Premiere 20.11.2010 › Schauspielhaus

König Oedipus

Tragödie von Sophokles
in der Übersetzung von Friedrich Hölderlin („Oedipus der Tyrann“)
Auf dem Bild: Christian Friedel, Benjamin Pauquet, Sophia Löffler, Ina Piontek, Lore Stefanek, Philipp Lux, Christian Clauß
Foto: Matthias Horn
Auf dem Bild: Christian Friedel
Foto: Matthias Horn
Auf dem Bild: Ina Piontek, Christian Friedel, Sophia Löffler, Benjamin Pauquet, Christian Clauß
Foto: Matthias Horn
Auf dem Bild: Sophia Löffler, Ina Piontek, Christian Clauß, Benjamin Pauquet
Foto: Matthias Horn
Auf dem Bild: Christian Friedel, Philipp Lux
Foto: Matthias Horn
Auf dem Bild: Lore Stefanek, Christian Friedel
Foto: Matthias Horn
Auf dem Bild: Lore Stefanek, Christian Friedel
Foto: Matthias Horn
Auf dem Bild: Christian Friedel
Foto: Matthias Horn
Auf dem Bild: Christian Friedel, Lore Stefanek, Ensemble
Foto: Matthias Horn
Auf dem Bild: Ina Piontek, Lore Stefanek, Christian Friedel, Christian Clauß
Foto: Matthias Horn
Auf dem Bild: Lore Stefanek, Christian Friedel
Foto: Matthias Horn
Auf dem Bild: Lore Stefanek, Christian Friedel
Foto: Matthias Horn
Auf dem Bild: Christian Friedel
Foto: Matthias Horn
Auf dem Bild: Christian Friedel
Foto: Matthias Horn
Auf dem Bild: Christian Friedel
Foto: Matthias Horn
Auf dem Bild: Christian Friedel, Ina Piontek
Foto: Matthias Horn
Auf dem Bild: Sophia Löffler, Christian Friedel, Ina Piontek, Christian Clauß, Benjamin Pauquet
Foto: Matthias Horn
Handlung
Überheblichkeit erzeugt Tyrannen Oedipus, der einst gefeierte Held Thebens, steht alleine vor den Trümmern seiner ihm unbekannten eigenen Geschichte. Das Volk, das ihn einst für die Befreiung Thebens gefeiert und zum König gemacht hatte, droht sich von ihm abzuwenden. Theben steuert auf eine Katastrophe zu. Stürme verheeren die Stadt, die Frauen gebären keine Kinder mehr, Felder und Weiden sind unfruchtbar. Das alles kann kein Zufall sein. Offenbar zürnen die Götter. Folge menschlichen Verschuldens ... Ursache – so ­erklärt das Orakel – ist der unentdeckte Mörder des vorigen Herrschers von Theben. Oedipus war nach dem Mord an dem alten Herrscher in die Stadt gekommen und hatte das Rätsel der Sphinx gelöst. Nun aber steht er ratlos vor den neuen Herausforderungen. ­Oedipus, der inzwischen die Witwe von Laios geheiratet hatte, versucht nun, einen schonungslosen Aufklärungsprozess in Gang zu setzen, der tatsächlich innerhalb von wenigen Stunden die unangenehme und alle völlig überraschende Wahrheit ans Licht bringt. Oedipus  hatte seinen eigenen, ihm unbekannten Vater erschlagen und seine Mutter geheiratet.
Mit „König Oedipus“ widmet sich Hausregisseur Tilmann Köhler nach Stücken von Brecht, Horváth und Tschechow der vielleicht berühmtesten Legende der Antike. Immer wieder wurde der Mythos als Beginn der modernen Kultur- und Geistes­geschichte  beschrieben. In dieser Tragödie werden wesent­liche Grundkonflikte des Menschen exemplarisch verhandelt: wie zwiespältig der Glaube an Götter und Orakel, aber auch der Wissensdrang des Menschen sein kann, wie zerbrechlich menschliches Glück ist – und wie Menschen unschuldig schuldig werden können. All das wirkt modern, geradezu heutig. Doch eine irritierende Differenz bleibt: Schuld auf sich zu ­nehmen, ist dem modernen Menschen selbst fremd geworden.
Besetzung
Regie
Tilmann Köhler
Bühne
Karoly Risz
Kostüme
Susanne Uhl
Musik
Jörg-Martin Wagner
Dramaturgie
Jens Groß
Licht
Michael Gööck
Ein Diener / Chor von thebanischen Alten
Ina Piontek
Kreon / Ein Bote aus Korinth
Tiresias / Jokasta / Ein Hirte
Lore Stefanek
Chor von thebanischen Alten
Christian Clauß, Sophia Löffler, Benjamin Pauquet
Musiker (Klangstein)
Hannes Feßmann
Video
Über Tilmann Köhler

