Premiere 12.12.2009 › Kleines Haus 1

Der Besuch der alten Dame

von Friedrich Dürrenmatt
in einer Neubearbeitung von Armin Petras
Koproduktion mit dem Maxim Gorki Theater Berlin
Auf dem Bild: Christine Hoppe, Andreas Leupold
Foto: David Baltzer
Auf dem Bild: Andreas Leupold, Sabine Waibel, Anne Müller
Foto: David Baltzer
Auf dem Bild: Anne Müller, Matthias Reichwald
Foto: David Baltzer
Auf dem Bild: Andreas Leupold, Anne Müller, Matthias Reichwald
Foto: David Baltzer
Auf dem Bild: Christine Hoppe, Andreas Leupold
Foto: David Baltzer
Auf dem Bild: Christine Hoppe, Sabine Waibel, Stefko Hanushevsky, Wolfgang Michalek, Matthias Reichwald, Gunnar Teuber
Foto: David Baltzer
Auf dem Bild: Christine Hoppe, Andreas Leupold
Foto: David Baltzer
Auf dem Bild: Andreas Leupold, Wolfgang Michalek
Foto: David Baltzer
Auf dem Bild: Christine Hoppe
Foto: David Baltzer
Auf dem Bild: Andreas Leupold, Sabine Waibel, Stefko Hanushevsky, Anne Müller, Wolfgang Michalek, Matthias Reichwald, Gunnar Teuber
Foto: David Baltzer
Handlung
Eines der anregendsten und fesselndsten und gleichzeitig unterhaltsamsten Stücke, die seit dem Zweiten Weltkrieg geschrieben worden sind: DER BESUCH DER ALTEN DAME war 1956 Friedrich Dürrenmatts erster internationaler Erfolg, und lebt von der Idee eines absolut unmoralischen Angebotes, das eine äußerst normale, moralinsaure Kleinstadt um Kopf, Kragen und Verstand bringt. Ein Phänomen, das keineswegs nur in den 50-er oder 60-er Jahren Gültigkeit hatte, wie die Neubearbeitung von Armin Petras für das Staatsschauspiel Dresden zeigt: Eine ostdeutsche, früher wohlhabende, jetzt verarmte Stadt in den frühen 90ern. Eine sehr reiche Dame kommt zurück in ihren Heimatort, aus dem sie vor vielen Jahren nach einer unglücklichen Liebesgeschichte in Schimpf und Schande davon gejagt worden war. Sie kehrt erst zurück, als sie so viel Geld hat, dass sie alle und alles kaufen kann. Nun reißt sie den Bürgern ihre zerbrechliche Maske eines demokratisch-moralischen Überbaus einer durch und durch kapitalistischen Gesellschaft ab und entlarvt ihren einzigen Götzen: das Geld. „Wohlstand für alle“ wird in Aussicht gestellt für die Aufgabe solidarischer Prinzipien. Nur wenn der herzlose Liebhaber von einst geopfert, ausgeliefert und getötet wird, wird es Reichtum für alle geben. Eine sehr verlockende Aussicht. Rache ist am Ende zwar süß, doch kann man davon wirklich leben?

