Premiere 25.02.2011 › Kleines Haus 2

Das Erdbeben in Chili

nach der Novelle von Heinrich von Kleist
Koproduktion mit dem Maxim Gorki Theater Berlin
Auf dem Bild: Anne Müller, Wolfgang Michalek, Annika Schilling
Foto: Matthias Horn
Auf dem Bild: Christian Friedel, Matti Krause, Anne Müller, Wolfgang Michalek, Annika Schilling
Foto: Matthias Horn
Auf dem Bild: Wolfgang Michalek, Anne Müller, Matti Krause, Annika Schilling, Christian Friedel
Foto: Matthias Horn
Auf dem Bild: Christian Friedel, Matti Krause, Annika Schilling, Anne Müller
Foto: Matthias Horn
Auf dem Bild: Anne Müller, Matti Krause
Foto: Matthias Horn
Auf dem Bild: Anne Müller, Matti Krause, Christian Friedel, Wolfgang Michalek, Annika Schilling
Foto: Matthias Horn
Auf dem Bild: Anne Müller, Christian Friedel, Matti Krause
Foto: Matthias Horn
Auf dem Bild: Christian Friedel
Foto: Matthias Horn
Auf dem Bild: Christian Friedel, Annika Schilling
Foto: Matthias Horn
Auf dem Bild: Annika Schilling, Matti Krause
Foto: Matthias Horn
Auf dem Bild: Christian Friedel, Wolfgang Michalek, Annika Schilling
Foto: Matthias Horn
Auf dem Bild: Anne Müller, Matti Krause, Annika Schilling, Wolfgang Michalek, Christian Friedel
Foto: Matthias Horn
Auf dem Bild: Wolfgang Michalek, Matti Krause, Christian Friedel, Anne Müller, Annika Schilling
Foto: Matthias Horn
Auf dem Bild: Anne Müller, Christian Friedel, Annika Schilling
Foto: Matthias Horn
Auf dem Bild: Anne Müller, Christian Friedel, Annika Schilling, Wolfgang Michalek
Foto: Matthias Horn
Handlung
Der junge Hauslehrer Jeronimo Rugera hat sich in seine Schülerin Donna Josephe verliebt und ist zur Strafe entlassen worden. Seine Schülerin wird von ihrem Vater in ein Kloster verbannt, wo das Liebespaar seine Begegnungen jedoch heimlich fortsetzt. Donna Josephe wird schwanger. Wegen dieser Schändung des Klosters werden beide eingekerkert und Donna Josephe zum Tode verurteilt. In der Stunde ihrer Hinrichtung will Jeronimo sich gerade im Gefängnis erhängen, als ein Erdbeben die Stadt erschüttert und er sich in die Freiheit retten kann, wo er Josephe und den gemeinsamen Sohn bald wiederfindet. Die Katastrophe scheint alle Gemüter versöhnt zu haben, man hilft sich gegenseitig. Während einer Dankesmesse aber kommt ein Geistlicher auf den Sittenverfall in der Stadt sowie auf den Klosterskandal zu sprechen, und die plötzlich fanatisierte Menge erkennt Jeronimo und Josephe ...
Armin Petras ist ein Experte sowohl für Heinrich von Kleist als auch für die Übertragung von Prosatexten für die Bühne.
Besetzung
Regie
Bühne
Natascha von Steiger
Kostüme
Karoline Bierner
Musik und Video
Niklas Ritter
Choreografie
Berit Jentzsch
Dramaturgie
Martin Heckmanns, Nina Rühmeier
Mit
Christian Friedel, Matti Krause, Wolfgang Michalek, Anne Müller, Annika Schilling
Video
Pressestimmen
„Wie die Akteure nun ihrer Freude, Hoffnung und ihren Träumen Ausdruck verleihen, zählt zu den Momenten, für die Theater heute da ist. Das Publikum jubelt.“
Stefan Locke, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung
„Die Geschichte wird leidenschaftlich getanzt und geturnt, erschuftet und geschwitzt. Sie wird mal mit Pathos vorgetragen und mal mit ironischer Leichtigkeit, in Dialoge zerlegt.“
Matthias Schmidt, nachtkritik.de
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„Die Geschichte wird leidenschaftlich getanzt und geturnt, erschuftet und geschwitzt. Sie wird mal mit Pathos vorgetragen und mal mit ironischer Leichtigkeit, in Dialoge zerlegt oder wie in einer Familienaufstellung analysiert. Sie kommt auch mal als Oratorium daher und gleich darauf als Kammerspiel. Der Weg scheint das Ziel zu sein, und dieser Weg ist streckenweise großartig.
Dabei ist das Faszinierende an der Inszenierung eher, dass sie nicht Kleist ist, sondern ein work-in-progress, ein ‚Making-of Kleist.‘ Kleist lebt? In dieser Koproduktion mit dem Gorki-Theater Berlin – ja!“
Matthias Schmidt, nachtkritik.de
„Petras scheut sich nicht vor Kitsch noch vor Schlichtheit, das muss man aushalten. Aber das gibt dem Regisseur auch die unnachahmliche Fähigkeit, wahre, fast weise und tief einprägsame Momente zu schaffen.“
Johanna Lemke, Sächsische Zeitung
