Der Förderverein des Staatsschauspiels Dresden hat nachdrücklich die Bemühungen unterstützt, die Verantwortlichkeit des Schauspielers Erich Ponto, nach dem der Nachwuchspreis des Fördervereins benannt war, im System der darstellenden Künste in der Zeit des Nationalsozialismus aufzuklären.
Nach umfassenden Recherchen durch das Historische Archiv der Sächsischen Staatstheater hat das Symposium DER FALL ERICH PONTO am 20. März 2026 eine ausführliche Kontextualisierung zum Leben und Wirken Pontos zur Diskussion gestellt. Auch wenn Pontos Werdegang eher Züge einer Anpassungsbiografie denn einer aktiven ideologischen Beteiligung zeigt, bleibt seine Teilnahme an Propagandafilmen des nationalsozialistischen Regimes unbestritten. Besonders seine Darstellung des Mayer Amschel Rothschild im Propagandafilm DIE ROTHSCHILDS weist deutliche Züge der Stereotypisierung jüdischer Menschen zum Zweck ihrer Diffamierung aus. Dass dieser Film in direktem Zusammenhang mit der antisemitischen Propaganda des NS-Regimes und der Verfolgung und Vernichtung jüdischen Lebens steht, ist ebenfalls unbestritten. Auch wenn Erich Pontos Gründe für die Beteiligung an diesem und anderen Filmen nicht aufgeklärt werden konnten, stellte sich für den Förderverein die Frage, ob Nachwuchskünstler*innen, die mit dem Preis geehrt werden sollen, diese fortwährende Auseinandersetzung um die Beteiligung Pontos an NS-Propagandafilmen zugemutet werden kann. Wenn die historischen Zusammenhänge durch Einordnungen und Kommentierungen bei anderen Formen der öffentlichen Auseinandersetzung mit dem Leben und Werk Pontos diskutiert werden können und müssen, ist dies bei einer Preisverleihung für junge Künstler*innen nicht möglich, ohne den Fokus von diesen abzulenken oder die Ehrungen für deren Leistungen zu beeinträchtigen.
Deshalb hatte der Vorstand des Fördervereins dafür gestimmt, den Preis als „Nachwuchspreis des Fördervereins Staatsschauspiel Dresden e. V.“ zu vergeben und dies als Vorschlag zur Umbenennung der Mitgliederversammlung vorgelegt. Die Mitgliederversammlung hat dem Vorschlag, den Preis nicht mehr nach Erich Ponto zu benennen, in ihrer Sitzung am 27. Mai 2026 mit großer Mehrheit zugestimmt, die zukünftige Namensgebung ist aber noch offen.
„Sowohl in meiner Funktion als stellvertretende Vorsitzende des Fördervereins als auch persönlich bin ich dankbar für den intensiven und konstruktiven Austausch mit meinen Vorstandskolleg*innen, den Vereinsmitgliedern in der gestrigen Mitgliederversammlung sowie dem Staatsschauspiel Dresden. Dieses hat durch umfangreiche Recherchen und die Zusammenarbeit mit wissenschaftlichen Berater*innen die – auch emotionale – Debatte der vergangenen Monate mit großer Professionalität vorbereitet und im Rahmen des Symposiums transparent begleitet. Die Entscheidung zur Umbenennung beruht letztlich auf einer sorgfältigen gemeinsamen Abwägung unterschiedlicher Perspektiven. Besonders maßgeblich war dabei für uns die Perspektive der jungen Schauspieler*innen, deren bisherige künstlerische Leistungen mit dem Preis gewürdigt werden und denen zugleich eine wichtige Unterstützung für ihren weiteren beruflichen Weg gegeben werden soll. Dieser Zukunftsgedanke stand für uns im Zentrum der Entscheidung“, so Karin Enke, Stellvertretende Vorsitzende des Fördervereins Staatsschauspiel Dresden e. V.
Der Nachwuchspreis wird in der Spielzeit 2026/2027, im Herbst zum 16. Mal vom Förderverein des Staatsschauspiels Dresden e. V. vergeben. Der neue Preisträger oder die neue Preisträgerin wird nach dem Sommer bekanntgegeben.
Die Theaterleitung des Staatsschauspiels Dresden hat darüber hinaus beschlossen, Erich Ponto – mit einer entsprechenden Kontextualisierung – weiter als Ehrenmitglied des Hauses zu führen, da er, trotz seiner Anpassungsbiografie, eine bedeutende Persönlichkeit in der Geschichte des Theaters als Schauspieler und Intendant war. Zu dieser Entscheidung konnte das Staatsschauspiel Dresden kommen, da im Gegensatz zu einer Preisvergabe, keine Abhängigkeiten junger Künstler*innen durch die Ehrenmitgliedschaft entstehen.
Joachim Klement, Intendant des Staatsschauspiels Dresden: „Der Blick auf die NS-Vergangenheit ist Teil unserer Orientierung für die Gegenwart. Im Rahmen der Recherchen des Historischen Archivs der Sächsischen Staatstheater konnte festgestellt werden, dass Erich Ponto weder Mitglied der NSDAP noch einer ihrer Vorfeldorganisationen war. Auch wenn sich Ponto in der Nachkriegszeit um kritische Distanz bemühte, blieb eine eindeutige Stellungnahme zur eigenen Verantwortung als Künstler öffentlich aus. Allerdings zeigen die Recherchen auch, dass es wertschätzende Zeugnisse von Zeitgenossen über ihn, u. a. von Verfolgten des NS-Staates, gab. Das sind die Gründe, warum das Staatsschauspiel Dresden Erich Ponto die Ehrenmitgliedschaft nicht nachträglich aberkennen wird.“
Vortrag von Sören Frickenhaus