In der Koproduktion von Staatsschauspiel Dresden und Maxim Gorki Theater Berlin spielen Schauspielerinnen und Schauspieler beider Theater.
Besetzung
Regie
Bühne
Video
Niklas Ritter
Dramaturgie
Jens Groß, Ludwig Haugk
Clara, eine schöne Frau
Alfred III, früher ein Dandy
Andreas Leupold
Frau III, Kauffrau
Sabine Waibel
Sohn, Cineast
Stefko Hanushevsky
Das Mädchen
Anne Müller
Bürgermeister, ein eloquenter Mann
Wolfgang Michalek
Der Polizist
Journalist, früher Dichter
Gunnar Teuber
Leopard
Berit Jentzsch
Video
Pressestimmen
„Ein pochendes, bittergroteskes, teils satirisch angespitztes Stück über menschliche Verhältnisse und ihre Wandelbarkeit.“
Ralph Gambihler, nachtkritik.de
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„Aus Dürrenmatts Nachkriegs-Rachedrama ist in Petras' freier Variation ein Drama der Nachwendezeit geworden. Ein pochendes, bittergroteskes, teils satirisch angespitztes Stück über menschliche Verhältnisse und ihre Wandelbarkeit. Letztlich handelt der Abend von misslingender Verständigung über ein teuflisch unmoralisches Angebot, nicht anders als bei Dürrenmatt, nur näher herangerückt an das Panorama von 1989, mit Extremanbiederung im Kampf um Investoren, mit Stasi-Akten, mit Arbeit, die fehlt.“
Ralph Gambihler, nachtkritik.de
„Hervorragende Dresdner und Berliner Schauspieler. Endlich eine kantige, aber gelungene ‚Vergegenwärtigung’ eines schon klassisch zu nennenden Stoffes.“
Michael Bartsch, Dresdner Neueste Nachrichten
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„Vor allem aber ist Christine Hoppe hier die zeitlos und mädchenhaft Schöne, manchmal Überirdische. Immer wieder fällt die zynische Fassade ab und zeigt das verletzbare und verletzte Mädchen, das den Verlust ihres ersten Liebestraumes nicht verkraftet hat und nicht verkraften will. ... Berührend. ... Hervorragende Dresdner und Berliner Schauspieler. Endlich eine kantige, aber gelungene ‚Vergegenwärtigung’ eines schon klassisch zu nennenden Stoffes.“
Michael Bartsch, Dresdner Neueste Nachrichten
„Dieser Abend hat Szenen, die ihm eine staunenswerte Dichte und Dringlichkeit verleihen, vor allem dank Christine Hoppe. Sie erspielt sich für ihre Clara eine kühle Unberechenbarkeit, die ihrer Figur tragische Weite verleiht.“
Berliner Zeitung
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„Dieser Abend hat Szenen, die ihm eine staunenswerte Dichte und Dringlichkeit verleihen, vor allem dank Christine Hoppe. Sie erspielt sich für ihre Clara eine kühle Unberechenbarkeit, die ihrer Figur tragische Weite verleiht. ... Stark ist der Anfang, weil Petras hier reliefartige Bilder auf die Stufen stellt, stark ist auch der Schluss, wenn sich das ohnehin gute Ensemble zum Chor formiert: ‚Ungeheuer ist viel, doch nichts ungeheurer als die Armut.’ Und viel in dieser Inszenierung weigert sich, als schlichte Moralfuchtelei genommen zu werden. Dieser Abend lässt sich nicht auf die deutsch-deutsche Geschichte und nicht auf eine Moral-Story verkleinern. Er rennt leidenschaftlich gegen jene Wände an, die Menschen voneinander trennen.“
Berliner Zeitung
„Souverän. Es gelingen grelle Momentaufnahmen von Charakteren und Verhaltensweisen, wie sie im alltäglichen politischen Geschäft von heute üblich sind. Das hat den Glanz blitzgescheiter Satire und behält doch mehr als nur eine Spur Trauer.“
Der Tagesspiegel
„Ein starkes Berlin-Dresdner Ensemble.“
Neues Deutschland
Über das Stück

Die alte Dame

(und Medea)
von Armin Petras
Denken ist Differenzen beschreiben. Medea ist die Vorgängerin der alten Dame im Geiste, es geht in beiden Fällen um Liebe, Geld, Rache und Gesellschaft.

Liebe Medea liebt. Sie verlässt wegen ihres Geliebten ihre Heimat in Asien, sie flüchtet. Die alte Dame muss auch flüchten, aber nicht aus Liebe, sondern wegen der Folgen ihrer Liebe muss sie die Heimat verlassen.

