Premiere 22.11.2012 › Kleines Haus 1

Endstation Sehnsucht

von Tennessee Williams
Auf dem Bild: Laina Schwarz, Matthias Luckey, Andreas Hammer, Sascha Göpel, Nele Rosetz, Ines Marie Westernströer, Wolfgang Michalek
Foto: Matthias Horn
Auf dem Bild: Ines Marie Westernströer, Laina Schwarz, Sascha Göpel
Foto: Matthias Horn
Auf dem Bild: Nele Rosetz
Foto: Matthias Horn
Auf dem Bild: Ines Marie Westernströer, Nele Rosetz, Laina Schwarz
Foto: Matthias Horn
Auf dem Bild: Sascha Göpel, Nele Rosetz
Foto: Matthias Horn
Auf dem Bild: Sascha Göpel, Nele Rosetz
Foto: Matthias Horn
Auf dem Bild: Laina Schwarz, Matthias Luckey, Sascha Göpel, Andreas Hammer
Foto: Matthias Horn
Auf dem Bild: Laina Schwarz, Sascha Göpel, Matthias Luckey, Andreas Hammer
Foto: Matthias Horn
Auf dem Bild: Nele Rosetz
Foto: Matthias Horn
Auf dem Bild: Laina Schwarz, Matthias Luckey, Nele Rosetz
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Auf dem Bild: Nele Rosetz, Wolfgang Michalek
Foto: Matthias Horn
Auf dem Bild: Nele Rosetz, Wolfgang Michalek
Foto: Matthias Horn
Auf dem Bild: Nele Rosetz, Wolfgang Michalek
Foto: Matthias Horn
Auf dem Bild: Nele Rosetz, Wolfgang Michalek
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Auf dem Bild: Ines Marie Westernströer, Sascha Göpel
Foto: Matthias Horn
Auf dem Bild: Nele Rosetz
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Auf dem Bild: Wolfgang Michalek, Nele Rosetz
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Auf dem Bild: Nele Rosetz, Wolfgang Michalek
Foto: Matthias Horn
Auf dem Bild: Nele Rosetz
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Auf dem Bild: Nele Rosetz, Ines Marie Westernströer, Sascha Göpel
Foto: Matthias Horn
Auf dem Bild: Sascha Göpel, Nele Rosetz
Foto: Matthias Horn
Auf dem Bild: Sascha Göpel, Andreas Hammer, Nele Rosetz, Matthias Luckey, Wolfgang Michalek
Foto: Matthias Horn
Auf dem Bild: Matthias Luckey, Wolfgang Michalek, Ines Marie Westernströer, Laina Schwarz, Sascha Göpel, Andreas Hammer
Foto: Matthias Horn
Handlung
Eines Tages steht Blanche Du Bois mit nichts als einem Koffer eleganter Kleider bei ihrer Schwester Stella vor der Tür. Allein auf sich gestellt, konnte Blanche ihr Elternhaus, die Plantage „Belle Rêve“, nicht mehr halten und musste sie verlassen. Stella ist mit dem polnischen Einwanderer Stanley Kowalski verheiratet und lebt in bescheidenen Verhältnissen. Die neurotische Blanche ist entsetzt von diesem Umfeld, sie trinkt und flüchtet sich in eine Illusionswelt, die immer brüchiger wird. Stella hingegen verleugnet ihre gute Herkunft, ist doch jegliches „großbürgerliche Gehabe“ die pure Provokation für ihren Ehemann Stanley. Bald kommt es zu Spannungen: Stanley liefert sich mit seiner statusbewussten Schwägerin Wortgefechte, die die gegenseitige tiefe Verachtung offenbaren. Blanches letzte Hoffnung auf ein bisschen Glück ist die Beziehung zu Mitch. Doch als Details aus ihrer Vergangenheit enthüllt werden, zieht Mitch sich zurück und lässt Blanche mit Stanley allein.
In seinem weltberühmten Stück lässt Tennessee Williams die untergehende aristokratische Kultur der Südstaaten auf das proletarische, industriell geprägte Amerika prallen. Beim Schreiben erinnerte er sich an eine aufgegebene Straßenbahnlinie in New Orleans, deren Endstation „Desire“ hieß. Nach ihr benannte er sein Drama: „A Streetcar Named Desire“.
Nuran David Calis ist Autor, Theater- und Filmregisseur. Neben seinen Theaterinszenierungen wie u. a. Frank Wedekinds „Frühlings Erwachen!“, die neben Ibsens „Peer Gynt“ auch in Dresden zu sehen war, machte er mit dem Kinofilm „Meine Mutter, mein Bruder und ich“ und zuletzt mit seinem Debütroman „Der Mond ist unsere Sonne“ auf sich aufmerksam.
Besetzung
Regie
Nuran David Calis
Kostüme
Amelie von Bülow
Musik
Licht
Björn Gerum
Dramaturgie
Beret Evensen
Blanche
Stella
Ines Marie Westernströer
Stanley
Sascha Göpel
Mitch
Christian Erdmann
Eunice
Laina Schwarz
Steve
Matthias Luckey
Pablo / Ein junger Kassierer
Lukas Mundas
Ein Arzt
Marcus Horn / Jens Weingart
Eine Krankenschwester
Maike Lindner / Irene Sperfeld
Video
Eine Spurensuche

