etwas falsch macht, wird ihr das wesentlich übler genommen als z. B. Helena oder Polly, von denen man weiß, dass sie Landplagen sein können.
Sie leidet ein wenig unter diesem Ruf, hat auch eine schüchterne Sehnsucht nach Glanz und Abenteuer, aber für Eskapaden fehlt ihr einfach die Phantasie. Natürlich gibt es Johnny in ihrem Leben, und sie ist auch ein wenig stolz, mit dem schönsten Jungen des Dorfes zu gehen, aber eine leidenschaftliche Liebe ist das nicht. Johnny ist etwas schlichten Gemüts und wäre gar nicht in der Lage, mit härteren Kalibern klar zu kommen, so gesehen ist auch diese Verbindung von Vernunft gesteuert.
Es interessiert sie, wie ihre Cousinen leben, sie hat eine natürliche Neugier und kann selbst die abseitigsten Gedankengänge und Wünsche tolerieren, aber auch das liegt daran, dass sie einfach nicht in der Lage ist, sich in eine neurotische oder hormonell verwüstete Psyche hinein zu denken. Für Nele sind alle Probleme lösbar, und ihren Optimismus kann ihr auch keiner nehmen. Desto fassungsloser macht es sie, dass ihre Mutter Ausbruchsphantasien entwickelt und sie beleidigt. Kann sein, dass sich daraus ein Gedankengang entwickelt, der sie aus ihren Gewissheiten herausführt. Wahrscheinlicher ist aber, dass sie es am nächsten Tag einfach verdrängt hat. Denn sie ist ein nettes Mädchen, und das wird sie wohl immer bleiben.

Albert, 41 Jahre, Reginas Lieblingssohn

Albert wurde von seiner Mutter die Welt zu Füßen gelegt. Sie hat ihm vermittelt, dass er mindestens der Dalai Lama ist. Er ist zu Höherem berufen und ist diesem Ruf mit Freuden gefolgt. Vor allem erst mal raus aus diesem Kaff und hinein in einen Beruf, der seinen Talenten angemessen ist. Besonders weit haben diese Talente nicht gereicht, er ist ein Kurzstreckenläufer, auf dieser Distanz durch sein unerschütterliches Selbstbewusstsein aber oft überzeugend. Nach mehreren verpfuschten Anläufen einer seriösen Arbeit nachzugehen, hat er sein wahres Bestimmungsfeld gefunden: Er ist ein Börsenspekulant geworden, weil er nicht intelligent genug ist zu sehen, dass sowas auch schief gehen kann. Er ist ein Zocker, weil er kein Risikobewusstsein hat. Denn wenn in seinem Leben irgendetwas schief gegangen ist, war immer seine Mutter da, um ihn raus zu hauen. Und es ist lange nicht schief gegangen, weil er volles Risiko gefahren ist. Nur irgendwann eben nicht mehr. Und da er nicht weiß, wie man eine Notbremse zieht, hat er immer weiter gemacht. Auch weil er seinen Lebensstil nicht herunterfahren kann; er hat einen Anspruch auf ein gutes Leben, er hat sich eine Frau gesucht, die den gleichen Anspruch hat, und  logischerweise ist ihre gemeinsame Tochter Polly ebenso. Da er etwas Besonderes ist, auch in der Familie, hat diese zu helfen, wenn es mal etwas eng wird – es ist ja nicht möglich, dass für ihn die gleichen Regeln gelten wie für die Anderen.
Nun ist die Lage prekär geworden. Aber auf seine Mutter kann er zählen, die weiß, was sie ihm schuldig ist.

Polly, 15 Jahre, Reginas versnobte Enkelin

Der Paris-Hilton-Klon, das Schmalspur-It-Girl, wie es zuhauf die Mittel- und Oberstufen der Gymnasien bevölkert. Verwöhnt und undankbar, wie nur verwöhnte Kinder undankbar sein können. Ihr Snobismus, kombiniert mit einem Riesenanspruch (der keinerlei Rechtfertigung in besonderen Fähigkeiten hat), kann in seiner Absolutheit fast schon komisch wirken. Die Welt findet für diese Sorte Pubertät nur in Bezug auf das eigene Wohlbefinden statt: Find ich das gut, oder find ich das peinlich? Es ist das Alter, in dem sich besorgte Eltern fragen, wie sie so ein Monster heranziehen konnten. Das wird sich auswachsen, meistens jedenfalls, aber solange diese Phase anhält, sind solche Teenager die Verkörperung des Materialismus in allen Facetten, die ‚Wunschmaschine‘, die von den Eltern, oft auch von der gesamten Umwelt, mit einem lustvollen Masochismus bedient wird. Aber die Abwesenheit jeglicher übergeordneter Moral oder Empathie kann manchmal zu verblüffend klaren Urteilen führen. Wo skrupulösere Charaktere versuchen zu verstehen, wertet Polly – und zwar ohne Wenn und Aber. Das kann erfrischend sein, solange man nicht selbst betroffen ist. Das Schöne an dieser sich völlig aus der Gegenwart speisenden Weltsicht ist, dass kein Urteil endgültig ist. Wer gerade ‚doof‘ war (oder ‚hobbylos‘), kann sich über ‚krass‘ bis zu ‚voll cool‘ hocharbeiten, manchmal im Verlauf weniger Sekunden. Pollys Konzentrationsspanne entspricht, wenn es nicht um existenzielle Themen geht (also um Polly), etwa der einer Stubenfliege, das gibt ihr eine gewisse Grundunruhe. Wenn ihr Stimmungsbarometer günstig steht, kann sie alle mit ihrem Schwung anstecken. Für ihren Vater Albert ist Polly zu achtzig Prozent ein Albtraum, aber wenn er andere Mädchen in dem Alter sieht, hat er das Gefühl, es noch gut erwischt zu haben. Lieber so was zu Hause als ein Bad Girl (lieber verwöhnt als verwahrlost) oder, noch schlimmer, so etwas Langweiliges wie Nele oder Helena.