Geld Medea wird nicht geheiratet, obwohl sie Jason hilft, das Goldene Vlies zu finden. Jetzt aber, im Exil in Griechenland, ist sie nur noch eine Fremde, eine Asylantin. Das ist der Punkt, an dem die alte Dame einsetzt. Sie flüchtet, sie geht ins Ausland, um Millionärin zu werden. Sie versteht, dass in dieser Welt nur Geld Macht bedeutet.

Rache Medea zerstört ihren Mann, indem sie seine Kinder zerstört. Die alte Dame kann das nicht. Ihr Kind war niemals legitim, ihr Kind ist nicht vorhanden. Sie muss weggehen, um zu werden. Um Gegner zu werden.
Medea ist Königin, gefallene Königin, aber sie ist groß und bleibt es auch in ihrem Scheitern. Die alte Dame ist am Anfang nur eins: jung. Sie wird zerstört, verhöhnt, sie geht und entscheidet sich dann, Rache zu nehmen.
Rache und Gesellschaft Mao hat gesagt: Greife nur an, wenn du fünf- bis sechsmal stärker bist als dein Gegner. Die alte Dame kommt erst sehr spät zurück. Erst als sie so viel Geld hat, dass sie alle und alles kaufen kann. Sie zerstört nicht ihre Kinder, sie zerstört eine Gesellschaft oder besser: Sie legt sie bloß, sie trennt den falschen Schein eines demokratisch-moralischen Überbaus der kapitalistischen Gesellschaft von ihren realen Grundlagen, ihrem einzigen Götzen, dem Geld. Dieser Götze wird von ihrer Ankunft an ins Zentrum des Stückes gerückt. Dieses optionale Tauschgeschäft Wohlstand für alle gegen die Aufgabe solidarischer Prinzipien ist in einer Zeit des globalen finanziellen Crashs natürlich mehr als aktuell der Theaterstoff beinhaltet wieder eine soziale Utopie.

Der größte Unterschied zwischen Medea und der alten Dame ist aber doch, dass Medea eine gefallene Königin ist. Eine, die ihrer Liebe wegen zu weit gegangen ist und dafür büßt und dann in einem Drittland ihr Leben weiterlebt. Die alte Dame aber lebt nur noch in ihrer Rache, ihre Existenz ist der Widerstand nichts anderes.
Demokratie und Ökonomie

Demokratie und Ökonomie

von Ludwig Haugk und Dirk Baumann
Nicht der entrinnt der Vergangenheit, der sie vergißt. (Ruth Berlau)
In Andrej Platonows Roman TSCHEWENGUR aus dem Jahr 1929 erfindet der Autor ein Städtchen im nachrevolutionären Russland, das für sich in Anspruch nimmt, den Kommunismus bereits erreicht zu haben, während der Rest des Landes noch mit den Mühen der Einführung des Sozialismus beschäftigt ist. Die Bürger in Tschewengur arbeiten nicht mehr, weil man im Kommunismus nicht mehr arbeiten muss. Sie wechseln jeden Tag die Schlafstätte, weil es im Kommunismus kein Privateigentum mehr gibt. Zwar verhungern sie fast aber sie haben den Kommunismus. Die utopische Behauptung, den Kommunismus zu besitzen, ihn erreicht zu haben, endet im Desaster. Das völlig wehrlose Dorf wird von konterrevolutionären Truppen überrannt und dem Erdboden gleichgemacht. Der Plan, den Kommunismus einzuführen, erweist sich als Betrugsversuch eines einzelnen Funktionärs.
 
