Spielzeit 2021/2022

Herzlich willkommen

zur neuen Spielzeit am Staatsschauspiel Dresden! Nachdem wir fast ein Jahr lang zwar geprobt und gearbeitet haben, aber unsere Ergebnisse nicht oder nur sehr eingeschränkt zeigen konnten, tut die Aussicht gut, dass wir Ihnen, unserem Publikum, in Zukunft wieder regelmäßig begegnen und für Sie spielen können. Deshalb freuen wir uns auf diese neue Saison ganz besonders. Wir möchten Sie teilhaben lassen an dem, was für Sie entstanden ist und noch entstehen soll.

Das vergangene Jahr hat uns alle vor große Herausforderungen gestellt. Wenn es etwas gibt, das wir durch die Pandemie gelernt haben: Wir müssen mehr aufeinander achtgeben. Im Juni hat Aleida Assmann, deutsche Anglistin, Ägyptologin und Literatur- und Kulturwissenschaftlerin, in ihrer Dresdner Rede festgestellt: „In einer Welt, die rapide unsicherer geworden und von Naturkatastrophen und Pandemien bedroht ist, lösen sich auch die Komfortzonen privilegierter Schichten auf.“ Die Sicherheit, die sich auf die Stabilität überkommener Lebensformen und kultureller Bestände bezogen habe, könne allein kein allgemeiner Anspruch mehr sein. „Sicherheit als Schutzschild gegen jeglichen Wandel gibt es aber nicht mehr, im Gegenteil sind in einer Welt, die sich gemeinsam auf Wandel einstellen muss, die Bereitschaft zu Veränderung und Dazulernen gefragt.“ Sie plädiert und wirbt deshalb für ein neues Verständnis des Begriffs ‚Gemeinsinn‘. Jenseits von festgelegten Kategorien wie Herkunft und Zugehörigkeit soll das Individuum seinen Blick auf Gemeinsames und Übergreifendes richten, das verbindet. „Da Gemeinsinn eine Form der Praxis und ein Verhältnis zwischen Menschen ist, kann er nicht von oben eingefordert werden, sondern muss von unten zwischen Menschen eingeübt und entwickelt werden.“
Das Theater als lebendiger Ort der Kommunikation tut gut daran, diese Einladung anzunehmen und die Türen in eine Richtung zu öffnen, in der Zukunft gewonnen werden kann, indem man für eine nachhaltigere und gerechtere Welt wirbt und nicht mehr nur auf Leistung und Wettbewerb setzt, sondern verstärkt auf Empathie und Gemeinsinn. Dabei hilft es, neue Perspektiven zu entdecken und die Perspektiven anderer stärker einzubinden. „Zukunft beginnt mit Erinnern,“ so Aleida Assmann, „denn Zukunft haben wir nicht, wir müssen sie schaffen.“

Wie weit das Spektrum der Perspektiven auf der Bühne reicht, zeigen Beispiele des neuen Spielplanes: So stehen bereits zu Spielzeitbeginn in Shakespeares KÖNIG LEAR die Zeichen auf Veränderung. Ein Machtwechsel steht an. Der König übergibt die Staatsgeschäfte an seine Töchter. Die junge Regisseurin Lily Sykes erzählt die Geschichte aus der Perspektive dieser Töchter. Rückwirkend fragen sie sich, ob sie eigentlich eine Chance hatten, die Welt neu zu denken, in der die alten Konzepte nicht mehr greifen. In der zweiten Spielzeithälfte werden wir mit WALLENSTEIN Schillers Porträt eines Mannes vorstellen, der sich als Herrscher ermächtigt, einen Platz in Europa beansprucht und sich damit gegen ein überkommenes Machtgefüge auflehnt. Erstmals inszeniert Regisseur Frank Castorf in Dresden und stellt seine Lesart des Monumentaldramas und seine Reflexionen zur deutschen Geschichte vor.
Zweimal konnte die Premiere nicht stattfinden, jetzt wird Ihnen Claudia Bauer ihre Inszenierung der Romanadaption DIE RECHTSCHAFFENEN MÖRDER von Ingo Schulze vorstellen, eine Uraufführung. Und Volker Lösch wird Ihnen Soeren Voimas Version von Molières Komödie TARTUFFE präsentieren, die Lösungsansätze verhandelt, wie sie der französische Ökonom Thomas Piketty in KAPITAL UND IDEOLOGIE zur Diskussion stellt. Im neuen Jahr planen wir, Ihnen diejenigen Arbeiten zu zeigen, deren Proben wir wegen der strengen Hygienevorschriften, die auf der Bühne gelten, abbrechen mussten; dazu zählt Daniela Löffners außergewöhnliche Inszenierung von Frank Wedekinds LULU. Insgesamt umfasst der neue Spielplan 27 Premieren; davon sind zehn Uraufführungen. Vom Roadtrip ASPHALT auf dem Neumarkt bis zur Bühnenadaption von Liv Strömquists Graphic Novel ICH FÜHL’S NICHT reicht das Spektrum der neuen Inszenierungen; hinzu kommt eine Auftragsarbeit des Staatsschauspiels Dresden mit dem Arbeitstitel DAS WASSER, in der sich die österreichische Schriftstellerin Kathrin Röggla mit unserer Ankunft im Anthropozän beschäftigt, dem Zeitalter, in dem der Mensch zum wichtigsten Einflussfaktor für biologische und geologische Entwicklungen auf der Erde geworden ist.

Wir freuen uns, den Soziologen Andreas Reckwitz, die Journalistin und politische Aktivistin Kübra Gümüşay und die Schriftstellerin Kathrin Röggla gewonnen zu haben, Essays für dieses Spielzeitbuch zu schreiben als zusätzliche Anregung, sich mit den Inhalten und Themen der neuen Spielzeit auseinanderzusetzen. – Und Sebastian Hoppe, unser Hausfotograf, erzählt in dieser Broschüre nicht nur kleine dramatische Geschichten mit unseren Ensemblemitgliedern, sondern gibt Ihnen mit seinen Probenfotos Einblicke in Inszenierungen, die wir – während das Theater für Publikum geschlossen war – erarbeitet haben, Ihnen aber noch nicht real zeigen konnten.
Ich wünsche Ihnen viel Spaß bei der Lektüre, und vor allem wünsche ich Ihnen und uns eine spannende, unterhaltsame und Corona-freie Spielzeit!
Bleiben Sie zuversichtlich. Wir freuen uns auf Sie.

Sehr herzlich, Ihr
Joachim Klement, Intendant

Pressekonferenz 2021/2022

Downloads