Premiere 15.03.2013 › Kleines Haus 1

Fabian. Die Geschichte eines Moralisten

nach dem Roman von Erich Kästner
für die Bühne eingerichtet von Felicitas Zürcher und Julia Hölscher
Auf dem Bild: Thomas Braungardt, Jan Maak, Romy Schwarzer, Philipp Lux, Oda Pretzschner, Lea Ruckpaul
Foto: Matthias Horn
Auf dem Bild: Thomas Braungardt, Johanna Roggan, Lea Ruckpaul, Ahmad Mesgarha
Foto: Matthias Horn
Auf dem Bild: Johanna Roggan, Ahmad Mesgarha
Foto: Matthias Horn
Auf dem Bild: Oda Pretzschner, Lea Ruckpaul, Johanna Roggan, Romy Schwarzer, Ahmad Mesgarha
Foto: Matthias Horn
Auf dem Bild: Lea Ruckpaul, Johanna Roggan, Antonio Morejon Caraballo, Jan Maak, Romy Schwarzer, Ahmad Mesgarha
Foto: Matthias Horn
Auf dem Bild: Johanna Roggan, Philipp Lux
Foto: Matthias Horn
Auf dem Bild: Jan Maak, Philipp Lux
Foto: Matthias Horn
Auf dem Bild: Jan Maak, Ahmad Mesgarha
Foto: Matthias Horn
Auf dem Bild: Philipp Lux, Thomas Braungardt
Foto: Matthias Horn
Auf dem Bild: Philipp Lux, Thomas Braungardt
Foto: Matthias Horn
Auf dem Bild: Lea Ruckpaul, Philipp Lux
Foto: Matthias Horn
Auf dem Bild: Philipp Lux, Lea Ruckpaul
Foto: Matthias Horn
Auf dem Bild: Philipp Lux, Lea Ruckpaul
Foto: Matthias Horn
Auf dem Bild: Helga Werner, Philipp Lux
Foto: Matthias Horn
Auf dem Bild: Lea Ruckpaul, Helga Werner, Philipp Lux
Foto: Matthias Horn
Auf dem Bild: Lea Ruckpaul, Jan Maak, Philipp Lux
Foto: Matthias Horn
Auf dem Bild: Lea Ruckpaul, Philipp Lux
Foto: Matthias Horn
Auf dem Bild: Oda Pretzschner, Jan Maak
Foto: Matthias Horn
Auf dem Bild: Jan Maak, Oda Pretzschner, Philipp Lux
Foto: Matthias Horn
Auf dem Bild: Oda Pretzschner, Philipp Lux, Johanna Roggan
Foto: Matthias Horn
Auf dem Bild: Philipp Lux, Thomas Braungardt, Ahmad Mesgarha, Antonio Morejon Caraballo, Jan Maak
Foto: Matthias Horn
Auf dem Bild: Philipp Lux, Ahmad Mesgarha, Lea Ruckpaul, Helga Werner, Thomas Braungardt, Johanna Roggan, Jan Maak, Romy Schwarzer, Oda Pretzschner
Foto: Matthias Horn
Auf dem Bild: Philipp Lux
Foto: Matthias Horn
Auf dem Bild: Philipp Lux, Ahmad Mesgarha
Foto: Matthias Horn
Auf dem Bild: Romy Schwarzer, Philipp Lux
Foto: Matthias Horn
Auf dem Bild: Antonio Morejon Caraballo, Romy Schwarzer, Ahmad Mesgarha, Thomas Braungardt, Lea Ruckpaul
Foto: Matthias Horn
Auf dem Bild: Oda Pretzschner, Johanna Roggan, Ahmad Mesgarha, Philipp Lux, Jan Maak, Thomas Braungardt
Foto: Matthias Horn

Handlung

Berlin 1930. Fabian hat studiert, promoviert, und doch reicht es nicht für mehr als für Gelegenheitsjobs. Zur Zeit macht er Werbung für Zigaretten, während er eigentlich auf den „Sieg der Anständigkeit“ wartet und unterdessen in Kneipen, Künstlerateliers und Bordellen die gemischten Gefühle untersucht: erotische Abenteuer, zynische Journalistenrunden, Schießereien zwischen Kommunisten und Nationalsozialisten – im Berliner Nachtleben der Weltwirtschaftskrise ist das Angebot grenzenlos, auch für den distanzierten Beobachter. Denn anders als sein Freund Labude, der um die politische Zukunft Deutschlands ringt, steht Fabian lieber daneben und wartet, bis sich der Einsatz lohnt. „Wir leben provisorisch. Die Krise nimmt kein Ende!“
Da lernt er die Juristin Cornelia kennen, verliebt sich und bekommt doch Lust, sich einzulassen – auf die Liebe, auf den Ehrgeiz, auf das Leben. Doch die Chance war kurz: Erst verliert Fabian seine Stellung, dann wird Cornelia aus Karrieregründen die Geliebte eines Film-Produzenten. Als sich Labude erschießt, weil seine Habilitationsschrift abgelehnt worden ist, flieht Fabian aus Berlin nach Hause, nach Dresden.
Erich Kästner schrieb „Fabian“ 1931. Er beschreibt darin in satirischer Weise das Verhalten der Menschen in der Krise, und man kann bereits ahnen, wohin diese Krise die Menschen wenige Jahre später führt. 20 Jahre später, nach dem Zweiten Weltkrieg, notiert Kästner: „Der Roman wollte vor dem Abgrund warnen, dem sich Deutschland näherte! Er wollte mit allen Mitteln in letzter Minute Gehör und Besinnung erzwingen. Wenn auch das nicht hilft, hilft überhaupt nichts mehr.“