In DER BESUCH DER ALTEN DAME erschafft Dürrenmatt mit seiner Phantasiestadt Güllen nach ähnlichem Prinzip einen Ort, dessen Bürger für sich in Anspruch nehmen, ein Gesellschaftssystem erreicht zu haben, einen Zivilisationsgrad zu besitzen, der sie anderen gegenüber auszeichnet. Dürrenmatts Güllener haben die Demokratie, die Kultur. Der Besuch jener alten Dame stellt diese Demokratie auf die Probe. Das Problem der Güllener Demokratie erweist sich im Wahn, sie sei vollendet, ein gemeinschaftliches Gut. Denn ein Gut, das man besitzt, kann veräußert werden, gekauft. Genau dies geschieht in DER BESUCH DER ALTEN DAME. Dürrenmatts Skepsis gilt dabei nicht der Demokratie, sondern ihrer Behauptung. Die Uraufführung von DER BESUCH DER ALTEN DAME fand 1956 in Zürich statt, auf der Frontlinie des kalten Krieges. Demokratie war in dieser Zeit (und ist es oft noch heute) wie Freiheit oder Sozialismus ein ideologisches Kampfwort. Aus einer Verlaufsform gesellschaftlicher Kommunikation (denn nichts anderes ist ja mit Demokratie gemeint) war ein Überbegriff geworden, unter dem sich christlicher Moralkanon, kulturelle Tradition, eine spezifische Form des Rechtswesens und ein parlamentarisches Staatswesen zusammenfanden. Mit dem simplen Prinzip des ökonomischen Hebels trennt Dürrenmatt die Demokratie aus diesem diffusen Gemisch und lässt sie als das erscheinen, was sie eigentlich bedeutet: die Herrschaft der Mehrheit über eine Minderheit. Ob diese Mehrheit dazu in der Lage ist zu herrschen, ob sie den kategorischen Imperativ auch gedacht oder nur gelesen hat, ob sie der Überforderung, im Zweifel auch gegen sich zu entscheiden, gewachsen ist, das hinterfragt DER BESUCH DER ALTEN DAME und dient damit der Distanzbestimmung zwischen dem Utopia einer demokratischen Gesellschaft, die ihrer humanistischen Herausforderung entsprechend handelt und einer Gesellschaft, die von sich behauptet, Kultur zu besitzen, sie aber noch im Moment, in dem sie diesen Besitz feiert, verkauft. Denn Erbe, insbesondere kulturelles bedeutet Arbeit. Möglicherweise hat Goethe missverständlich formuliert, als er versuchte klarzustellen, dass man, was man ererbt von seinen Vätern, auch erwerben müsse. Clara in DER BESUCH DER ALTEN DAME jedenfalls nimmt erwerben wörtlich. Weil die Bürger die Arbeit, die mit erwerben eigentlich gemeint ist, niedergelegt haben, füllt sie die entstandene Lücke erfolgreich mit ihrem Geld. Die Geschichte der Bürger in DER BESUCH DER ALTEN DAME erzählt davon, dass Demokratie, Kultur, aber auch Geschichte und Werte Begriffe sind, die sobald sie nicht mehr als Tätigkeitsworte begriffen werden, veräußerbar sind wie jede andere Fabrik auch. Dabei ist DER BESUCH DER ALTEN DAME nicht allein ein Stück über Demokratie, sondern auch ein Stück Demokratie. Dürrenmatt wählte die Genrebezeichnung tragische Komödie für seinen Text. Die tragische Sphäre der Helden Clara und Ill kollidiert mit dem sogenannten Volk, dessen klassische, also feudale Gattung die Komödie ist. Die Tragödie wird profanisiert: es geht um Geld. Im Gegenzug werden Schuld, Verdrängung, Schicksal und Entscheidung Volksangelegenheit. Die Tragödie wird eine Tragödie des Kollektivs Güllen, eine Tragödie des Zu-spät der kollektiven Verständigung. In dieser Versuchsanordnung lässt Dürrenmatt sein Experiment passieren. Er schreibt kein Thesenstück, das den Verlust von Werten beweint, oder ein politisches System anprangert. DER BESUCH DER ALTEN DAME scheint eher einen Bedarf an gesellschaftlicher Kommunikation zu diagnostizieren. Solange wir keine Sprache finden, in der wir uns über die Form des Zusammenlebens, über die Ökonomie, die Hausordnung der Gesellschaft austauschen, solange wird das Geld diese Leerstelle einnehmen.