Julius, 16 Jahre, Reginas unheimlicher Enkel

Julius war ein süßes Kind, der Star der Familie, er lächelte alle an, und alle lächelten entzückt zurück. Aber die Zeiten ändern sich. Zu Beginn der Pubertät traten zwei Ereignisse ein, die einander unheilvoll beförderten: Julius entdeckte Gangsta-Rap und Computerspiele für sich, und eine Veranlagung zur Dickleibigkeit machte sich bemerkbar. Aus dem süßen Fratz wurde ein Klops, und so wurde er auch behandelt. Das führte dazu, dass er sich noch mehr zurückzog (vor allem an den Computer), was wiederum dazu führte, dass sein Gewicht weiterhin rasant zunahm. Das dumpfe Gefühl, irgendwie nicht mehr angesagt zu sein, nicht nur in der Klasse, sondern auch bei den Eltern, die nie passionierte Eltern waren, führte zu einer Typveränderung. Dunkle Klamotten, mürrischer Gesichtsausdruck, ein Vorwurf auf zwei Beinen. Jetzt wird er zumindest gefürchtet, und das reicht ihm vorerst an Anerkennung. Das Verhältnis zu seinen Eltern ist weder gut noch schlecht, es gibt praktisch keines. Sein Vater hält ihn für missraten, seine Mutter findet es zu anstrengend, noch irgendwelche Erziehungsversuche zu starten. Er hat sein Essen, sein Zimmer, ansonsten geht man sich aus dem Weg und hofft auf Elternseite, dass sich das alles irgendwie auswächst. Dass sich unter dieser muffeligen Oberfläche ein ziemlich pfiffiger Junge verbirgt, wird nicht bemerkt, und das ist Julius auch ganz Recht, sein Motto lautet: watching the wheels.

Johnny, 18 Jahre, der nette Junge von nebenan

Müsste man aus Julius’ Antimaterie einen jungen Mann bilden, käme Johnny heraus. Er sieht gut aus, hat ein eher schlichtes Wesen und nicht das Temperament, um sich etwas anderes vorzustellen als das Leben, das er führt: Mit einer hübschen Freundin (Nele), einer guten Position in der hiesigen Fußballmannschaft und der Arbeit in der Gaststätte seines Vaters, die er irgendwann einmal übernehmen wird. Er kann singen, ist harmoniebedürftig und will einfach gemocht werden. Ein kindliches Gemüt im Körper eines wirklich attraktiven jungen Mannes. Das mit Nele ist schon ‚was Festes‘, und dass sich die Eltern verstehen, ist auch nicht verkehrt. Er macht Ausflüge mit Nele nach Dresden ins Cinemaxx, wo er ihr Popcorn kauft, er hat seine Clique, die etwa den gleichen Horizont hat wie er. Pubertätskämpfe hatte er nicht mit seinen Eltern, er wusste einfach nicht, wogegen er rebellieren sollte. Natürlich hatte er auch seine ‚wilde Zeit‘, aber das beschränkte sich darauf, im Sportheim mal von einem älteren, betrunkenen Mädchen abgeschleppt worden zu sein (darauf ist er stolz). Mädchen wie Polly oder Helena kapiert er nicht, er begreift einfach nicht, was für ein Problem sie haben. Schon Neles Verhalten streift manchmal hart die Grenzen seines Fassungsvermögens. Aber das sitzt er (bzw. schmollt er) aus. An ihm liegt es nicht, denn er ist einfühlsam und ein netter Kerl, das sagen alle, ein Kumpel, einer, auf den man sich verlassen kann, also ein Mensch, der seinen jetzigen Lebenskreis nie verlassen sollte. Muss er ja auch nicht, er hat ja alles, es geht ihm ja gut.