Premiere 04.10.2014 › Schauspielhaus

Drei Schwestern

von Anton Tschechow
Deutsch von Angela Schanelec nach einer Übersetzung von Arina Nestieva
Auf dem Bild: Ina Piontek, Lea Ruckpaul, Yohanna Schwertfeger
Foto: Matthias Horn
Auf dem Bild: Yohanna Schwertfeger, Lea Ruckpaul, Kilian Land, Ina Piontek, Jonas Friedrich Leonhardi
Foto: Matthias Horn
Auf dem Bild: Matthias Reichwald, Holger Hübner, Kilian Land, Albrecht Goette, Lea Ruckpaul, Yohanna Schwertfeger, Jonas Friedrich Leonhardi
Foto: Matthias Horn
Auf dem Bild: Matthias Reichwald, Yohanna Schwertfeger
Foto: Matthias Horn
Auf dem Bild: Matthias Reichwald, Ina Piontek, Lea Ruckpaul (Irina), Brigitte Wähner
Foto: Matthias Horn
Auf dem Bild: Holger Hübner, Matthias Reichwald, Lukas Mundas, Lea Ruckpaul, Kilian Land, Antje Trautmann
Auf dem Bild: Yohanna Schwertfeger, Holger Hübner, Jonas Friedrich Leonhardi, Ina Piontek, Lea Ruckpaul, Matthias Reichwald
Foto: Matthias Horn
Auf dem Bild: Matthias Reichwald, Ina Piontek, Lukas Mundas, Antje Trautmann, Thomas Braungardt, Lea Ruckpaul, Albrecht Goette, Jonas Friedrich Leonhardi, Holger Hübner, Yohanna Schwertfeger
Foto: Matthias Horn
Auf dem Bild: Antje Trautmann, Thomas Braungardt
Foto: Matthias Horn
Auf dem Bild: Jochen Kretschmer, Thomas Braungardt
Foto: Matthias Horn
Auf dem Bild: Albrecht Goette, Antje Trautmann, Yohanna Schwertfeger, Lukas Mundas, Jonas Friedrich Leonhardi, Lea Ruckpaul, Thomas Braungardt
Foto: Matthias Horn
Auf dem Bild: Lea Ruckpaul, Jonas Friedrich Leonhardi, Holger Hübner
Foto: Matthias Horn
Auf dem Bild: Lea Ruckpaul, Ina Piontek, Yohanna Schwertfeger
Foto: Matthias Horn
Auf dem Bild: Thomas Braungardt, Yohanna Schwertfeger, Albrecht Goette
Foto: Matthias Horn
Auf dem Bild: Matthias Reichwald
Foto: Matthias Horn
Auf dem Bild: Matthias Reichwald, Lea Ruckpaul, Yohanna Schwertfeger, Ina Piontek, Jonas Friedrich Leonhardi
Foto: Matthias Horn
Auf dem Bild: Yohanna Schwertfeger, Ina Piontek, Matthias Reichwald, Albrecht Goette, Jonas Friedrich Leonhardi, Thomas Braungardt, Kilian Land, Lea Ruckpaul (Irina), Holger Hübner
Foto: Matthias Horn
Auf dem Bild: Matthias Reichwald, Ina Piontek, Lukas Mundas, Kilian Land, Lea Ruckpaul, Jonas Friedrich Leonhardi, Holger Hübner, Yohanna Schwertfeger
Foto: Matthias Horn
Auf dem Bild: Albrecht Goette
Foto: Matthias Horn
Auf dem Bild: Lea Ruckpaul
Foto: Matthias Horn
Handlung
Mascha, Olga und Irina wollen nach Moskau gehen, und sie haben allen Grund dazu. Seit mehr als zehn Jahren leben die drei Schwestern in der kleinen Provinzstadt, deren einzige Attraktion das ansässige Offizierskorps ist. Irina, die jüngste, fühlt sich zur Untätigkeit verdammt. Mascha ist mit dem ihr unerträglichen Kulygin verheiratet. Und Olga reibt sich als Lehrerin auf. Aufgewachsen sind die drei Schwestern in Moskau, und Moskau ist ihre Hoffnung. Jetzt, ein Jahr nach dem Tod des Vaters, wäre ein guter Zeitpunkt aufzubrechen. Doch der Rückweg scheint verbaut.
Anton Tschechows Figuren, die sich auch nach über hundert Jahren ungemeiner Beliebtheit erfreuen, erzählen viel und hören wenig zu. Sie sprechen fast immer von sich, und Tschechow lässt sie, auch wenn sie still sind, in ihrem Innern weitererzählen. An passender oder unpassender Stelle trifft man sich dann wieder an der hörbaren Oberfläche der Konversation. In „Drei Schwestern“ ist das Lautwerden innerer Monologe und die daraus resultierende Fragmenthaftigkeit der Rede ­besonders eindrucksvoll, in komischer wie tragischer Hinsicht. Eine Gesellschaft der Überflüssigen – sei es aus Altersgründen, aufgrund der ökonomischen Situation oder einer unglücklichen Liebe – bewahrt ihr Selbstwertgefühl im Gespräch. Und stets ist Moskau nicht weiter als einen Gedanken entfernt.
Tilmann Köhler, der am Staatsschauspiel Dresden zuletzt bei den Produktionen „King Arthur“ und „Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui“ Regie führte, nimmt die Beobachtungen, Erinnerungen und Erfahrungen in den Blick, die jenseits von Erfolg und Aktivität liegen.
Besetzung
Regie
Tilmann Köhler
Bühne
Karoly Risz
Kostüme
Susanne Uhl
Musik
Jörg-Martin Wagner
Licht
Michael Gööck
Dramaturgie
Janine Ortiz
Andrej Sergejewitsch Prosorow
Thomas Braungardt
Natalja Iwanowna, Prosorows Braut, später seine Frau
Antje Trautmann
Olga
Ina Piontek
Mascha
Yohanna Schwertfeger
Irina
Lea Ruckpaul
Fjodor Iljitsch Kulygin, Gymnasiallehrer, Maschas Mann
Alexander Ignatjewitsch Werschinin, Oberstleutnant und Batteriekommandeur
Nikolai Lwowitsch Tusenbach, Leutnant
Jonas Friedrich Leonhardi
Wassilij Wassiljewitsch Soljony, Stabshauptmann
Kilian Land
Iwan Romanowitsch Chebutykin, Militärarzt
Alexej Petrowitsch Fedotik, Unterleutnant
Lukas Mundas
Ferapont, Bote der Landesverwaltung
Jochen Kretschmer
Anfissa, Kinderfrau
Brigitte Wähner
Musiker
Florian Lauer, Georg Wieland Wagner
Video
Drei Schwestern und ich

Entweder man weiß,
wozu man lebt, oder
es ist alles Quatsch,
Blablabla.

Der Autor Wladimir Kaminer erzählt von der russischen Lust an der Sehnsucht und einem Leben ohne Konzept
Als Tontechniker in einem Moskauer Theater begleitete ich in den 1980er-Jahren mehr als 200 „Drei Schwestern“-Aufführungen und bin dadurch beinahe zum Jungalkoholiker geworden. „Die Musik spielt so lustig, so fröhlich, es scheint noch ein wenig, und wir werden verstehen, wozu wir gelebt, wofür wir gelitten haben! Wenn man nur wüsste, wenn man nur wüsste.“ Die Schauspielerin, die eine der drei Schwestern spielte, verzehrte sich auf der Bühne, die anderen Bühnenkollegen machten Faxen, das Publikum, durch die verzweifelte Schwester an die Sinnlosigkeit des eigenen Seins erinnert, schluchzte.
Ich saß auf dem Balkon, als Tontechniker war ich für die musikalische Begleitung des Stückes zuständig. Statt Musik liefen während des ganzen Dramas und beim Finale Feuerwehrglocken vom Band. Die Kleinstadt, in der die Schwestern lebten, brannte, aber sie brannte sehr langsam. Sie qualmte vielmehr wie ein brennendes Torfmoor. Immer wieder stiegen giftige Wolken von der Hinterbühne auf. Mein Kollege, der Lichttechniker, der die ganze Zeit neben mir saß, weinte am Ende ebenfalls wie ein Krokodil, das seine Eier vergraben und vergessen hat, wo. Obwohl er,
genau wie ich, die „Drei Schwestern“-Aufführung schon mindestens 200-mal gesehen hatte, konnte er sich im Finale doch nicht einkriegen. Die Aufführung war lang, sie ging erst kurz vor Mitternacht zu Ende. Der Lichttechniker hatte Angst, allein nach Hause zu fahren, stattdessen gingen wir zusammen ins Restaurant „Der Schauspieler“, das einzige, das so spät in Moskau noch auf hatte, und tranken dort selbsterfundene „Drei Schwestern“-Cocktails: Orangenlikör mit Wodka vermischt, dazu eine Salzgurke. Das sinnlose Leiden der Schwestern machte uns platt. Wenn man nur wüsste, warum die Schwestern litten, warum alle Russinnen und Russen litten, das ganze Land um uns herum. Diese schönen jungen Frauen, gebildet und begabt, wussten nicht, wohin mit sich. Die Männer, die sie umgaben, waren uniformiert und infantil. Die ewig qualmende Kleinstadt, in der sich alles kannte und grüßte und in der sich doch jeder endlos einsam fühlte, taugte als Ebenbild unseres Landes, von der restlichen Welt isoliert, von ideologischen, geografischen, politischen Mauern und Barrieren eingekesselt, von jedem Wind der Veränderung geschützt. Im Stück träumten die Schwestern von Moskau, in ihrer Vorstellung war Moskau eine andere Welt, in der alle ihre Wünsche und Hoffnungen wahr werden konnten, in der sie sich als attraktive, aktive Bürgerinnen ausleben konnten.
Zum Glück war für sie Moskau unerreichbar, für immer ein Traum. Wir saßen dagegen in der Hauptstadt am wichtigsten Platz, im Restaurant „Der Schauspieler“, und wussten daher, dass diese Stadt genauso versumpft ist wie das Land draußen, wenn nicht noch mehr. Wir träumten von weiten Reisen, unser Moskau war London, Paris, Berlin. Es ist längst bekannt, dass Menschen immer dort das Paradies vermuten, wo sie nicht sind. Das Kulturministerium war mit unserer „Drei Schwestern“-Inszenierung unzufrieden. Zu wenig Optimismus, meinten sie, anstatt die Menschen in ihrem positiven Lebensgefühl zu stärken, was die eigentliche Aufgabe der Kunst sei, sät eurer Tschechow nur Zweifel und Zukunftsangst. Die Theaterdirektion hatte dauernd Probleme mit der Interpretation von Tschechows Werken. Auch achtzig Jahre nach seinem Tod galt Tschechow noch als Dissident, ein ungewöhnlicher Fall für die russische Literatur. Diese Literatur ersetzte lange Zeit in Russland die bürgerliche Gesellschaft, die Politik, die Theologie und die Philosophie, sie ersetzte die öffentliche Meinung, sie sprudelte vor Ideen, vor Offenbarungen und Sinn. Ob Tolstoj oder Dostojewskij, jeder anständige große russische Schriftsteller hatte ein Rezept zur Rettung Russlands und folglich der Welt, er wusste, worin der richtige Glaube sich vom falschen unterscheidet, was böse und was gut war, was man zu tun und wie man zu sterben hatte. Die Literatur in Russland war diktatorisch, totalitär, wegweisend. Erst mit Tschechow kam eine andere Literatur – eine Literatur des Zweifelns und des Grübelns – auf. Tschechows Botschaft konnte man in einem Wort zusammenfassen, sie lautete: „Zweifelt!“
Während die Helden der großen russischen Romane nach alles umfassenden Lebenskonzepten gierten, litten die Tschechow’schen Helden unter der Last allzu schwerer Ideen und Konzepte. Tschechow selbst trat für ein Leben ohne Konzept ein. Nicht der Inhalt der großen, die Menschheit errettenden Ideen störte ihn, sondern der Umgang mit diesen Ideen, der Eifer, den die Menschen an den Tag legten, um diese Ideen und Konzepte zu verwirklichen. Besonders skeptisch war Tschechow Politikern und Hellsehern gegenüber, die Visionen hatten und oft und gerne über die Zukunft anderer Menschen und ihrer Länder plauderten. Tschechow bezweifelte, dass Menschen fähig sind, auch nur einen Tag ihres Lebens zu verstehen, ganz zu schweigen davon, dass sie fähig sind, in die Zukunft zu blicken. „Dafür hat der Mensch zu wenig Wissen und Gewissen“, schrieb er. Man muss dazu sagen, dass Russland, damals wie heute, ein sehr fruchtbarer Boden für alle möglichen Ideen ist, für die Ideen von sozialer Gerechtigkeit, von Marxismus und Anarchismus, von allen möglichen Konzepten zur Beglückung der Menschheit. Was meinen Landsleuten im Umgang mit solchen Konzepten fehlt, ist der notwendige Abstand, die Skepsis, die innere Freiheit, das Wissen um die Beschränktheit jeder Theorie und jedes Glaubens. Jemand, der seine Idee oder seinen Glauben für der Weisheit letzten Schluss hält, kann kein freier Mensch sein, er verwandelt sich in einen Sklaven seiner Überzeugungen. Er muss immer im Recht sein und ist nicht bereit, sein Recht mit dem Recht des anderen zu teilen. „Wer von sich behauptet, alles zu wissen und zu verstehen, ist entweder ein Dummkopf oder ein Scharlatan“, schrieb Tschechow einmal in einem Brief. Er suchte nach dem verbindenden Element, nach etwas, was die Menschen zusammenbrachte. Es war nicht der Reichtum, nicht das Wissen, sondern die Schwere des Lebens, sie machte die Menschen solidarisch. Und was die Bedeutung des Lebens betrifft, nicht immer hat ein konkretes Leben einen ausgeprägten Sinn. Aber jedes Leben hat seine Gründe und Abgründe. Heute, so bilde ich mir ein, hätten die drei Schwestern mehr Sinn im russischen Leben gefunden. Sie wären wahrscheinlich in die Politik gegangen und hätten eine kompromisslose Opposition zu den heutigen Machthabern gegründet. Dann hätten sie, wer weiß, an den Präsidentenwahlen 2017 teilgenommen und dreimal so viele Stimmen wie der amtierende Präsident bekommen. Sicher wäre es für Russland ein Segen, wenn das Land nicht von KGB-Offizieren aus dem vorigen Jahrhundert, sondern von den drei Schwestern regiert würde. Wären die drei Schwestern vor zwei Jahren nach Moskau gefahren, wären sie heute wahrscheinlich Pussy Riot.


Wladimir Kaminer ist privat ein Russe und beruflich deutscher Schriftsteller und Kolumnist russisch-jüdischer Herkunft. Seine Romane wie „Militärmusik“ und der Erzählband „Russendisko“ machten ihn international bekannt.