Westbesuch
Die Ereignisse vom Herbst 1989 machten laut, was schon Jahre vorher vielen DDR-Bürgern stillschweigend klar war: sie waren nicht mehr das Volk, das öffentlich als Volk behauptet worden war, fühlten sich nicht mehr als kollektiver Eigner von Betrieben, auf deren Entwicklung sie keinen Einfluss hatten, die behauptete Demokratie war keine vollzogene. Es war eine gesunde Skepsis gegenüber der possessiven Behauptung, mit der eine Staatsführung Demokratie und Kultur für sich in Anspruch nahm, gewachsen. Mit dem Mauerfall und dem freundlichen Umschwung veränderte sich dieses kollektive Verständnis grundlegend. Man hatte jetzt die Demokratie erkämpft. Der Verständigungsprozess darüber, was das eigentlich heißt, fand nur insofern statt, als allen klar war: wir können stolz auf uns sein nur / ist noch nichts davon bei uns zu sehen / es wäre so, als ob uns jemand vergessen hätte / bei der belohnung / so wie zu weihnachten, wenn alle ein geschenk schon hatten, nur der vati nicht. So war es, und so war es nicht.
In Armin Petras Bearbeitung von DER BESUCH DER ALTEN DAME ist die Nachwendezeit ein Beispiel, so wie das unschwer als Schweizer 50er-Jahre-Kaff zu identifizierende Güllen der Dürrenmattschen Urfassung und wie das Tschewengur Andrej Platonows ein Beispiel ist. Ein Beispiel für die Mechanismen und Wirkungsweisen von kollektiver Verständigung. Genauso wenig wie die sogenannte friedliche Revolution ein singulär ostdeutsches Ereignis war, so wenig war die Aufgabe vieler Ideen dieser Revolution in den Jahren danach ein singulär ostdeutsches Versagen. Es macht aber die Aktualität von Dürrenmatts Experiment aus, dass es konkret ist, nicht in einem abstrakten Lehrstückraum stattfindet. Und nur wenn es konkret angewendet wird, kann seine archaische, antike Analysestruktur wirksam werden. Petras wendet das Phänomen Güllen auf eine Gesellschaft im Umbruch an. Eine Gesellschaft, die offen ist und damit gefährdet. Die Tragödie auch die kollektive erwächst aus der Fallhöhe. Die Möglichkeiten der Gesellschaft in Petras Bearbeitung von DER BESUCH DER ALTEN DAME sind vielfältig. Alles scheint offen, kommunizierbar. Die Identifizierung von Freiheit mit dem Anspruch auf ökonomischen Wohlstand wird dieser Gesellschaft zum Verhängnis. Sie verpasst den kurzen Sommer der möglichen grundlegenden Veränderung unter dem Eindruck jenes Westbesuchs. Die Verlockung, mit Hilfe des Geldes sich selbst loszuwerden, den Geruch nach Misserfolg, nach Kohleofen und schlechtem Benzin, ist zu groß für das demokratische Bewusstsein. Dass mit dem Geld die Vergangenheit zurückkehrt, ist der seltsame Humor der Geschichte. So war es und so war es nicht. Möglicherweise ist es nie zu spät, mit der Arbeit zu beginnen.
 
