Ein Märchen über die Langeweile von Felicitas Zürcher Es waren zwei Königskinder Die Handlung von Büchners Lustspiel Leonce und Lena liest sich auf den ersten Blick wie ein Märchen: Ein Prinz soll heiraten, will aber nicht. Und die Prinzessin, die er heiraten soll, will auch nicht. Auf der Flucht aus dem Palast und dem Königreich finden sie absurderweise zueinander. Zufall? Vorsehung? Allerdings ist es bei Büchner nicht ein besonders kluger Bewerber, der drei Rätsel löst, und auch keine ausgenommene Schönheit, die den Schuh auf der Treppe verliert. Nein, es ist die Traurigkeit und Todessehnsucht des Gegenübers, die das Herz dieser Königskinder höherschlagen lässt: Er war so alt unter seinen blonden Locken, sagt Lena über den Unbekannten, und Schöne Leiche flüstert Leonce im Gefühlsüberschwang der Geliebten zu. Es waren zwei Königskinder, die hatten einander nicht lieb Büchners Lustspiel kann auch unter der Folie des bekannten Volksliedes gelesen werden, das damit in sein Gegenteil verkehrt wird: Im Lied können sich die Liebenden nicht treffen, weil sie ein tiefes Wasser trennt; am Ende finden beide den Tod in den Fluten. Leonce wünscht sich, kaum dass er sein Herz verloren hat, den Tod und will sich ins Wasser stürzen, doch sein Vertrauter Valerio versaut ihm die Stimmung. Stattdessen wird die Hochzeit mit der Unbekannten beschlossen und flugs vollzogen. Weil also der Tod als Ausweg nicht akzeptiert wird, nimmt Büchner seinen Figuren die Möglichkeit zur Tragik. Ihnen ist nicht, wie etwa Romeo und Julia, ein kurzes Glück, große Tragik und ewiger Nachruhm beschieden, sondern ein kurzer Moment der Euphorie und die Aussicht, in einem ewig währenden Alltag auszuharren. Und wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie noch heute. Doch unter dieser märchenhaften und volkstümlichen Maske blitzt der schneidende Witz des Revolutionärs Georg Büchner sein Lustspiel ist eine bitterböse Satire auf die Verhältnisse seiner Zeit. Er veralbert die Kleinstaaten des Deutschen Kaiserreiches, die hier Ministaaten mit den Kinderfäkalsprachnamen Pipi und Popo und so winzig sind, dass man in einem halben Tag Dutzende davon durchquert. Die Grenzen von Popo sind vom Palast aus zu sehen, und darin geht höchstens mal ein Hund spazieren. Auch die Würdenträger des Absolutismus werden nicht verschont: König Peter von Popo ist zu nichts anderem in der Lage, als zu philosophieren: Die Substanz ist das an sich, das bin ich. Er vergisst darüber sogar seine Untertanen, an die er sich mittels eines Knotens im Taschentuch zu erinnern versucht, dessen Zweck er aber ebenfalls vergessen hat. Ich glaube man muss die abgelebte moderne Gesellschaft zum Teufel gehen lassen, schrieb Büchner in einem Brief an seinen Freund und Förderer Karl Gutzkow. Zu was soll ein Ding wie diese zwischen Himmel und Erde herumlaufen? Das ganze Leben derselben besteht nur in Versuchen, sich die entsetzlichste Langeweile zu vertreiben. Sie mag aussterben, das ist das einzig Neue, was sie noch erleben kann. Und so ist auch die Langeweile das eigentliche Thema des Lustspiels. Leonce langweilt sich, Dekadenz und Überfluss führen bei ihm zu Depression, Überdruss und einer Langeweile, die alle Gefühle betäubt. Büchner nimmt mit dem Motiv des Müßiggangs einerseits Bezug auf ein Ideal der Romantik und ihrer eskapistischen Tendenzen, das er wie das Märchen parodiert und ins Groteske steigert. Andererseits kritisiert er die überholte Lebensform des Adels und beschreibt den Gefühlszustand großer Kreise der Intellektuellen in der Zeit der metternichschen Restauration: Die Revolution ist gescheitert, jede Hoffnung auf Veränderung begraben und jeder politische Gedanke niedergedrückt. Das Leben der Vornehmen ist ein langer Sonntag, sie wohnen in schönen Häusern, sie tragen zierliche Kleider, sie haben feiste Gesichter und reden eine eigne Sprache; das Volk aber liegt vor ihnen wie Dünger auf dem Acker Das Leben des Bauern ist ein langer Werktag; Fremde verzehren seine Äcker vor seinen Augen, sein Leib ist eine Schwiele, sein Schweiß ist das Salz auf dem Tische des Vornehmen, schreibt Büchner im Hessischen Landboten, der Schrift, wegen der er Darmstadt verlassen und emigrieren musste. Es würde aber zu kurz greifen, Leonce und Lena lediglich als Kritik auf die damaligen Verhältnisse zu lesen. Denn Büchner zeichnet eine gesellschaftliche Situation zwischen Utopieverlust und Perspektivlosigkeit. Ein Ausweg ist nicht möglich, die Gesellschaft befindet sich im Kreisverkehr, auch die kommende Generation wird nichts besser machen, und die Bauern, die Vivat-Rufe für den König trainieren, sind als revolutionäre Masse auch nicht ernst zu nehmen. So ist denn auch der Ausgang, den das Stück nimmt, so heiter wie banal: Der philosophierende König Peter dankt ab, Leonce übernimmt die Geschäfte und wird als Erstes die Uhren abschaffen, um ganz nach der Natur zu leben. Die Lage ist hoffnungslos, aber nicht ernst. Felicitas Zürcher ist ab der Spielzeit 2009.2010 Dramaturgin am Staatsschauspiel Dresden.