Premiere 09.03.2013 › Schauspielhaus

Leben des Galilei

Schauspiel von Bertolt Brecht
Musik von Hanns Eisler
Mitarbeit: Margarete Steffin
Auf dem Bild: Wolfgang Michalek, Jonas Friedrich Leonhardi, Gunnar Teuber, Julischka Eichel, Peter Kurth, Sebastian Wendelin
Foto: Matthias Horn
Auf dem Bild: Julischka Eichel
Foto: Matthias Horn
Auf dem Bild: Peter Kurth
Foto: Matthias Horn
Auf dem Bild: Gunnar Teuber
Foto: Matthias Horn
Auf dem Bild: Sebastian Wendelin, Wolfgang Michalek, Peter Kurth, Paul Schröder
Foto: Matthias Horn
Auf dem Bild: Wolfgang Michalek
Foto: Matthias Horn
Auf dem Bild: Julischka Eichel, Wolfgang Michalek, Paul Schröder, Nele Rosetz, Peter Kurth, Sebastian Wendelin
Foto: Matthias Horn
Auf dem Bild: Jonas Friedrich Leonhardi, Julischka Eichel, Peter Kurth, Sebastian Wendelin
Foto: Matthias Horn
Auf dem Bild: Wolfgang Michalek, Paul Schröder, Peter Kurth, Jonas Friedrich Leonhardi, Julischka Eichel, Nele Rosetz, Sebastian Wendelin, Gunnar Teuber
Foto: Matthias Horn
Foto: Matthias Horn
Auf dem Bild: Jonas Friedrich Leonhardi, Peter Kurth, Nele Rosetz, Julischka Eichel, Gunnar Teuber
Foto: Matthias Horn
Auf dem Bild: Sebastian Wendelin, Wolfgang Michalek, Nele Rosetz, Julischka Eichel, Peter Kurth, Gunnar Teuber
Foto: Matthias Horn
Auf dem Bild: Peter Kurth, Sebastian Wendelin, Jonas Friedrich Leonhardi, Nele Rosetz, Gunnar Teuber, Julischka Eichel, Wolfgang Michalek
Foto: Matthias Horn
Auf dem Bild: Sebastian Wendelin, Peter Kurth, Julischka Eichel
Foto: Matthias Horn
Auf dem Bild: Sebastian Wendelin
Foto: Matthias Horn
Auf dem Bild: Paul Schröder, Julischka Eichel, Sebastian Wendelin, Wolfgang Michalek
Foto: Matthias Horn
Auf dem Bild: Paul Schröder
Foto: Matthias Horn
Auf dem Bild: Wolfgang Michalek, Julischka Eichel, Peter Kurth, Sebastian Wendelin
Foto: Matthias Horn
Auf dem Bild: Peter Kurth
Foto: Matthias Horn
Auf dem Bild: Jonas Friedrich Leonhardi, Julischka Eichel, Peter Kurth
Foto: Matthias Horn
Auf dem Bild: Wolfgang Michalek, Peter Kurth
Foto: Matthias Horn
Auf dem Bild: Gunnar Teuber, Paul Schröder, Julischka Eichel, Peter Kurth
Foto: Matthias Horn
Auf dem Bild: Julischka Eichel, Peter Kurth
Foto: Matthias Horn
Auf dem Bild: Julischka Eichel, Peter Kurth, Paul Schröder
Foto: Matthias Horn
Auf dem Bild: Jonas Friedrich Leonhardi, Wolfgang Michalek, Peter Kurth, Paul Schröder
Foto: Matthias Horn
Auf dem Bild: Peter Kurth, Julischka Eichel, Jonas Friedrich Leonhardi, Wolfgang Michalek
Foto: Matthias Horn
Auf dem Bild: Peter Kurth
Foto: Matthias Horn
Auf dem Bild: Wolfgang Michalek, Peter Kurth
Foto: Matthias Horn
Handlung
Galileo Galilei, der das Teleskop als seine Erfindung nur ausgab, doch es als erster Mensch auf den Sternenhimmel richtete. Galilei, diese Ikone der empirischen Naturwissenschaft, der Gestirne nach seinen Mäzenen benannte und Wissenschaftspolitik betrieb. Galilei, dem die Inquisition „die Instrumente“ zeigte und der widerrief, um unter Hausarrest seine Forschungen zur Mechanik wieder aufzunehmen, die er für das Teleskop beiseitegelegt hatte. „Da ist schon viel gefunden, aber da ist mehr, was noch gefunden werden kann.“
LEBEN DES GALILEI erzählt von Galileo, aber auch von der Gesellschaft um Galilei: von den Mitarbeitern seiner Forschungsmanufaktur, von seiner Haushälterin, seiner Tochter und seinem adeligen Fast-Schwiegersohn, von untersuchenden und rechnenden Mönchen, Kuratoren und Kirchenmenschen. – Von dem Moment, an dem es möglich wurde, die Erde als bewegten Planeten zu sehen.
Dreimal hat Bertolt Brecht sich den Stoff neu vorgenommen: 1938 im dänischen und schwedischen Exil, 1947 nach intensiver Zusammenarbeit mit Charles Laughton in Kalifornien in einer englischsprachigen Version, 1955 in Berlin. Während der Proben zu LEBEN DES GALILEI am Berliner Ensemble verstarb Brecht 1956.
Besetzung
Regie
Bühne
Carsten Nicolai
Kostüme
Karoline Bierner
Musikalische Leitung
Videomitarbeit
Rebecca Riedel
Dramaturgie
Ole Georg Graf, Carmen Wolfram
Galileo Galilei
Peter Kurth
Andrea Sarti / Cosmo de Medici, Großherzog von Florenz
Sebastian Wendelin
Frau Sarti, Galileis Haushälterin, Andreas Mutter / Inquisitor
Ludovico Marsili, ein reicher junger Mann
Jonas Friedrich Leonhardi
Virginia, Galileis Tochter
Julischka Eichel
Federzoni, ein Linsenschleifer, Galileos Mitarbeiter
Gunnar Teuber
Der kleine Mönch
Paul Schröder
Der Kurator / Der Philosoph / Der Mathematiker / Der sehr alte Kardinal / Kardinal Barberini, später Papst Urban VIII / Der Balladensänger / Das Individuum
Wolfgang Michalek
Musiker
Thomas Mahn, Friedemann Seidlitz, Christian Patzer
Videos
Pressestimmen
„Man sieht dreieinhalb Stunden lang beeindruckendes Bilder- und Schauspielertheater. Zum Schluss hat man Fragen im Kopf, und Diskussionsstoff getankt.“
Stefan Petraschewsky, 11.03.2013, MDR Figaro
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11.03.2013
„Armin Petras verweigert dem Publikum eine Botschaft. Und positioniert sich nicht zum Thema des Stückes: zum Widerstreit zwischen Wissen und Glauben, zur Frage nach der Ordnung und Neuordnung der Dinge, wenn die alte Ordnung nicht mehr funktioniert? Diese Nicht-Positionierung kann ja auch schon wieder eine Botschaft sein. Wenn wir uns die Hauptfigur ansehen, Galilei, gespielt von Peter Kurth, so sehen wir keinen Aufklärer, der gegen den alten Aberglauben kämpft; sehen keinen großen Macher, der die Dinge laut beim Namen nennt, wo er z. B. das Machtkalkül der Katholischen Kirche als wahren Grund anführt, warum die Sonne um die Erde kreisen muss – nein, Galilei ist hier einer, der am Rande steht und die Dinge beobachtet. Einer, der sein eigenes Scheitern erlebt und traurig wird, ernsthaft. Als Einziger übrigens. Die um ihn rum ticken alle mal aus - Wenn man so will ist Galilei also mehr ein Welt- und Menschenbetrachter als ein Sternengucker. Ein Held, der keiner sein wollte, und es geworden ist, weil die Welt es nötig hatte. Armin Petras zeigt dann auch immer wieder Szenen, wo es um Affekte geht: Wut, Hass, Liebe - und das sind dann eigentlich die seltenen Momente, wo der Mensch noch eins mit sich selbst sein kann, wo so etwas wie Harmonie entsteht. Das ist, wenn man so will, dann die Botschaft der Inszenierung: Es ist ein Experiment, das in einer widersprüchlichen Welt danach fragt, wo der Mensch bleibt. Das klingt nach einem sehr humanistischen Ansatz und ist es auch. Es ist auch ein offener Ansatz, dadurch, dass es eben diese Frage gestellt aber nicht beantwortet wird. Die Inszenierung bleibt spielerisch im besten Sinne – wird nicht didaktisch. Im Übrigen ist es auch eine gelungene Ensembleleistung, nennen möchte ich: Julischka Eichel als Galileis Tochter und Nele Rosetz als Inquisitor und Frau Sarti. Und Wolfgang Michalek, der sich – großartig – in mehreren Rolle als der eigentliche Agitator und damit Gegenspieler Galileis zeigt, und auch als Brecht-Sänger vor dem Vorhang, mittendrin, eine schöne Nummer hat.