„Es wird gesungen, geschwiegen, im Chor gesprochen, geschwitzt, gerannt und getanzt, vor allem getanzt. Dazu werden Videobilder, Songs und am Ende ein blutlila Glitzerschnipselregen gegeben.“
Frankfurter Rundschau
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„Jede Szene ist ein anderer Versuch, erdbebengleiche Seelen- und Körpererschütterungen in Bilder, Gesten, Arrangements zu übersetzen, jede Szene ein anderer Anlauf, den Kleist-Sätzen ihre Bühnen- und Gegenwartstauglichkeit zu beweisen. Es wird gesungen, geschwiegen, im Chor gesprochen, geschwitzt, gerannt und getanzt, vor allem getanzt. Dazu werden Videobilder, Songs und am Ende ein blutlila Glitzerschnipselregen gegeben.
Armin Petras hat im Kleinen Haus des Staatsschauspiels Dresden Kleists Novelle in ein Labor zur Erforschung von Bewusstseinsbeben verwandelt.
Diese Kleist-Versuche sind selbst ein Dokument dessen, wovon sie Botschaft geben wollen: eine Welt im Umsturz.“
Frankfurter Rundschau
„Petras nimmt die Novelle über das zweifach verlorene Glück von Josephe und Jeronimo als ein Dokument vom ‚Umsturz aller Verhältnisse‘, als Zustandsbericht aus dem Glutkern einer Geistes- und Gefühlsrevolution, die alle Gewissheiten zerbröselt. Was für Kleist galt, gilt noch immer (oder wieder): Alles wankt.“
Dirk Pilz, Berliner Zeitung
„Die Inszenierung, die mit dem Krieg und der Unterhaltung zwei Seiten unserer gesellschaftlichen Wirklichkeit miteinander überblendet, überzeugt konzeptionell.“
Hartmut Krug, Deutschlandfunk
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„Wie die Figuren bei Kleist aus ihren Gefühlen und ihrer Sicherheit geschleudert werden, so werden bei Petras die Schauspielkörper geschleudert. Die Inszenierung versucht, körperliche Ausdrucksformen für die Gefühle in dieser ungeheuren Geschichte eines Liebespaares zu finden, das bei seiner Glückssuche brutal von der Gesellschaft gehindert und gemordet wird.
Die Inszenierung, die mit dem Krieg und der Unterhaltung zwei Seiten unserer gesellschaftlichen Wirklichkeit miteinander überblendet, überzeugt konzeptionell.“
Hartmut Krug, Deutschlandfunk
„Wie in einer szenischen Lesung entfaltet sich die suggestive Wirkung der Prosa, die sich allerdings zunächst kaum vernehmbar und nur bruchstückhaft in die teils mediativen, teils sportiven Übungen mischt, die sich dann zusehends zu Sequenzen eines expressiven tänzerisch-akrobatischen Bewegungstheaters verdichten.“
Tomas Petzold, Dresdner Neueste Nachrichten
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„In dieser Koproduktion des Staatsschauspiels mit dem Berliner Maxim Gorki Theater entfaltet sich wie in einer szenischen Lesung die suggestive Wirkung der Prosa, die sich allerdings zunächst kaum vernehmbar und nur bruchstückhaft in die teils mediativen, teils sportiven Übungen mischt, die sich dann zusehends zu Sequenzen eines expressiven tänzerisch-akrobatischen Bewegungstheaters verdichten.
Die Hoffnung, dass es den Menschen gelingt, mit Vernunft und Gefühl ihr Schicksal in die eigenen Hände zu nehmen und den vereinnahmenden Ritualen nur jenseitigen Paradiesen zugewandter Mächte zu widerstehen, vermittelt sich vor allem durch die Frische und Vitalität, das so ganz heutige Lebensgefühl, mit dem sich die Darsteller dem Stoff nähern.“
Tomas Petzold, Dresdner Neueste Nachrichten
„Zwei Schauspieler, Annika Schilling und Wolfgang Michalek, entkleiden sich, wirken nun ganz zart und gefährdet, sind aber auch wunderschön. Ein letzter Brief von Kleist ist zu hören, letzte Worte vom Wannsee, wo sich Kleist zusammen mit Henriette Vogel erschoss.“
Egbert Tholl, Süddeutsche Zeitung
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„Dann wird es toll. Zwei Schauspieler, Annika Schilling und Wolfgang Michalek, entkleiden sich, wirken nun ganz zart und gefährdet, sind aber auch wunderschön. Ein letzter Brief von Kleist ist zu hören, letzte Worte vom Wannsee, wo sich Kleist zusammen mit Henriette Vogel erschoss. Der nackte Michalek nimmt die nackte Schilling auf den Arm, trägt sie sehr liebevoll, beschützend von der Bühne. Dann kehren alle fünf Darsteller wieder und erzählen in gestochener Sprache und auf nun wundervoll ernste Weise das Ende der Novelle.“
Egbert Tholl, Süddeutsche Zeitung
Eine Skizze von Armin Petras

Die Straße unseres Lebens

Über den Erzähler Kleist

von Armin Petras und László F. Földényi
Gott schickt als Strafe für die Verletzung der Heiligkeit des Klostergartens durch zwei Liebende ein Erdbeben, seltsamerweise wird aber genau durch dieses Beben die Sünderin vor der Enthauptung gerettet. Die Äbtissin vom Giebel ihres Hauses erschlagen – der Erzbischof von den Steinen seiner Kathedrale.

Irgendetwas stimmt nicht mit Gottes Management. Nach dem Unglück geht es allen besser, allen denen, die überlebt haben. Man trifft sich in Arkadien, Liebe auf freiem Feld – wie in „Zabriskie Point“ – unter dem Himmel des Herrn. Für eine geraume Zeit entsteht so etwas wie eine solidarische Gemeinschaft. Freie Liebe und Muttermilch für alle Kinder. Die Menschen scheinen wirklich verändert. Um Gott zu danken oder um eine neue Gemeinschaft zu bilden, treffen sie sich in der letzten unzerstörten Kirche. Hier wird erinnert, insistiert, denunziert – es kommt zu spontanen Gefühlsausbrüchen, zu Morden. Die Gehirne von Kindern spritzen an die Mauern.

Das Leben ist in seinen alten Bahnen angekommen.

Kleist baut die Straße unseres Lebens – er zeigt uns die Möglichkeiten und die Wirklichkeit. Er ist auf der Suche nach dem idealen Weg und zeigt uns die realen Schrecken unseres Seins.

In unserer Inszenierung wird es aber vor allem auch um das Phänomen Kleist selbst gehen, um seinen außergewöhnlichen Blick auf Menschen und die dazugehörigen politischen Situationen. Er scheint in der Darstellung extremer Leidenschaften unübertroffen zu sein. In den Augen der Welt verzerren sich die Figuren ins Entsetzliche, für die Figuren hingegen wirkt die Welt verzerrt.
Aber „seine Kunst wirkt nicht deshalb so eigenartig und unvergleichlich, weil er die Extreme zeigt, sondern weil er diese zugleich auch ständig zügelt. So eruptiv die Ausartung, ja Verzerrung der Leidenschaften bei ihm auch ist, mit der gleichen inneren Überzeugung versucht er auch immer wieder auf das Diesseits der Grenze zurückzukehren. Am liebsten schritte er immer auf der Mittelstraße voran“, schreibt László F. Földényi in „Heinrich von Kleist. Im Netz der Wörter“, und weiter: „Diese innere Bändigung macht Kleists Werke so gespannt; bei der Darstellung dieser leidenschaftlichen Zerrissenheit, die zwischen der Bändigung und der Unbändigkeit, dem Übertreten der Grenze und ihrer Beachtung entsteht, ist Kleist unübertroffen. Nicht die Leidenschaft ufert bei ihm aus und auch nicht die Verdrängung, sondern die zwischen der Bändigung der Leidenschaft und ihrem Ausbruch entstehende Spannung. Kleist möchte die ‚Goldwaage der Empfindung‘ für immer im Zustand der Ruhe wissen. Doch die Waage ist zum Wiegen da; und Kleists Helden möchten alles so genau erkennen, so endgültig und gerecht beurteilen, daß sie am Ende die ganze Welt in die eine Schale legen, um ihre Hinfälligkeit durch ihre eigene innere Gewißheit aufzuwiegen … In ‚Das Erdbeben von Chili‘ steht: ‚wie viel Elend über die Welt kommen mußte, damit sie glücklich würden!‘ Handeln und Hingabe drängen die Welt in die Klammern des Unglücks und des Glücks (der Heiligkeit). Seine Figuren versuchen ständig der Anziehungskraft der gebrechlichen Welt zu widerstehen, wodurch sie den Eindruck erwecken, als seien sie ‚antigrav‘. Doch je ‚ätherischer‘ sie sind, um so schneller gravitieren sie einem ganz anderen Mittelpunkt entgegen, von dem man nicht sagen kann, ob er in bodenloser Tiefe oder ferner Höhe ist. Die ständige Verletzung der Grenzen der menschlichen Ordnung mit dem Ziel, eine gemeinsame Ordnung zu schaffen. Mit dieser Grenze stimmt bei Kleist die Mittelstraße überein: eine unsichtbare, nicht existierende Linie, auf der seine Helden so voranschreiten, dass sie dennoch nie auf ihr stehen. Sie treten ständig daneben und doch verfehlen sie sie nie, als wären sie Schlafwandler. Bei Kleist führt diese Mittelstraße nach vorne, nach außen und verlässt dennoch, gleich einem Punkt, nie die Mitte.“