Mit körperlicher Wucht, Intensität und Ernsthaftigkeit

Über das Theater des Regisseurs Tilmann Köhler
von Klaus Völker
Dieser Text ist ein Auszug aus der Laudatio, die Klaus Völker anlässlich der Verleihung des Kurt-Hübner-Regiepreises für junge Regisseure 2009 an Tilmann Köhler im März 2010 in Bensheim hielt.

Den Kurt-Hübner-Preis 2009 erhält Tilmann Köhler für seine Inszenierung von Bertolt Brechts Schauspiel „Die heilige Johanna der Schlachthöfe“ am Staatsschauspiel Dresden. Tilmann Köhler ist 30 Jahre alt, er wurde im Dezember 1979 in Weimar geboren und studierte von 2001 bis 2005 Regie an der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ in Berlin. Eine Inszenierung des Regiestudenten Köhler, „Die Choephoren“, der Mittelteil der „Orestie“ von Aischylos, war 2004 im Parktheater Bensheim zu sehen, die Aufführung erhielt in jenem Jahr den Bensheimer Theaterpreis. Für seine Diplominszenierung wählte Köhler dann die rigorose und von tiefer Leidenschaft durchglühte Kleist’sche Tragödie „Penthesilea“, die er mit einer Gruppe mitverschworener Schauspielabsolventen seines Jahrgangs sprach- und spielwütig auf die Bühne brachte. Von einer Stelle aus Kleists Tragödie, die vom ungerechtfrühen Vergehen jugendlicher Energie und Vitalität handelt, war er ganz besonders beeindruckt: „Die abgestorbene Eiche steht im Sturm, doch die gesunde stürzt er schmetternd nieder.“ War solche Haltung radikal jung? Mir erschien der Ernst, mit dem das „Penthe­silea“-Team damals an die Arbeit ging, als das Bewundernswerte; Regisseur und Darsteller brannten alle leidenschaftlich für die Sache und verfassten auch ein, sicher humorloses, Manifest gegen die, die ironisches und zynisches Theatermachten und klüger als die Autoren sein wollten: „Wir werden mit unseren Versuchen selber auf die Fresse fallen und uns nicht von Resignierten den Sturz aufzwingen lassen.“

„Penthesilea“ war ein großer Erfolg – die Besessenheit für den Text überzeugte, die körperliche Wucht und Intensität, die geradezu beängstigende Gewaltsamkeit und Unbedingtheit der Gefühle gingen einem nahe, schlugen in Bann, überrumpelten den Zuschauer aber nicht, sondern verdeutlichten, dass es hier um Dichtung und um eine Kunst ging, die kein „richtig“ oder „falsch“ kennt: „Es gibt nur ein Lebendig und ein Tot.“ Der Weimarer Intendant Stefan Märki zögerte nicht lange, erengagierte Köhler und seine Gruppe ab der Spielzeit 2005.2006.

Der Start von Tilmann Köhler am Nationaltheater Weimar war fulminant: Er inszenierte hier mit wunderbarer Zartheit und gewaltigem Theaterzauber Jewgenij Schwarz’ Märchenkomödie „Der Drache“ und Shakespeares „Othello“. Fast ohne Requisiten kommt das Theater des Tilmann Köhler aus, er bringt die Körper der Schauspieler ins Spiel. Sehr überzeugend gelang ihm das mit der Inszenierung von Ferdinand Bruckners Tragödie „Krankheit der Jugend“, mit der er 2007 zum Berliner Theatertreffen eingeladen wurde. Die Bühne, wie immer bei Tilmann Köhler von Karoly Risz entworfen, war ein fahlblau ausgeleuchtetes Spielfeld, eine Art Schwimmbecken und gleichzeitig Anatomiesaal, in den die Zuschauer von vier Seiten herabblickten, in der Mitte ein Seziertisch auf Rädern, darauf ein Mädchenkörper, über den sechs junge Menschen schnüffelnd und knabbernd sich hermachten. Eine „dumb show“ wie im elisabethanischenTheater, die das böse Ende vorweg nahm. Dann wurde die Geschichte der Wohngemeinschaft von sieben Studenten, ihren exaltierten und chaotisch ineinander verknoteten Liebes- und Abhängigkeitsverhältnissen erzählt wie ein höllischer Reigen flüchtiger Beziehungen und verfehlter Sehnsüchte.