Vier Jahre nach „Endstation Sehnsucht“

Eine Spurensuche im Hotel Astoria, New York
von Nuran David Calis

21. Mai 1949
Blanche Du Bois. Die ältere Schwester von Stella, die mit dem polnischen Arbeiter Stanley Kowalski verheiratet ist. Lebt jetzt in New York. Jetzt sind es vier Jahre. Vier lange Jahre. Keine Worte. Keine Blicke. Keine Zeichen. Eigentlich wollte Blanche nicht schreiben. Zwar tut ihr alles leid, was sie getan hat. Die Lebenslügen. Ihr offener Hass gegen Stan. Ihr Hass gegen alles und jeden, der nicht gut genug für sie war. In ihrer Wut gegenüber dem Underdog aus Polen und seinen Freunden begrub sie im Grunde ihr eigenes Scheitern. Wut und Hass gegenüber Menschen, die nicht ihrem Lebensstandard entsprachen, lenkten sie nur davon ab, sich mit ihrem eigenen beschissenen Leben auseinanderzusetzen … Sie, die Upper-Class-Bombe, plötzlich gefangen im Netz von Stans Armut.
Aber der Gedanke kam Blanche nicht, aus dem Trümmerfeld ihres Lebens mit eigener Kraft wieder etwas aufzubauen. Ihren sozialen Abstieg zu bremsen. Ja, reich waren sie mal. Aber dann. Mit nix stand sie auf einmal da. In der Wohnung von Stan und ihrer Schwester Stella. Das Erbe hatte sie verloren. Die Männer hatte sie verschlissen. Keine neuen Ideen. Kein Talent. Keine Begabung, die sie vor dem sozialen Abstieg hätte retten können. Keine fetten Pool-Partys. Kein Tennis. Kaviar und Champagner aus. Der Kühlschrank leer. Wie füllt man den wieder auf? Und vor allem wer? Wo geht man jetzt einkaufen? Wer macht das Licht aus, wenn die Party vorbei ist? Ja, Blanche wurde allein gelassen. Und deshalb müssen jetzt die anderen dafür büßen. Ihre Jugend ist weg. Ihr Gesicht hängt langsam runter. Die Haare fallen ihr ein wenig aus. Und ihre Schwester, die noch über Jugend, Kraft und Schönheit verfügt, gibt sich ab mit einem abgefuckten Migranten. Er ist noch nicht einmal ein waschechter Amerikaner, kein Südstaatler. Nein, aus Polen kommt er. Essen sie dort nicht Hunde? Oder ist das in China? Egal, Blanche hasst ihn. Hassen ist einfacher als lieben, weil man sich in der Liebe auf den anderen einlassen muss. Weil man etwas von sich abgeben muss, damit man etwas anderes annehmen kann. Stan kann noch nicht einmal lesen! Nein, ihr Hass gegen Stan kam genau richtig, weil er sie ablenkte, sie daran hinderte, in ihren eigenen Abgrund zu schauen. Ihre eigenen Leichen zu zählen. Dabei hätte Stella doch alles haben können. Die dumme Kuh. Wenn sie nicht ihre Schwester gewesen wäre. Ja, sie hätte alles haben können. Aber die Liebe? Die Liebe kennt kein Schwarz oder Weiß, kennt kein Arm oder Reich. Für die Liebe ist das alles gleich; nämlich wertlos. Stan hat es geschafft, in Amerika Fuß zu fassen. Auf seine Art. Nicht auf die Art, die Blanche sich gewünscht hätte.
