Zwei Aufführungen des Staatsschauspiels Dresden beim Berliner Theatertreffen!

Am 30. Januar 2019 hat die Theatertreffen-Jury die Auswahl für das 56. Theatertreffen bekannt gegeben.

DAS GROSSE HEFT und ERNIEDRIGTE UND BELEIDIGTE sind zwei der 10 besten Stücke der Saison.
„Was bedeutet bemerkenswert im Theater?“ – nach dieser Frage wählt die Jury jedes Jahr 10 Stücke aus, die zum Theatertreffen im Berlin eingeladen sind.

Vom 3. bis 19. Mai 2019 findet das Theatertreffen in Berlin statt, bei dem die zehn bemerkenswertesten Inszenierungen aus dem gesamten deutschsprachigen Raum gezeigt werden. Die siebenköpfige Jury besuchte 418 Inszenierungen in 65 deutschsprachigen Städten. 744 Voten gingen ein und die einzelnen Juror*innen haben jeweils zwischen 94 und 121 Inszenierungen gesehen. Insgesamt wurden 39 Inszenierungen vorgeschlagen und diskutiert.
DAS GROSSE HEFT nach dem Roman von Ágota Kristóf, aus dem Französischen von Eva Moldenhauerin in einer Fassung von Ulrich Rasche und Alexander Weise, Regie und Bühne von Ulrich Rasche (Premiere: 11. Februar 2018) und ERNIEDRIGTE UND BELEIDIGTE nach dem Roman von Fjodor M. Dostojewski unter Verwendung der Hamburger Poetikvorlesung von Wolfram Lotz, Regie und Bühne von Sebastian Hartmann (Premiere: 29. März 2018) sind beide nach Berlin eingeladen. „Wir gratulieren den künstlerischen Teams, den Ensembles und den beteiligten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der beiden Produktionen sehr herzlich zu diesem Erfolg!“, so Intendant Joachim Klement. „Beide ausgewählten Produktionen zeigen auf sehr unterschiedliche, aber in beiden Fällen auf äußerst eindrücklichen Weise, wie groß die Spannbreite der ästhetischen Handschriften ist, die in unserem Haus gezeigt werden. Wir freuen uns sehr über die Einladungen zum wichtigsten deutschen Theatertreffen!“.

Statement der Jury zu DAS GROSSE HEFT
Ulrich Rasches Chorkunst ist auf Erhabenheit angelegt, auf Pathos, auf Bildmacht, auf sinnliche Überwältigung auch. Manche sagen: Es riecht nach Rammstein. Das alles stimmt. Aber Rasche bringt dabei wie kaum ein anderer Texte frisch zu Gehör, faltet sie genauestens rhythmisiert vor dem Bewusstsein der Betrachtenden auf, regt das Denken an und auf. So folgt man an diesem Abend in knapp vier Stunden gebannt der großen Kindheitserzählung aus Weltkriegszeiten von Ágota Kristóf. Ein düsteres Werk, voll Gewalt und sexuellen Obsessionen, in kühler behavioristischer Erzählkunst vorgetragen. Rasche zeichnet es mit Muße und bedrückender Intensität nach, mit Männerchören, die auf zwei riesigen rotierenden Drehscheiben schreiten, angetrieben von der minimalistischen Mantra-Klangkunst Monika Roschers. Es ist der Blick in eine faschistoide, militaristische, von Moral bereinigte Kindheitswelt, ein Gang ins Walzwerk der aufkeimenden Männerfantasien.

Statement der Jury zu ERNIEDRIGTE UND BELEIDIGTE
Nebel dräut, aufwühlende Musik erklingt, Menschen stürmen an die Rampe. Sie schleppen Leitern auf die Bühne, fangen an, mit schwarzer und weißer Farbe ein riesiges Bild zu malen, hoch und höher, Schicht über Schicht. Davor kreist ein fahrbares Klinikbett, und Spieler*innen mit raschelnden Krinolinen und schwarzen Zylindern zeigen scheinbar zusammenhanglose, mitunter auch sich wiederholende Szenen aus Dostojewskis Fortsetzungsroman „Erniedrigte und Beleidigte“ rund um einen selbstsüchtigen Patriarchen, im Stich gelassene Kinder und erdrückende Schuldenberge. Es dauert eine ganze Weile, bis sich das Publikum in den Improvisationsmodulen von Sebastian Hartmanns Dresdner Inszenierung zu orientieren lernt. Geradezu programmatisch gerät sie durch die Verschaltung mit Wolfram Lotzʼ Hamburger Poetikvorlesung, die ein neues Theater entwirft und von Yassin Trabelsi mit großem Soundgefühl versprechtanzt wird. Denn Hartmanns Arbeit zielt nicht auf die lineare Nacherzählung des Romanstoffs, sondern – wie schon bei Dostojewski angelegt – auf die ekstatische Auflösung von Sinn und Logos, so wie sie in Krankheit, Liebe und hier tatsächlich auch in der Kunst erfahrbar werden.

Der Vorverkauf für alle Vorstellungen des Theatertreffens beginnt am 5. April 2019!

www.berlinerfestspiele.de