Uraufführung 09.03.2019 › Kleines Haus 1

Früher war alles

Geschichten von Träumen und Abwicklungen aus Freital
von Dirk Laucke
In Kooperation mit der Großen Kreisstadt Freital
Handlung
Bürgerwehr und „Gruppe Freital“ – seit 2015 hat die Stadt ihren Ruf weg: als rechtes Nest. Den hatte sie nicht immer. Im Gegenteil: in den 1920er Jahren galt die Region um Döhlen gar als „Rotes Wien in Sachsen“, wo ein Leben frei von Unterdrückung und Ausbeutung möglich sein sollte. Ab 1947 waren die Freitaler*innen stolz auf den Wiederaufbau des Edelstahlwerkes, in dem fast 5000 Arbeiter*innen 300.000 Tonnen Walz- und Schmiedeprodukte pro Jahr herstellten. Die Wende 89/90 war da nicht nur ein Befreiungsschlag, sondern auch ein Einbruch. 1992 setzten sich die Stahlwerker*innen noch erfolgreich mit Protesten gegen eine Abwicklung durch die Treuhand zur Wehr. Doch von den bis dahin verbliebenen 2600 Angestellten waren 1997 nur noch 640 übrig. Blühende Landschaften waren verheißen worden, es folgten Kurzarbeit und die Sozialamtskutsche. Oder war doch nicht alles so schlimm?
Im Jubiläumsjahr von 30 Jahren Wiedervereinigung widmen wir uns der neueren Geschichte der Stadt Freital sowie den Geschichten ihrer Bewohner*innen und fragen nach deren individuellen Erfahrungen in den letzten drei Jahrzehnten. Durch Gespräche, Begegnungen und Recherche vor Ort bringt der in Sachsen geborene Dramatiker Dirk Laucke in einem Stücktext für die Bürgerbühne verschiedene Perspektiven und Erzählungen zusammen. Als Darsteller*innen wirken in diesem Mehrgenerationenprojekt interessierte Freitaler Bürger*innen mit, die auf der Bühne sich selbst und ihre Nachbar*innen verkörpern.
 
Wir suchen Menschen aller Generationen, die in Freital wohnen und Lust haben, in einem Theaterprojekt über ihre Stadt mitzuwirken. Ein Infotreffen findet am 24. August 2018 um 18.00 Uhr im Kulturhaus Freital, Lutherstraße 2 in Freital statt. Ein weiteres Infotreffen gibt es am 23. Oktober 2018 um 18.00 Uhr im Kleinen Haus Mitte. Geprobt wird im November 2018 sowie von Januar bis März 2019. Es sind keine Theatervorkenntnisse erforderlich.
Besetzung
Regie
Bühne
Dramaturgie
Nächste Termine
http://www.staatsschauspiel-dresden.de/
Staatsschauspiel Dresden
Theaterstraße 2, 01067 Dresden
23
Di
Okt
18.00 Uhr
Kleines Haus Mitte
Geschichten von Träumen und Abwicklungen aus Freital
von Dirk Laucke
Eintritt frei
Partner
In Kooperation mit der Großen Kreisstadt Freital
Interview

„WIR SPRECHEN JA TATSÄCHLICH EINE SPRACHE“

Ein Gespräch mit dem Dramatiker Dirk Laucke im Hinblick auf das Rechercheprojekt FRÜHER WAR ALLES. Geschichten von Träumen und Abwicklungen aus Freital
Deine Stücke befassen sich häufig mit der deutschen Gegenwart und dem Umgang mit den Gespenstern der Geschichte. Was ist der Motor für dein Schreiben, und wie findest du deine Themen?
DL Beim Schreiben treibt mich an, was ich selbst erlebt habe. Ich bin in Halle an der Saale aufgewachsen und habe als Kind die Wende mitbekommen. Ich war damals sieben, acht Jahre alt. In der Schule wurden manche Lehrer*innen ausgetauscht. Frau Müller war auf einmal nicht mehr die Direktorin, sondern Frau Schmidt. Da habe ich schon eine Verunsicherung gespürt. Meine Eltern haben ihren Job ver­loren. Papa war bei der Nationalen Volksarmee und musste sich dann „umorientieren“, meine Mutter hat ein halbes Jahr in Bayern gearbeitet... Auch andere Familienmitglieder wechselten die Berufe. Sie arbeiteten nicht mehr in der Stahlgießerei, sondern wurden Pflegekräfte. Manche hatten Häuser gebaut und sind dann krachen gegangen, diese typischen Existenzen, das habe ich alles mitbekommen.
Die Nachwendezeit hat meine Biografie geprägt, und ich schreibe darüber, weil Autoren über das schreiben sollten, was sie am besten kennen.
 
Welche Rolle spielt Recherche in deiner Arbeit?
DL Wenn ich mich mit einem Thema noch nicht gut genug auskenne, unterhalte ich mich gerne mit Leuten vor Ort und versuche, das Lebensgefühl einzufangen. Durch spontane Begegnungen und gemeinsam verbrachte Zeit fließen die Temperatur eines bestimmten Milieus oder die Stimmung eines Ortes viel direkter in einen Text mit ein, als wenn ich mich mit jemandem zu einem Interview verabrede. Dann erhalte ich nämlich nicht nur sozial erwünschte Antworten – Äußerungen, die normal und „anständig“ sind – sondern höre auf einmal Nuancen und Dinge, die nicht ausgesprochen werden, aber auch auf den Tisch gehören.
 
Wie stark bearbeitest du das vorgefundene Material anschließend?
DL Das Problem mündlicher Rede ist ja häufig, dass wir zu viele Worte benutzen. Meine schriftstellerische Aufgabe besteht also darin, Dinge auf den Punkt zu bringen, ohne sie zu verfälschen. Ich versuche, den Sprachgestus eines Menschen möglichst genau zu erfassen. Aus einer Labertasche mache ich keine wortkarge Person. Ich höre genau hin, wie jemand ist und übertrage dies dann in eine Kunstform.
 
Mit welchen Fragen gehst du nach Freital?
DL Ich interessiere mich für die Geschichte der Arbeit im ehemaligen „roten Wien Sachsens“ und wie die Einwohner von Freital diese wahrgenommen haben: den Abbau der Stahlwerke nach dem Zweiten Weltkrieg durch die Sowjetmacht und den Wiederaufbau in der DDR, wie die Wende erlebt wurde, ob sich die Freitaler gut genug repräsentiert fühlen in der heutigen BRD, ob es Defizite gibt in der Aufarbeitung der Leistungen und des Leidens der Leute, welche individuellen Brüche es vor und nach der Wende gab … Ich glaube, dass Antworten auf diese Fragen die entscheidende Aussagekraft besitzen, in welcher Welt wir heute leben – in Freital, in Sachsen und vielleicht in ganz Deutschland, wo die derzeitige Demo­kratie in die Krise geraten ist. Wichtig ist dabei, dass die Leute mit ihrer eigenen Perspektive zu Wort kommen.
Für viele Journalisten und Autoren wäre es vielleicht momentan ziemlich ver­lockend zu fragen: Wer kennt die „Gruppe Freital“? Wie haben sie ihre Sprengsätze gebastelt? Interessante Fragen, aber irgendwie auch ein bisschen einfach und sozialvoyeuristisch. So richtig es ist, die „Gruppe Freital“ und die Strukturen zu hinterfragen, ist für unsere Arbeit an der Bürgerbühne interessant, was für ein gesellschaftliches Klima dort herrscht. Unter welchen Umständen haben sich die Leute radikalisiert? Ist es wahr, dass soziale Abgehängtheit zu Radikalisierung führt, oder gibt es andere Gründe, übermäßige Identifikation mit der Heimat zum Beispiel?
Die Sächsische Staatsministerin für Gleichstellung und Integration, Petra Köpping, hat 2016 in einer Rede zum politischen Reformationstag gesagt: „Warum sind das Misstrauen in und die Distanz zu Demokratie und Politik in Sachsen und Ostdeutschland so groß? Woher kommt all die Wut? Weshalb sind Rechtspopulisten hier stärker als im Westen? Diese Fragen stellen sich derzeit viele Menschen in unserem Land. Und diese Fragen sind berechtigt! Ich glaube allerdings, dass wir keine vollständigen Antworten auf diese Fragen finden werden, wenn wir uns nicht gleichzeitig ehrlich und offen mit der Nachwendezeit beschäftigen. Viele wiederholen immer wieder die Floskel von den ‚Wendeverlierern‘. Doch keiner sagt, was das eigentlich bedeutet. Manche sprechen mit einem fast schon schmunzelnden Blick von ‚Pechvögeln‘. Und machten sie damit zu Fußnoten der Geschichte. Eine öffentliche Auseinandersetzung mit der Nachwendezeit, mit den vielfachen Schicksalsumbrüchen und Hoffnungen fand in den letzten Jahren hingegen kaum mehr statt. Niemand hat konkrete Probleme wirklich ernst genommen. Niemand hat die Lebensgeschichten gewürdigt. Niemand hat zugehört. Das ist bei vielen Menschen eine Kränkung, die bis heute wirkt.“
Wie ist deine Haltung dazu?
DL Einerseits hat Frau Köpping Recht, andererseits fühle ich mich fast ein bisschen persönlich beleidigt, weil ich diese Themen in meiner Arbeit vielfach genau so behandelt habe – die prekäre Zeitarbeit in der Nachwendezeit in der Region Bitterfeld und im Mansfelder Land zum Beispiel. Am Staatsschauspiel Dresden ging es 2009 in meinem Stück FÜR ALLE REICHT ES NICHT anlässlich von 20 Jahren Mauerfall auch schon um einen „Wendeverlierer“, der eine Panzerfahrschule aufmachen möchte. Und sogar die Flüchtlingsfrage spielte in diesem Text bereits eine zentrale Rolle. So gesehen gibt es also schon manchmal Leute, die zuhören und darüber schreiben. Auch der Kollege Thomas Freyer zählt dazu. Mir ist das schon lange ein Anliegen und es kam mir sogar eine Zeit lang nervig vor, dass ich mich immer damit beschäftige.
 
Du arbeitest und recherchierst in ganz Deutschland. Welche Unterschiede stellst du fest in Bezug auf Geschichten, die sich mit dem Osten Deutschlands befassen?
DL Mittlerweile werden meine Stücke, die häufig im Osten spielen, woanders seltener aufgeführt. Das war früher mal anders. Da war das noch interessant für den Westen. Jetzt gibt es dort womöglich andere Konflikte, über die man sich mehr Gedanken macht. Ich glaube, viele Menschen im Westen haben kein richtiges Bild davon, wie es in den abgehängten Gebieten im Osten ist, in der Uckermark, in der Sächsischen Schweiz, in Zittau, Gera oder Altenburg. Es gibt viele Gegenden, wo keiner hinfahren möchte. Deswegen finde ich es wichtig, darüber zu sprechen und zu schreiben. Wobei sich manche Regionen im Osten und Westen gar nicht so sehr voneinander unterscheiden. Dinge, die im Osten mit der Wende weggefegt wurden, sind im Westen durch den sogenannten Strukturwandel gekommen. Die Werke wurden nach China verkauft. Die Ossis haben damals gesagt: „Das ist jetzt der Systemwechsel. Wir wurden ausverkauft. Beschissen haben sie uns.“ Aber was sagt der Wessi, für den das System jahrzehntelang funktioniert hat? Nach dreißig, vierzig Jahren wirst du von dem System, das dir vielleicht ein Auto und ein Haus ermöglicht hat, nicht beschissen, sondern im Stich gelassen. Das ist nochmal was anderes. Im Ruhrgebiet versuchen die Menschen immer noch, das zu verarbeiten. Und diese Suche nach Lösungen gibt es auch im Osten. Im Prinzip haben die Menschen mit ähnlichen Phänomenen zu tun.
 
Glaubst du, dass aus diesen ähnlichen Erfahrungen Solidarität entstehen könnte, eine Art Verbundenheit zwischen Menschen im Osten und Westen?
DL Das könnte sein. Ich bin mal mit dem Zug aus dem Ruhrgebiet zurück nach Berlin gefahren. An dem Tag hat Borussia Dortmund gegen Hertha gespielt. Ich war in einem Abteil mit typischen BVB-Fans, Arbeitern, und die haben Arbeitermusik gehört – also guten, alten Rock – und Bierchen gezischt und waren gut gelaunt, und alles war super. Plötzlich spielte einer „Am Fenster“ von City. Da wurde ich hellhörig, weil das der Ostrock-Klassiker ist. Sein Kumpel wollte weiterklicken, weil er die Musik nicht kannte. Da sagte der andere: „Ja, ja, das ist aus dem Osten, aber hör mal zu, das ist richtig cool ...“ Und dann haben die das ganze Lied gespielt. Da dachte ich, wir sprechen ja tatsächlich eine Sprache.
Das Problem ist immer, wenn man abgeschlossen im Osten bleibt. Dann hat man nicht so viel Austausch. Das hat sich immer noch nicht so richtig geändert. Und das sollte sich mal ändern.
 
Die Fragen stellte der Dramaturg David Benjamin Brückel.