Nochmal zurück zum Experiment auf der Bühne, das danach fragt, wo der Mensch bleibt. Das klingt nach einer Laborsituation, in die das Stück hineininszeniert wird. So sieht die Bühne dann auch aus. Die Bühne ist vom Chemnitzer Künstler und Musiker Carsten Nicolai – sozusagen ein Fachwechsel – und Nicolai baut eine klassische Guckkastenbühne: ein leerer Raum – links und rechts die Wände raumhoch als Spiegelfläche, und in der Decke ein kreisrundes Loch, etwa vier Meter im Durchmesser. Durch dieses Loch schwingt ein Foucault’sches Pendel, das im Schnürboden aufgehängt ist, über dem Bühnenboden. Im Grunde genommen ist es auch eine Bühne in schwarz-weiß wie die Kostüme. Das Licht ist oft blendend hell und ins Publikum gerichtet – eine Andeutung: Wie hell muss erst das Sonnenlicht gewesen sein, dass Galileis Netzhaut zerstörte. Dann ist das Licht wieder ausgeschaltet und es wird nachtschwarz. Manchmal bringt Licht auch etwas Farbe in den Raum. Im Ganzen aber ist alles sehr kühl. Es gibt kaum Requisiten; stattdessen die technische Bühnen-Apparatur – ein Kronleuchter, der aus dem Bühnenhimmel herabsteigt.
So sieht man dreieinhalb Stunden lang beeindruckendes Bilder- und Schauspielertheater. Zum Schluss hat man Fragen im Kopf, und Diskussionsstoff getankt. Und nach der zweiten Vorstellung am Montag wird in der Wirklichkeit ein neuer Papst gewählt.“
Stefan Petraschewsky, MDR Figaro
„Eine ungeheuer spannende Inszenierung mit einigen überaus starken Bildern, die sehr sicher den ernsten Kern und die dramatische Wucht des Stoffes herausarbeiten. Ein brillantes Szenenbild durch und durch.“
Guido Glaner, 11.03.2013, Dresdner Morgenpost
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11.03.2013
„Eine ungeheuer spannende Inszenierung mit einigen überaus starken Bildern, die sehr sicher den ernsten Kern und die dramatische Wucht des Stoffes herausarbeiten, wobei sie durch wohldosierten Einsatz von Elementen der Komödie oder gar des Slapsticks, in die unser heutiges Wissen einfließt, immer auf kluger Distanz bleibt. Das Bühnenbild des Künstlers Carsten Nicolai gibt die dafür passende Spielfläche ab: ein beinah rechteckiger Raum von geometrischer Schlichtheit, im ersten Teil durch eine Spiegelwand optisch geöffnet, im zweiten geschlossen, wie es dem späten Gefängnis Galileis entspricht. Von der Decke herunterhängend ein Foucault’sches Pendel, wissenschaftlicher Beleg für die Eigenrotation der Erde und Sinnbild für vieles: die Präzision der Wissenschaft, das Augeliefertsein an sie, die unaufhaltsam verrinnende Zeit. Ein brillantes Szenenbild durch und durch.“
Guido Glaner, Dresdner Morgenpost
