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Romeo und Julia

von William Shakespeare | Deutsch von August Wilhelm Schlegel | Regie: Simon Solberg | Premiere 19. September 2009 | Schauspielhaus

Romeo und Julia - oder: Braucht man einen Balkon, um zu lieben?

Wer denkt nicht, wenn er Romeo und Julia hört, an die berühmte Balkonszene im mittelalterlichen Verona?
Julia, hoch oben gefangen im Netz der Konventionen des reichen Hauses Capulet und unten der liebestolle Romeo, Sohn des verfeindeten Nachbarhauses, der sein Leben leichtfertig aufs Spiel setzt, um seine eben erst geküsste Julia noch einmal zu sehen.
 
Im Moment der Balkonszene scheint alles möglich: Die Welt könnte sich verändern, Romeo könnte den hinderlichen Namen Montague ablegen, Julia könnte ihrem goldenen Käfig via Balkon entfliegen. Doch wie zusammenkommen? Nichts leichter als das: Zwei Liebende sind bereit, für ihre Liebe alle Grenzen und Hindernisse zu überwinden, koste es auch das Leben. Und wer möchte nicht gerne lebendiger als lebend tot sein? Tragischerweise sind die beiden berühmtesten Liebenden der Weltliteratur faktisch mehr mit der Vorbereitung ihres Sterbens beschäftigt als mit dem Ausleben ihrer Liebe. Bekanntlich schaffen die beiden den Sprung ins Glück nicht ganz, aber die Utopie immerhin, dass es irgendwann gelingen möge, ist für alle Zeiten in unsere Köpfe und Herzen auf allen Balkonen der Welt eingepflanzt.
Shakespeare greift auf eine alte italienische Novelle zurück und tut so, als sei damit gewährleistet, dass es Romeo und Julia wirklich gegeben habe. Er beschreibt eine konkrete Stadt (Verona) in einer konkreten Zeit, einen scheinbar realen, immer möglichen Konflikt und einen sehr konkreten Balkon. Alles hätte so stattgefunden haben können, alles muss so stattgefunden haben.
Und so pilgern noch heute Tausende Literaturliebhaber nach Verona, um den berühmtesten Balkon der Welt zu sehen. Es gibt ihn also? Und auch wieder nicht. Denn das Haus, das heute in jedem Reiseführer Veronas als Haus der Julia Erwähnung findet, war noch vor hundert Jahren ein Stall. Eine reiche Veroneser Familie hat hier nie gewohnt, geschweige denn Julia. Und dann die Sache mit dem Balkon. In den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts waren die Veroneser es schlicht leid, den Menschen aus aller Welt den Umstand zu erklären, dass es den berühmten Balkon nicht gibt. Einfacher schien die Lösung, ein recht hübsches Exemplar in einen repräsentativen Hinterhof einzubauen. Kurzerhand wurde ein alter Sarkophag an die Fassade gezimmert, in dem die Überreste von Julia liegen sollen und zu dem nun Millionen begeisterte Besucher in jedem Jahr wie zu einer Reliquie pilgern. Eine Illusion, ein Spiel mit Bildern, das die Menschheit offensichtlich braucht.
Brauchen wir also für das Nachempfinden Verona im Mittelalter den Balkon vor einer steinernen Wand, wallende Gewänder, eine ferne anheimelnde Welt des entrückten Traums? Verkennt man damit nicht ganz einfach den eigentlichen Fakt, warum so ein Stück über 400 Jahre auf den Bühnen der Welt überlebte? Überlebte es nicht eher, weil es zum einen auf einer archetypischen Sehnsucht basiert, zum anderen weil es jeder Generation immer wieder aufs Neue gelang, mit dem alten Stoff ihre jeweils eigene Welt abzubilden? 
Um Shakespeares Sprache weiterhin als konkret und direkt wahrnehmen zu können, muss man immer wieder gegenwärtige Bilder und Metaphern dafür suchen. Das Wichtigste ist die immer mögliche Gegenwärtigkeit, die Relevanz dieser alten Geschichte für das Heute. Shakespeare hat ein Stück für seine Zeit geschrieben. Für die damaligen Zuschauer war es ein Stück aktueller Gegenwart. Wir versuchen heute wieder, Aktuelles damit zu verhandeln. Wir versuchen nicht anders als Schlegel, dessen Übersetzung wir als Grundlage verwenden, im Sprachstil seiner Zeit -, den Text zu verstehen, und das, was wir verstanden haben, mit unseren eigenen Assoziationen und Bildern verständlich wiederzugeben. Möglich, dass der Balkon von Verona in Dresden anders aussieht als erwartet, möglich, dass der Beat der Jugend ein ganz anderer ist, dass Hubschrauberklänge und Polizeisirenen den Gesang der Nachtigall oder Lerche verdrängen, sicher aber ist und bleibt, dass ein immer heutiges junges Liebespaar alles auf eine Karte setzt, um letzten Endes seinen Traum in einer lebensfeindlichen Welt zu leben, um lebendig zu sein, lebendiger vielleicht, als es erlaubt erscheint.

Jens Groß