Besetzung

Regie
Julia Hölscher
Bühne
Esther Bialas
Kostüme
Susanne Scheerer
Musik
Tobias Vethake
Choreografie
Johanna Roggan
Licht
Björn Gerum
Dramaturgie
Felicitas Zürcher
Jakob Fabian
Stephan Labude / Volontär / Wenzkat
Thomas Braungardt
Cornelia Battenberg / Eva
Lea Ruckpaul
Mutter Fabian / die Kulp
Helga Werner
Irene Moll / Ruth Reiter, Bildhauerin
Oda Pretzschner
Dr. Felix Moll, Rechtsanwalt / Malmy, Wirtschaftsredakteur / Nationalsozialist / Wilhelmy / Erfinder / Hanke, Direktor
Herr Sommer, Besitzer eines Etablissements / Münzer, Redakteur / Kommunist / Fischer, Kollege / Zacharias / Professor / Holzapfel, Redakteur
Jan Maak
Schwarzhaariges Fräulein / die Selow, Aktmodell
Nina Gummich
Bardame / Prostituierte / Dr. Weckherlin
Romy Schwarzer
Singender Matrose
Antonio Morejon Caraballo

Video

Über Kästners „Fabian“

Einer von uns

Über Erich Kästners „Fabian“
von Katja Kullmann
Heute ist es ja so: Man kann Sexpartner und Seebestattungen im Internet bestellen, Schafe, Katzen und Kunstturner klonen, mit Mülleimern sprechen, Ausflüge ins Weltall buchen, jederzeit via Gesichtserkennung überführt werden und etwaige psychologische Probleme mit einer App lösen. Das Reisen durch die Zeit ist nur noch eine Frage der Zeit. Eigentlich muss man es gar nicht mehr erfinden, denn zumindest das Gestern ist ja längst schon wieder da. Wir sind so schnell gelaufen, haben uns so beeilt, dass wir gar nicht bemerkt haben, wie es uns überholt hat.
Stellen wir uns einfach vor, die Gegenwart wäre ein ruckelndes Youtube-Video, das irgendwer irgendwann mal hochgeladen hat. Ein mittelprächtiges Filmchen in leicht verschrobenem Retrostil. Es spielt in einer Großstadt, die einem automatisch bekannt vorkommt. Die Hauptfigur ist ein gut aussehender, cleverer Typ Anfang 30 mit zeitlos-modischem Namen: Fabian. Das Voice-over-Script für den Trailer wäre wild zusammengesampelt aus allerlei Slogans und Gedankensplittern. Eine promovierte, aber unbezahlte Praktikantin aus dem Baltikum hätte es in einem Hinterhofbüro voller dänischer Möbel eilig transkribiert. Es läse sich ungefähr so:

Alles ist vergiftet. Aber es sieht super aus. Wie alles schimmert und glimmert, wie es vor Bedeutung fast explodiert. Kunst, Körper, News! Kontakte, Kontakte – und überall Symbole! Neue Waren, neue Techniken, jede Menge schwer erklärlicher Dienstleistungen, ein paar Demos und Krawalle, wahnsinnig viel Musik und überall Chancen. Hier eine bunte Bar, da drüben ein Bettler. Wie albern, wie sehr das alles nervt. Aber wir sind dabei. Weil: was sonst? „Hör auf, den Notausgang zu suchen, du Nerd!“
Tolle Frauen! Beinahe-Models an jeder Bushaltestelle, in jedem Hausflur ein Casting. Hier darf geraucht werden. Wir lieben das Wort „Prolet“. Gut, dass der liebe Gott das Augenzwinkern erfunden hat. Loch im Bauch, Schwamm drüber. Wir stellen das Heer der immer wachen Aufziehfigürchen und spielen am liebsten mit uns selbst. „Nein! Nein! Nein!“ „Huch? Hast du was gesagt?“ Wer kann denn stichhaltig beweisen, dass es knallen wird? Frauen knutschen Frauen. Männer haben Liebeskummer. Transzendenz und Tempo. Ein bisschen radikaler wäre man schon gern. Das wäre es doch: Auf den Putz hauen, aber ernsthaft. „Komm mir bloß nicht mit der Sinnfrage, du trostloser Gutmensch!“
Die Nachrichtenlage voll im Blick. Jedes Krisendetail abgespeichert in deinem Unruheherd von Gehirn. Deine Augenringe stehen dir. Das hat so was Authentisches, irgendwie. Über 30. Ist ja praktisch schon 50. Und noch immer ist nichts passiert, an dem du dich festhalten kannst. „Worauf wartest du eigentlich?“ Sie schlagen jetzt die Hacken zusammen. Sie schlagen jetzt auch Leute zusammen. Oder war das schon immer so? „Hey, lass uns ein Kunstmagazin gründen, das ,Vertrauen‘ heißt!“ Schleiertänze, Minuskurven, Hass. Und du ganz persönlich bist ja genauso umzingelt, du bist ja auch total abgebrannt und schon ganz dumm vor lauter Klugheit, da geht’s dir nicht anders als dem Globus, stimmt’s? Sind wir eigentlich in Berlin? Ist das Paris? „Mann, mach’ dich locker!“
Eine Topzeit für Topleute, so viel, was man intelligent kommentieren kann. Hilfe: Die Werbung ist auch nicht mehr das, was sie mal war! Resterampenära. Alles, wirklich alles gibt es woanders stets noch billiger. Man müsste … man sollte … aerodynamischer sein. Wir brauchen definitiv mehr Gleitgel. „Aber ich, ich, ich – ich begehre auf! Also: innerlich!“ Dabei wissen Hinz und Kunz und alle anderen doch ganz genau: Selbstschutz ist noch immer das beste Styling. ---

Nach dieser intensiven Sound-Bild-Collage kämen noch ein paar Sekunden Filmcredits zu „Gegenwart – the movie“ – und schließlich das Copyrightjahr: 1931.
„Fabian“ ist der erste und einzige Erwachsenenroman, den Erich Kästner (1899 – 1974) je geschrieben hat. Seinen Protagonisten Jakob Fabian, 32, Journalist und Werbetexter, jagt er durch ein aufgeheiztes, schrill-modernes Berlin. Hochintelligent und prekär entlohnt, ist Fabian immer auf der Suche nach Liebe, Arbeit, Sinn. Aber nichts davon erfüllt sich. Stattdessen ballen sich die Enttäuschungen, wachsen Ungeduld und Unbehagen – mit sich selbst, den anderen, der Welt. „Seelische Bequemlichkeit“ und „Trägheit der Herzen“: Fabian sieht viel, fühlt viel, analysiert viel – und weiß nicht, wie er angemessen reagieren soll. Finanzkollaps und Attentate, Dekadenz und Armut, Wollust und Unsicherheit, Eile und Hass: Sehr genau erspürte Erich Kästner die Krankheiten seiner Zeit, der späten Weimarer Republik.
Als „zarten Ironiker“ und „Fachmann für Planlosigkeit“ bezeichnet Fabian sich selbst. Es klingt wie die Selbstbeschreibung eines gewieften Facebook-Users. Immer wieder trifft man im Roman auf Figuren, die einem bekannt vorkommen: eilfertige Streber und eitle Bohemiens, zynische Medienmacher und erschöpfte Verlierer, korrupte Patriarchen und zweifelnde Romantiker. Und dann ist da noch dieser „neue Modetyp, die intelligente deutsche Frau“ – die Fabian zwar mehr begehrt als alle Partymädchen, die er zugleich aber fürchtet, weil sie ihm kalt und berechnend vorkommt. „Wir leben provisorisch, die Krise nimmt kein Ende“, sagt Fabian. Er wartet „auf den Sieg der Anständigkeit“ – und gibt ein Heidengeld für billige Vergnügungen aus. Er nennt sich „Moralist“ – und vögelt sich quer durch die Stadt. Nach heutigen Maßstäben müsste man ihn als „Empörten“ mit Borderlinesyndrom beschreiben – also als einen von uns.
Als „zarten Ironiker“ und „Fachmann für Planlosigkeit“ bezeichnet Fabian sich selbst. Es klingt wie die Selbstbeschreibung eines gewieften Facebook-Users. Immer wieder trifft man im Roman auf Figuren, die einem bekannt vorkommen: eilfertige Streber und eitle Bohemiens, zynische Medienmacher und erschöpfte Verlierer, korrupte Patriarchen und zweifelnde Romantiker. Und dann ist da noch dieser „neue Modetyp, die intelligente deutsche Frau“ – die Fabian zwar mehr begehrt als alle Partymädchen, die er zugleich aber fürchtet, weil sie ihm kalt und berechnend vorkommt. „Wir leben provisorisch, die Krise nimmt kein Ende“, sagt Fabian. Er wartet „auf den Sieg der Anständigkeit“ – und gibt ein Heidengeld für billige Vergnügungen aus. Er nennt sich „Moralist“ – und vögelt sich quer durch die Stadt. Nach heutigen Maßstäben müsste man ihn als „Empörten“ mit Borderlinesyndrom beschreiben – also als einen von uns.
Ganz klar registriert Fabian nicht nur Ausbeutung und Antisemitismus, sondern auch sein eigenes Versagen: „Ich kann vieles und will nichts. Wozu soll ich vorwärtskommen? Wofür und wogegen?“ Während sein bester Freund, der Jungakademiker Labude, sich in einer linken politischen Gruppe engagiert – vergeblich, wie er ahnt – und während die Agenturkollegen zu den Nazis überlaufen, verharrt er in einer seltsam unentschiedenen, mal weinerlichen, mal sarkastischen Beobachterposition. Er muss sehen, wie er durchkommt; da geht es ihm nicht anders als den hungerschlanken Dienstmädchen, denen er gierig hinterherschaut. Ansonsten trinkt, raucht und redet er viel.
Als „Demokratie ohne Demokraten“ haben Historiker die Weimarer Republik bezeichnet – als wankelmütiges, zweifelhaftes politisches System. Heute sprechen Politikwissenschaftler von der „Postdemokratie“ – und meinen damit unsere Gegenwart, in der „Finanzinspektoren“ ohne politische Legitimation in wackelnde Währungszonen entsandt werden, in der das Prinzip „Erbe“ eine wichtigere Rolle spielt als das Prinzip „Leistung“ und in der die Überlebensressource „Bildung“ nicht für jeden in vollem Umfang zugänglich ist. Die einen fürchten sich vor „Parallelgesellschaften“, die anderen vor „national befreiten Zonen“. Unterdessen steppt in Berlin der Arm-aber-sexy-Bär und tanzt der Welt ein supersympathisches Deutschland vor, das sich immer wieder neu erfindet.
Fabians ärgste Feinde sind nicht die dumpfen braunen Schläger. Die gefährlichsten Leute im Roman tragen Up-to-date-Anzüge und sauber gescheiteltes Haar. Es sind eilfertige Technokraten, die an „die Planwirtschaft des reinen Eigennutzes“ glauben. Quartalseifrige Speichellecker, fügsame Erfolgsmenschen, übereifrige Jasager, Leute, die sich nach einem großen, allumfassenden Aufräumen sehnen – damit es endlich weitergehen kann mit dem Fortschritt. „Runden Sie Ihre Persönlichkeit ab!“: So herrscht der Redakteur einer schmierigen rechtsnationalen Zeitung den arbeitslosen Fabian an – und stellt ihm eine bescheidene Festanstellung in Aussicht. „Arbeiten Sie an Ihrer Performance“: So klänge der Befehl heute. Aber Fabian lehnt ab. Lieber lebt er vom bescheidenen Taschengeld der Mama.
Ganz in Mamas Nähe geht Fabians wirres Glücksritterleben dann auch zu Ende: Auf dem Fußweg nach Hause sieht er, wie ein Junge in einen Fluss stürzt. Ohne nachzudenken springt er hinterher. Dabei schafft der kleine kerngesunde deutsche Bub es locker ganz allein ans Ufer. Von Fabian sieht man indes nichts mehr. Der letzte Satz des Romans lautet: „Er konnte leider nicht schwimmen.“
Zwei Jahre nachdem das Buch erschienen ist, deklarieren die Nazis es als „entartete Literatur“ und verbrennen es. Es folgt der schlimmste Terror, den der „Wartesaal Europa“ je erlebt hat. Hätte Fabian vielleicht doch etwas dagegen tun können? Das ist die Frage, die das unheimlich und unablässig plätschernde Wasser uns stellt, der schlammige deutsche Strom, in dem Fabian untergegangen ist – mit einem hübsch anzusehenden Erstaunen im Gesicht und etwas albern vor sich hin blubbernd.

Katja Kullmann (*1970) ist Schriftstellerin und Journalistin, verbrachte die Nullerjahre in Berlin und lebt heute in Hamburg. In ihren Essays, Erzählungen und Sachbüchern beschäftigt sie sich mit Geschlechterfragen und Gentrifizierung – und vor allem mit der neuen, prekären Arbeitswelt. Zuletzt erschien ihr Sachbuch „Echtleben. Warum es heute so kompliziert ist, eine Haltung zu haben“, außerdem die US-Reportage „Rasende Ruinen. Wie Detroit sich neu erfindet“. „Einer von uns“ ist ein Originalbeitrag für das Spielzeitheft 2012.2013.