Oh, wie sie ihn gehasst hat. Seine toughe Art, die er nicht ablegen kann. Seinen Schweiß. Seine Muskeln. Seinen Akzent. Aber jetzt? Es tut ihr alles leid. Ja, sogar dankbar ist sie Stan, weil sie durch ihn erkannt hat, was in ihrem Leben schiefgegangen ist. Nein, Freunde werden die beiden nicht mehr. Aber sie lassen sich gegenseitig leben. Blanche will nicht darüber nachdenken, was war, und ihrer Schwester auch nicht erzählen, wie sie hier in New York gelandet ist. Nur so viel: Sie habe angefangen zu arbeiten, ja. Sie werde jetzt lachen. Aber es sei die Wahrheit. Seit zwei Jahren arbeite sie an der Rezeption des Hotels Astoria  und verdiene ihr eigenes Geld. Hier steigen viele kultivierte Menschen ab, und sie könne alle ihre Qualitäten zur Geltung bringen. Mal spreche sie französisch, mal spanisch. Die Gäste kommen aus aller Welt. Und: Sie sind so kultiviert wie sie. Sie arbeite direkt am Central Park.
Sie habe lange gebraucht bis zu dieser Erkenntnis, aber: Arbeit macht wach. Arbeit ist Leben. Arbeit ist Hoffnung. Wie gut, dass sie jetzt Arbeit habe. Wenn keine Arbeit da ist, dann mache sie sich Arbeit.
Sie sortiere Karteikarten. Lege Stifte ordentlich neben­einander. Poliere den Rezeptionstisch, bis er blitzblank ist. Sogar zu Hause mache sie jetzt selber sauber. Keine Angestellten. Sie wohne direkt in Soho. In Manhattan. Zwei kleine Zimmer. Nicht sehr hübsch. Aber ihre eigenen vier Wände.
Hier säßen viele Künstler. Letztens habe sie sich von einem gewissen Jackson Pollock zu einem Drink einladen lassen. Ein totaler Trinker. Ein Trottel. Er meinte die ganze Zeit, dass er das Malen revolutionieren wolle. Ein hoffnungsloser Fall von Selbstüberschätzung.
Sie habe verstanden, was Stan gemeint hat. Jetzt hoffe sie, dass er wenigstens das Lesen und Schreiben lernt. Denn Poesie kann einem das Leben nicht retten, aber es erträglicher machen, das solle Stella doch ihrem Stan noch sagen.
Stella meint, dass sie Sehnsucht nach Blanche habe, ja, Sehnsucht. Sehnsucht. Sehnsucht. Wie lange habe Blanche dieses Wort nicht mehr gehört. Hier oben. In ihr. Sehnsucht. Das sei nicht nur ein Wort. Sehnsucht. Das sei nicht nur ein Gefühl. Sehnsucht. Sehnsucht. Sehnsucht.
Das ist nichts, was einfach kommt und geht. Blanche will die Sehnsucht nach den Dingen, die sie einst hatte und vielleicht nie mehr haben wird, nicht verlieren. Deshalb dürfen Stella und Stan sie auch nie mehr sehen. Sie dürfen niemals hierher kommen. Niemals. Schreiben, das ja.
Man könne ihr alles nehmen, Geld, Liebe, alles, nur eins nicht: DIE SEHNSUCHT nach all dem, was sie nicht bekommen kann in ihrem Leben. Es ist so wie mit der Poesie; die Sehnsucht macht das Leben nicht leichter, nur erträglicher ...

Nuran David Calis arbeitet als Autor, Theater- und Filmregisseur. Sein Text für dieses Magazin entstand im Rahmen seiner Inszenierungsvorbereitung.