„Petras treibt dem Stück alle Didaktik aus und meidet jeden Ansatz von Erklärtheater. Seine Inszenierung ist fantasievoll, sinnlich-saftig, hat viel Humor und einigen Schnickschnack. Sie bekennt sich zur Dialektik Bertolt Brechts, zur Lust des Beginnens und zur Freude am Zweifel.“
Rainer Kasselt, 11.03.2013, Sächsische Zeitung
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11.03.2013
„Petras treibt dem Stück alle Didaktik aus und meidet jeden Ansatz von Erklärtheater. Seine Inszenierung ist fantasievoll, sinnlich-saftig, hat viel Humor und einigen Schnickschnack. Sie bekennt sich zur Dialektik Bertolt Brechts, zur Lust des Beginnens und zur Freude am Zweifel. Vor allem zu der Erkenntnis: ‚Es setzt sich nur so viel Wahrheit durch, als wir durchsetzen; der Sieg der Vernunft kann nur der Sieg der Vernünftigen sein.‘ ... Der Papst ordnet an, dem verhafteten Physiker die ‚Instrumente‘ zu zeigen. Galilei widerruft seine Lehre, verrät die Wissenschaft. ‚Unglückliches Land, das keine Helden hat‘, ruft sein enttäuschter Schüler Andrea Sarti. Nein, entgegnet der müde Gelehrte: ‚Unglücklich das Land, das Helden nötig hat.‘ Prächtige Brecht’sche Dialektik. Galilei interessiert den Regisseur Armin Petras als Mensch, ‚der geglaubt hat, über die Grenzen seiner Zeit hinausgehen zu können‘. ...
Der fernsehbekannte Peter Kurth ist Galilei. Ein massiger Mann, der gern isst und an die Vernunft des Menschen glaubt. Kein sinnlicher Intellektueller, wie ihn einst Ekkehard Schall am Berliner Ensemble lustvoll interpretierte. Kurth steht oft wie abwesend auf der Bühne, sein Galilei hat nur die Arbeit im Kopf, geht dabei buchstäblich über Leichen. Seine an der Pest gestorbene langjährige Haushälterin Frau Sarti, die auf dem Arm ihres Sohnes hereingetragen wird, nimmt er nicht wahr. Petras entlässt, anders als Brecht, die bodenständige Frau Sarti vorzeitig aus dem Stück, verzichtet auf ein kräftiges plebejisches Element. Die Haushälterin, wie auch der Inquisitor, wird von Nele Rosetz gegeben, die in den Schlussproben für die erkrankte Karina Plachetka einsprang. Einige Gestalten, so die Kardinäle Bellarmin und Barberini, werden zu einer Figur vereinigt. Wolfgang Michalek, der insgesamt acht Rollen übernimmt, zeigt meisterlich die Doppelmoral der Mächtigen, säuselt und tobt, schmeichelt und droht. Sebastian Wendelin, ein wendiger und aufbegehrender Schüler Galileis, von ihm begeistert und entgeistert, bringt die verbotene Schrift des Meisters außer Landes, ‚die Wahrheit unterm Rock‘. Julischka Eichel, 2007 Nachwuchsschauspielerin des Jahres, im Stück die Tochter Galileis, vereint Komik und Trauer, kindlichen Trotz und mädchenhafte Verlorenheit. Kabarettreif ist ihre Erzählung über den lässlichen Betrug des Vaters, der dem Hof ein bereits gehandeltes Fernrohr als seine Erfindung verkauft.
Die Inszenierung, nicht so reich wie Brechts Stück, aber reich an szenischen Einfällen und starken Schauspielern, mit viel Premierenbeifall bedacht, ist ein Gewinn für den Spielplan. Sie macht nicht zuletzt Lust, das Stück im Original zu lesen.“
Rainer Kasselt, Sächsische Zeitung
„Petras lässt seinen durchweg starken Darstellern viel Entfaltungsraum. Ein Abend der edleren Unterhaltung.“
Tobias Prüwer, 10.03.2013, nachkritik.de
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10.03.2013
„Viele kleine Einfälle machen die Inszenierung vor allem in der ersten Hälfte zum freudigen Seherlebnis. Nach der Pause holt Julischka Eichel mit einem furiosen Eingangsmonolog das Publikum ins Geschehen zurück, als sie, allein vorm Vorhang stehend, Jahresdaten und Geburtstage abzählend, das achtjährige sehnliche Warten ihrer Viriginia (Galileis Tochter) auf eine Ehelichung, die nicht eintreten wird, wie im Zeitraffer vorüberstreifen lässt. Petras lässt seinen durchweg starken Darstellern viel Entfaltungsraum. Peter Kurth changiert als Galilei in souveräner Beherrschung der Bühne zwischen faustisch-forschem und ängstlich-duckmäuserndem Auftritt. Als sein Antipode glänzt Wolfgang Michalek in den Rollen verschiedener Kirchenvertreter und steuert daneben in bestechender Vielseitigkeit als Balladensänger kastratenähnliche Hochtöne bei. Ein Abend der edleren Unterhaltung.“
Tobias Prüwer, nachkritik.de
„Armin Petras sucht die Aktualität Galileis, indem er dessen soziale Utopien radikal streicht.“
Doris Meierhenrich, 28.05.2013, Berliner Zeitung
„Wie leicht, verspielt und in welch‘ gewissermaßen altmeisterlicher pointilistischer Manier ist dagegen dieser Abend in das elegante Bühnenbild des Künstlers Carsten Nicolai hingetupft!“
Andreas Schäfer, 28.05.2013, Der Tagesspiegel
Gedanken zum Stück

Die Verantwortung der Wissenschaft

Gedanken zu Bertolt Brechts „Leben des Galilei“
von Annette Schavan
Das Theater ist seit je auch ein Ort der Politik. Seit Jahr­tausenden versammelt es Menschen zu öffentlichen Veranstaltungen, in denen es um das Dasein in der Gemeinschaft geht. Sei das Stück von Sophokles, Shakespeare oder Sartre, sei es eine Tragödie, eine Komödie oder eine Farce: Stets demonstrieren die Darstellerinnen und Darsteller auf der Bühne, was es heißt, ein Mensch zu sein, und unter welchen politischen, gesellschaftlichen und persönlichen Umständen jemand so wurde, wie sie oder er ist.
Unter den Dramatikerinnen und Dramatikern hat kaum jemand der Bühne eine so große politische Kraft zugetraut wie Bertolt Brecht. Zutiefst war er davon überzeugt, dass die Welt nur (um-)gestalten kann, wer ihre Gesetzmäßigkeit versteht. Im „Kleinen Organon für das Theater“, Brechts zentraler kritischer Schrift, zeigt sich seine Kreativität als Vordenker in besonderer Weise. Er verknüpft Didaktik und Unterhaltung und verdeutlicht seine Absicht, im Theater „mit Lehren oder Forschen zu vergnügen“. Denn: „Unser Zusammenleben als Menschen – und das heißt: unser Leben ist in einem ganz neuen Umfang von den Wissenschaften bestimmt.“ Für Brecht ist das Theater ein wissenschaftliches Labor, in dem das Publikum an einem Forschungsexperiment teilnimmt.
Während dieses Experiments wird der Zuschauer – höchst modern! – zum wahrlich Aktiven, zum „Ko-Fabulierer“. Brechts häufig provozierend-ungefälliges Theater gefällt, weil es in Erstaunen versetzen will und zum Fragen herausfordert. Es bietet keine fertigen Antworten, sondern versucht das eigene Denken anzuregen. Nicht Erlebnisse stehen im Vordergrund, sondern Erkenntnisse. Bei Brecht dürfen es sich die Zuschauer nicht im Theatersessel bequem machen, weil andere für sie handeln; sie sollen erfahren, dass es vor allem auf das eigene Tun ankommt, zumal jenseits des Bühnenhauses.
In wenigen Brecht-Dramen sind diese Absichten so spürbar wie in seinem Meisterwerk „Leben des Galilei“. Der Autor möchte ein Einfühlen verhindern, indem er die Gedanken und das Wirken des genialen italienischen Wissenschaftlers als widersprüchlich vor Augen führt: Mit seinen Entdeckungen begründet Galilei eine neue Wahrheit – bevor er sie verrät. Selten hat ein Schriftsteller dabei das Wesen eines Protagonisten derart passend in die Form des Dialogs umgemünzt. Der mit wissenschaftlichen Disputen vertraute Galilei zieht das Streitgespräch vor, um sich zu rechtfertigen, andere zu widerlegen, sich zu retten.
Die Gespräche führen zu einer Frage, die heute aktueller denn je ist: Worin liegt die Verantwortung der Wissenschaft in einer Welt, die durch Innovationen auch bedroht sein kann? So wie Brecht unter dem Eindruck der Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki sein Stück reformulierte, haben uns ebenfalls Ereignisse in Japan – im Frühjahr 2011 – erneut auf einen essenziellen Diskussionsgegenstand gestoßen. Im Dienste seiner Verantwortung tut Brechts Galilei manch Vorbildliches: Er argumentiert anschaulich und allgemein verständlich, kooperiert mit Kollegen, will seine Forschungen jedermann zugänglich machen. Und sein Ziel ist es, „die Mühseligkeit der menschlichen Existenz zu erleichtern“.
Gleichwohl wird es in der zukünftigen Wissenschaft und Forschung noch auf etwas anderes ankommen: Wir müssen den Mut zur Grenze haben. Fortschritt ist nachhaltig und zukunftsfähig, wenn er ein menschliches Antlitz hat. Deswegen setzen wir etwa auf erneuerbare Energien und fördern weiterhin die Grundlagen- und die anwendungsnahe Forschung, die dafür sorgen, dass erneuerbare Energien den Markt erobern. Nur im offenen, gleichberechtigten, persönlichen Gespräch von Politik, Wissenschaft und Gesellschaft finden wir menschliche Antworten. Nur so halten wir Maß und Mitte und geben Orientierung.
Ob es um die unzähligen Angebote im Internet geht, um schnelle Reisen an entlegene Orte, die ständige Berieselung durch Musik oder die permanente Erreichbarkeit: Wir brauchen den Mut zur Grenze. Erst dann können wir Neuerungen als bereichernd erleben. Erst dann sind wir auch mental zukunftsfähig: Denn erst dann können wir in die Zukunft hineinhören, um sie in unserem Sinne zu beeinflussen, ja vorbildlich zu gestalten.
Brechts umtriebiger Galilei ist kein leuchtendes Exempel, weder als Mensch noch als Forscher. Er, der den Freuden des Lebens allzu sehr zusagt, ignoriert die wirtschaftlichen und gesellschaftspolitischen Bedingungen, unter denen er arbeitet. Sein wissenschaftlicher Eifer verleitet ihn dazu, nicht nur felsenfest, sondern auch arg idealistisch an den Sieg der Vernunft zu glauben. Und als Galilei erfährt, dass der Mathematiker Barberini bald Papst wird, triumphiert er: „Barberini im Aufstieg! Das Wissen wird eine Leidenschaft sein und die Forschung eine Wollust.“ Doch Galileis Hoffnung ist unberechtigt.
Er schafft es zwar, seinem ehemaligen Schüler Andrea seine wissenschaftlichen Resultate, die „Discorsi“, mitzugeben, ohne dass es jemandem auffällt. Aber als er selbst in Gefahr gerät und man ihm empfiehlt zu fliehen, schätzt er seine Lage falsch ein und verfängt sich in den Fallstricken der Inquisition. Galilei hat in seinem Metier ein gesundes Misstrauen, in politischen Dingen ist er jedoch recht naiv. Auch symbolische Bedeutung hat es daher, dass der Forscher im Laufe des Stücks erblindet; seine Entdeckungen treibt er gleichwohl voran, während er das nicht erkennt, was für alle sichtbar ist.
Schon allein angesichts dieser Vielschichtigkeit des modernen Klassikers „Leben des Galilei“ und seiner brennenden Aktualität freue ich mich sehr, dass Armin Petras das Stück im Frühjahr 2013 am Staatsschauspiel Dresden inszenieren wird. Der Stoff und seine Umsetzung werden, da bin ich sicher, eine Bereicherung für öffentliche Debatten in der Wissenschaftsregion Dresden sein. Ich wünsche allen Beteiligten viel Erfolg und danke dafür, dass sie dazu beitragen, dass das Theater ein politischer Ort bleibt.

Annette Schavan, Bundesministerin für Bildung und Forschung a.D.
Ihr Text entstand auf Einladung des Staatsschauspiels Dresden für das Spielzeitheft 2012.2013.