Sogleich erklärte die Fachzeitschrift „Theater heute“ Köhler auch zum „jungen Shooting Star“, dessen Erfolgsstory „das Zeug zur Legendenbildung“ habe. So übereilt und schnell die überregionale Kritik ihn nun abfeierte und ihn als „das Glück von Weimar“ bezeichnete, so schnell war er für die, die ihn eben noch priesen, gealtert; einer, dessen Theaterzauber und Energie sie zwar noch hervorhoben, aber schon bald „ermüdend“ fanden. Er war dann eben nur ein „Hausregisseur“ in Weimar, der nicht nur seinen Schauspielern Matthias Reichwald, Antje Trautmann, Thomas Braungardt, Ina Piontek, Eve Kolb und Paul Enke die Treue hielt, sondern auch dem etwa gleichaltrigen Autor Thomas Freyer. Von ihm inszenierte er drei Stücke: den Erstling „Amoklauf mein Kinderspiel“, dann „Separatisten“ und im November 2008 in Hannover auch Freyers eine völlig aussichtslose Separatistenwelt darstellende Kindertragödie „Und in den Nächten liegen wir stumm“. Diese Stücke nur zu lesen genügte Tilmann Köhler nicht, es lockte ihn, mehr von den Ängsten und Sehnsüchten junger Menschen von heute zu erfahren, um Stücke und Figuren anderer Zeiten,die ihm mehr bedeuten, damit aufzuladen und näher an die Gegenwart heranzuholen.

Der Neuanfang 2009 in Dresden mit Brechts „Die heilige Johanna der Schlachthöfe“ hat die gleiche zupacken­de Kraft und Entschiedenheit, mit der uns Köhler Sprache und Welt der Stücke von Kleist, Shakespeare oder Ferdinand Bruckner nahebrachte. Mit der „Johanna der Schlachthöfe“ lieferte Brecht 1931/32 die Synthese seiner Lehrstücke, die Parodie einerklassischen Tragödie (nämlich der Schiller’schen „Jungfrau von Orleans“) und einen parodistischen Kommentar zur Rettung Fausts, damit „die heutige Entwicklung des faustischen Menschen“ zeigend. Indem er klassische Formen parodierte, schuf Brecht sich eine Möglichkeit, die Weltwirtschaftskrise und die schwer durchschaubaren Marktmechanismen in einer Bühnenhandlung darzustellen. Mit großem Ernst und hohem sprachlichem Pathos. Dem Stück und der Sprachkraft Brechts trauend, lieferte Tilmann Köhler als einziger der Regisseure, die Brechts „Heilige Johanna“ als aktuelles Drama zur Finanzkrise in dieser Spielzeit auf die Bühne brachten, ein aufregendes Gegenwartsstück mit politischer Brisanz, ohne jede Besserwisserei.
Christine Dössel beschrieb die Aufführung in der Süddeutschen Zeitung sehr treffend: „Tilmann Köhler geht den Stoff mit einer solchen Wucht, Wut und Ernsthaftigkeit an, als gelte es, nicht nur unsere Gegenwart knallhart darin zu spiegeln, sondern dezidiert auch Brecht zu rehabilitieren. Zwar vermeidet Köhler den Agitprop und reizt auch sonst den Belehrungsdrang des epischen Theaters nicht aus, doch so nah am Wort und ohne aktualisierende Eingriffe, wie er das Stück in fast ungekürzter Länge inszeniert, spricht das für ein großes Textvertrauen – auch wenn die Schauspieler zwischendurch schon mal mit einem ‚Verstehst du das jetzt?‘ die Abläufe hinterfragen. Köhler geht mit seinem hochenergetischen Ensemble in den Text, ohnevorzugeben, selber mehr zu wissen. Die Authentizität dieser Suche vermittelt sich: es ist eine tolle Inszenierung mit starken, bezwingenden Bildern und einem fulminanten Chor- und Körpereinsatz des Ensembles.“