Chortreppe
Um der Frage nach der Moral und des gesellschaftlichen Umgangs mit ihr näher zu kommen, antizipiert Dürrenmatt antike Modelle und Traditionen. Nicht zufällig erinnert das Bühnenbild Olaf Altmanns daher auch an eine Treppe, wie sie vor einem antiken Tempel oder Palast vorstellbar ist. Es bietet den Hintergrund, vor dem die moralische Haltung der Gesellschaft sichtbar wird. Dürrenmatt selbst knüpft an das antike Bild des Schlusschors an, dem auch in der Fassung von Armin Petras eine entscheidende Rolle zukommt. Statt das antike Element des Chores aber einfach nur aufzugreifen, ist es im Dürrenmattschen Drama gewandelt: Er spricht nicht von einem moralisch gesicherten Standpunkt aus, der in aller Deutlichkeit zwischen Recht und Unrecht scheidet und einem allgemeingültigen Recht ein geschehenes Unrecht der vorangegangenen Handlung entgegenstellt. Vielmehr zeigt das abschließende Tableau eine Gesellschaft, die zwar standhaft eine Moral behauptet, sich aber selbst nicht daran hält. Sie erinnert nur noch in ihrer äußeren Form an das antike Ideal. Zeigte sich im Verlauf des Stückes der Zerfall einer Gemeinschaft, so findet sie im Schlussbild, nach der Entscheidung für die unerhörte Tat und damit die Opferung einer Person aus der eigenen Mitte, wieder zusammen. Damit wird nicht nur der Endpunkt der Handlung erreicht, er ist zugleich Standortbestimmung: Die Gesellschaft ist gewandelt, hatte sie das Angebot Frau Claras anfangs noch mit Verweis auf die eigene humanistische Tradition abgelehnt, ist sie nun ökonomisch bestimmt, ohne diese Veränderung aber selbst zu bemerken oder zu reflektieren. Der Chor skandiert abschließend: Nichts ist ungeheurer als die Armut. Mit zunehmendem Wohlstand geht auch eine Veränderung der persönlichen Werte und Vorstellungen einher, die aber keinerlei Reflexion erfährt. Betrachtet man das Geschehen von der Perspektive der Bürger aus, stellt sich am Ende der Handlung eine zentrale Frage: Täuscht sich die Gemeinschaft in ihrer Auffassung von Moral und Gerechtigkeit und übersieht das Rache-Moment in Claras Forderung, oder betrügt sie sich bloß selbst, verführt durch den materiellen Wohlstand? Auch auf anderer Ebene sind antike Elemente zu erkennen. So erinnert beispielsweise Frau Clara an die antike Gestalt der Medea. Diese hatte in einem Rachefeldzug gegen ihren untreuen Geliebten Jason die verhasste Rivalin, deren Vater und sogar ihre eigenen, mit Jason gezeugten Kinder getötet. Insofern rückt sie in die Nähe der Erinnyen bzw. Euminiden, der Rachegöttinnen aus der griechischen Mythologie. Außerdem findet das Drama auch in seiner Struktur griechische Vorbilder: Die analytische Form ist aus Sophokles KÖNIG ÖDIPUS bekannt, in dessen ANTIGONE begleiten wir den Rechtsfall der gleichnamigen Heldin, der allerdings mit deren Selbstmord endet. In seinem Drama aus den 50er Jahren zeigt Dürrenmatt parabelhaft die Möglichkeit der Veränderung der Werte durch die Aussicht auf materiellen Wohlstand. Haftet seiner Fassung aber noch deutlich das zeitliche Kolorit seiner Entstehungszeit an, versucht die Neufassung den zugrunde liegenden Mechanismus zu transformieren und zu aktualisieren. Darin wird erkennbar, dass dieser Mechanismus auch an anderen Orten und zu anderen Zeiten seine Wirkung entfaltet. In seiner Grundidee ist Dürrenmatts DER BESUCH DER ALTEN DAME daher nach wie vor von hoher Aktualität. Es zeigt, wie eine Gesellschaft einer Schwachstelle zum Opfer fällt, die jeder menschlichen Gemeinschaft eigen ist. Es zeigt, wie sie den Verlockungen des Angebots verfallen muss und stellt damit auch die Frage nach den verdeckten und oft verschwiegenen Zusammenhängen zwischen Ökonomie und Gesellschaft.