Tilmann Köhler ist seit 2009 Hausregisseur am Staatsschauspiel Dresden und, zusammen mit Jens Groß, verantwortlich für die Leitung des Schauspielstudios Dresden der Hochschule für Musik und Theater „Felix Mendelssohn Bartholdy“ Leipzig. Im März 2010 hatte die erste Regiearbeit Köhlers mit den ihm anvertrauten Studierenden Premiere: „Italienische Nacht“ von Horváth. Außer dass zu Beginn mit filmischen Bildern von den Aufmärschen der Neonazis in Dresden der Gegenwartsbezug hergestellt wird und gleichzeitig das junge zehnköpfige Ensemble in heutiger Kostümierung mit Transistorradios Aufstellung nimmt, verzichtet Köhler auf jede Art von Aktualisierung und vertraut ganz dem Stück und der Sprache seiner Figuren. Und dadurch ergibt sich eine Wirkung wie von heute. Die Akrobatik, der körperliche Einsatz, das Sportive und der enorme Schwung der Spieler verselbstständigen sich nie. Besser als Irene Bazinger in der FAZ kann man es nicht beschreiben: „Die Darsteller, zum Teil in mehreren Rollen, legen ein hohes Tempo und viel Witz an den Tag und werden von Köhler in griffigen, einfallsreichen Choreographien – ganz im Sinne des Autors – sehr stilisiert geführt.“

Tilmann Köhlers Inszenierungen haben kein stilistisches Markenzeichen, aber sie tragen die Handschrift der Körper seiner Schauspieler, ihres körperbetonten Spiels. Vorbilder, die seine Arbeit als Regisseur beeinflusst haben, sind vor allem die ungestümen Energien und der Formenreichtum der Aufführungen von Ariane Mnouchkine und des Tanztheaters von Alain Platel. Und prägend war die Begegnung mit Peter Zadek in einemTheaterregieseminar während Köhlers Ausbildung. Wie wichtig sie für ihn war, hielt er 2003 in einem Bericht fest: „Genau dieser konzentrierte Raum, die sensible Atmosphäre dieserTage sind die entscheidenden Dinge, die ich aus diesen drei Wochen für meine Arbeit mitgenommen habe. Eine Konzentration, die es ermöglichte, eine große Nähe zu den Schauspielern aufzubauen. Auf die Suche zu gehen nach den Besonderheiten jedes einzelnen Spielers. Eine Nähe zu Tschechow zu entdecken. In den faszinierenden Kosmos der Figuren des ‚Kirschgartens‘ einzutauchen, die so viel Freiheit zu geben scheinen und trotzdem nur einen möglichen Weg zulassen, ihre Geschichte zu erzählen. Und letztendlich eine Begegnung mit dem Motor dieser ganzen Veranstaltung zu haben – Peter Zadek. Ich erlebte einmal, wie er mit der Schauspielerin arbeitete, die die junge Tochter im ‚Kirschgarten‘ spielte. Es ging nur um einen Blick, wenn sie den Firs ansieht, und Peter Zadek meinte zu ihr, dass sie sogar weinen könnte, wenn sie diesen alten Mann sieht. Dann sagte er ihr, dass das nicht jetzt passieren muss, auch nicht in den nächsten zwei Tagen. Im nächsten Durchlauf weinte sie, und es entstand ein ganz wertvoller Moment, völlig frei von dem Druck, etwas produzieren zu müssen. Für mich war das eine der fundamentalsten Erkenntnisse dieser Werkstatt: dass die Kunst der Regie viel weniger in dem liegt, was man sagt, als in dem, wann man einem Schauspieler etwas mitgibt, wann man eine Szene unterbricht. Diese Ehrfurcht vor dem Schaffensprozess des Schauspielers, vor der Fantasie des Einzelnen und der Suche nach denEigenheiten sind Gedanken, die mich seither begleiten, und sie haben Maßstäbe gesetzt für das Theater, das ich machen will.“

Was Tilmann Köhler über seine Theatervorstellungen notiert hat, finde ich in seinen Inszenierungen schönstens beherzigt und weiterentwickelt. Seine nächste Dresdner Regiearbeit ist nun Tschechows Komödie „Der Kirschgarten“.

Der Theaterhistoriker, Dramaturg und Publizist Klaus Völker war von 1993 bis 2005 Rektor der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ in Berlin. Seit 2007 ist er Juror des Förderpreises für junge Regisseure der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste.