Mannheim-Premiere am 21.06.2013
Dresden-Premiere am 28.06.2013 › Schauspielhaus

Der Parasit oder Die Kunst sein Glück zu machen

Lustspiel von Friedrich Schiller
nach Louis Benoît Picard
In Koproduktion mit den 17. Internationalen Schillertagen /  Nationaltheater Mannheim
Auf dem Bild: Lars Jung, Ines Marie Westernströer, Ahmad Mesgarha, Hannelore Koch, Matthias Luckey, Philipp Lux
Foto: David Baltzer
Auf dem Bild: Torsten Ranft
Foto: David Baltzer
Auf dem Bild: Hannelore Koch, Ines Marie Westernströer, Philipp Lux
Foto: David Baltzer
Auf dem Bild: Hannelore Koch, Ines Marie Westernströer, Ahmad Mesgarha, Philipp Lux
Foto: David Baltzer
Auf dem Bild: Ahmad Mesgarha, Philipp Lux, Torsten Ranft
Foto: David Baltzer
Auf dem Bild: Christian Clauß, Ahmad Mesgarha
Foto: David Baltzer
Auf dem Bild: Ines Marie Westernströer, Ahmad Mesgarha
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Auf dem Bild: Philipp Lux, Ahmad Mesgarha, Torsten Ranft
Foto: David Baltzer
Auf dem Bild: Torsten Ranft, Ahmad Mesgarha, Philipp Lux
Foto: David Baltzer
Auf dem Bild: Torsten Ranft
Foto: David Baltzer
Auf dem Bild: Ahmad Mesgarha, Torsten Ranft, Philipp Lux
Foto: David Baltzer
Auf dem Bild: Ahmad Mesgarha, Torsten Ranft
Foto: David Baltzer
Auf dem Bild: Ahmad Mesgarha, Torsten Ranft
Foto: David Baltzer
Auf dem Bild: Ahmad Mesgarha, Torsten Ranft
Foto: David Baltzer
Auf dem Bild: Benjamin Höppner, Ahmad Mesgarha
Foto: David Baltzer
Auf dem Bild: Ahmad Mesgarha, Matthias Luckey
Foto: David Baltzer
Auf dem Bild: Ahmad Mesgarha
Foto: David Baltzer
Auf dem Bild: Matthias Luckey, Philipp Lux, Ines Marie Westernströer, Hannelore Koch
Foto: David Baltzer
Auf dem Bild: Philipp Lux, Ahmad Mesgarha
Foto: David Baltzer
Auf dem Bild: Lars Jung, Hannelore Koch, Philipp Lux, Torsten Ranft
Foto: David Baltzer
Auf dem Bild: Matthias Luckey, Ines Marie Westernströer, Lars Jung, Hannelore Koch, Ahmad Mesgarha, Philipp Lux, Torsten Ranft
Foto: David Baltzer
Handlung
Sie scheinen nicht gerade prädestiniert für Komödie, die Beamten. Und doch: Die glanzlose Klasse der Büroarbeiter bietet immer wieder Stoff für (Welt-)Literatur und Humor. Georg Kreisler singt: „Staatsbeamte müssen heut nicht mehr studier’n, Staatsbeamte müssen sich spezialisier’n. Ich verstehe nix von Jus und Latein! Mathematik? Die lass ich lieber sein. Doch ich krieche sehr gut und auch gern, marsch, marsch, marsch, in den Arsch, in den Arsch, in den Arsch!“ Der Angestellte scheint besonders geeignet, den kleinen Mann abzubilden und sorgt für Wiedererkennungseffekt beim Publikum. Denn wer kennt sie nicht: Kollegen, die intrigieren oder fremde Ideen aufgreifen, Chefs, die sich einseifen lassen, Politiker, die Doktorarbeiten fälschen, Manager, die Geld veruntreuen und doch Abfindungen kassieren ... Und wenn dann der Parasit entlarvt ist, kann man sich wenigstens im Theater über die gerechte Strafe freuen. Schiller hat eine rasante Komödie über ein anscheinend unausrottbares Phänomen geschrieben, in einer Sprache, die vielleicht ein bisschen schillernder ist als gewöhnliche Bürosprache. Ganz nebenbei: Louis Benoît Picard, dessen Komödie die Vorlage war für den „Parasit“, wird bei der Uraufführung von Schiller nicht einmal genannt. Da steht nur: „Nach dem Französischen“.
Inszenieren hat Stefan Bachmann, der in Dresden bereits „Das steinerne Brautbett“ auf die Bühne gebracht hat und Intendant in Köln ist.
Besetzung
Regie
Stefan Bachmann
Bühne
Kostüme
Barbara Drosihn
Musik
Dramaturgie
Felicitas Zürcher
Licht
Andreas Barkleit
Narbonne, Minister
Madame Belmont, Narbonnes Mutter
Charlotte, Narbonnes Tochter
Ines Marie Westernströer
Selicour
La Roche
Firmin
Karl Firmin, Firmins Sohn
Matthias Luckey
Michel, Kammerdiener
Christian Clauß
Robineau, junger Bauer
Simon Käser
Video
Pressestimmen
„Diese Inszenierung ist so komisch, dass man vor Gekicher vom Sitz fällt. Welch ein Labsal, welch ein Spaß, welch eine ausgetüftelte Typen- und Slapstickmaschinerie.“
Judith von Sternburg, Frankfurter Rundschau
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„Diese Inszenierung ist so komisch, dass man vor Gekicher vom Sitz fällt. Welch ein Labsal, welch ein Spaß, welch eine ausgetüftelte Typen- und Slapstickmaschinerie. Stefan Bachmann, der künftige Kölner Schauspiel-Intendant, zeigt sich in Mannheim als Meister höchst gehobener Unterhaltungskunst.
Einen engen Bühnenkasten hat Olaf Altmann dafür gebaut, in dem zwei Drehkreuze bühnenhoch rotieren können – mal mühsam angeschoben, mal gefährlich flott. Kammerdiener Michel (Christian Clauß) zum Beispiel verklemmt sich übel und schleppt sich überhaupt in jeder Szene noch versehrter auf die Bühne. Denn es wimmelt von alten Gags und sich wiederholenden und steigernden Späßen. Bachmann macht sich über Komödienstrategien lustig und präsentiert sie zugleich in Bestform.
Lars Jung und Matthias Luckey als Vater und Sohn F. sehen sich grotesk ähnlich, graue Mäuse in zart ins Clowneske gezogener Siebziger-Jahre-Bürokleidung (Kostüme: Barbara Drosihn). La Roche wird bei Torsten Ranft zum buchstäblichen Feuerkopf, mit ihm setzt die restlose Komödie ein, ein durchgängiges Vor-Wut-Platzen. Es folgen ein extrem elastischer Selicour, Ahmad Mesgarha, ein alle auch im Wortsinne überragender Minister, Philipp Lux (eine Art Derrick-Karikatur), und neckisch breithintrige Damen, Hannelore Koch als kokette Boulevard-Großmutter und Ines Marie Westernströer als süße Charlotte. Ihre Gesangsnummer ist ein Wunder an zarter Avantgarde.“
Judith von Sternburg, Frankfurter Rundschau
„‚Der Parasit‘: eine politische Intrige um einen Glänzer par excellence, diesen Selicour (Ahmad Mesgarha), ein manipulatives Aas, das Schriften anderer für die eigenen ausgibt, um sich einen Posten zu erschleichen.“
Ursula Scheer, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung
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„Der Auftakt der 17. Internationalen Schillertage Mannheim macht das Staatsschauspiel Dresden mit Stefan Bachmanns Inszenierung von ‚Der Parasit‘: eine politische Intrige um einen Glänzer par excellence, diesen Selicour (Ahmad Mesgarha), ein manipulatives Aas, das Schriften anderer für die eigenen ausgibt, um sich einen Posten zu erschleichen.
Bachmann setzt auf die Komik der Pose, auf das Kriechen, sich Winden, das schmierige Umarmen. Damit die Posen wirken, ist das Bühnenbild (Olaf Altmann) angemessen minimalistisch: Zwei Drehbühnen, wie Drehtüren nebeneinander, sind die kahlen Wände, vor denen das Figurenkarussell sich dreht, dazu ein paar Stühle, mehr nicht. Nach fast drei Stunden Komödie ohne Klamauk bekommt man Lust auf mehr.“
Ursula Scheer, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung
„Witz und Unterhaltungswert – eine hübsche Satire über Mobbing, Korruption, Speichelleckerei und fröhliche Brutalität im Intrigantenstadl Büro.“
Martin Halter, Frankfurter Allgemeine Zeitung
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„‚Das Gespinst der Lüge umstrickt den Besten, der Redliche kann nicht durchdringen, die kriechende Mittelmäßigkeit kommt weiter als das geflügelte Talent, der Schein regiert die Welt, und die Gerechtigkeit gibt es nur auf der Bühne‘: Der letzte Satz ist eine der wenigen Hinzufügungen von Schiller. Weil auch das geflügelte Genie manchmal fremde Federn zum Fliegen braucht, erklärte er das gut gebaute Stückchen kurzerhand zu einem echten Schiller, obwohl er eigentlich nur im Auftrag seines Gönners Carl August Picards steife Alexandriner in ein gefälliges Deutsch übersetzt hatte. Den Guttenberg zu machen war für klassische Schöngeister kein Rücktrittsgrund, und ein bisschen Kriechen gehörte dazu. Der Herzog und Weimar dankten Schiller ‚mit allgemeinem Jubel‘, und so ist es bis heute geblieben.
Witz und Unterhaltungswert – eine hübsche Satire über Mobbing, Korruption, Speichelleckerei und fröhliche Brutalität im Intrigantenstadl Büro.
Zwei haushohe Drehtüren schneiden den engen Spielraum aus der Dunkelheit des Proszeniums heraus und sorgen für Quetschungen, Verdrehungen und Schürfwunden. Die Darsteller vom koproduzierenden Dresdner Schauspiel machen aus den Beschränkungen von Raum und Typenkomödie das Beste. Philipp Lux steigert den Minister, den schon Schiller als gar ‚zu blödsinnig‘ für sein Amt empfand, zum gutmütig-würdevollen Trottel in Hochwasserhosen. Ahmad Mesgarha gibt Selicour als herrlich falschen, biegsamen Schleicher und Schleimer; wenn er am Ende gedemütigt und nackt davongejagt wird, hat man fast Mitleid mit dem Pariser Malvoglio. Der König der Büroklamotte aber ist Torsten Ranfts La Roche, eine Figur fast wie von Herbert Fritsch. Mit hochrotem Kopf und angeklebten Dauerwellen tobt er als Kohlhaas-Rumpeltstilzchen durch Vorder- und Hinterzimmer und stellt sich in seiner Rachsucht und selbstgefälligen Wut immer wieder selbst ein Bein.“
Martin Halter, Frankfurter Allgemeine Zeitung
„Stefan Bachmanns Inszenierung macht die Komik zu einem intelligenten Theatervergnügen und begeistert die kritische Masse im Zuschauerraum.“
3sat
„Auf engstem Raum bündelt Bachmann die boshafte Energie dieses Lustspiels, choreografiert ein geistreich blitzendes Florettgefecht voller Finten, Attacken und Paraden.“
Hartmut Wilmes, Kölner Stadt-Anzeiger
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„Auf engstem Raum bündelt Bachmann die boshafte Energie dieses Lustspiels, choreografiert ein geistreich blitzendes Florettgefecht voller Finten, Attacken und Paraden. Die Inszenierung spult ebenso elegant wie effektvoll das Intrigengarn ab. So wirkt die Komödie um erschlichene Spitzenjobs und gemobbte Konkurrenten keineswegs veraltet.
Die Regie setzt auf cartoonhaften Slapstick, auf surreale Poesie, vor allem aber auf körperbetonte Komik. Das beginnt beim applizierten Spitzbauch des Ministers (Philipp Lux) und gipfelt in der artistischen Biegsamkeit mit der Selicour im selben Moment nach oben katzbuckelt und nach unten tritt – ein Gummimann ohne jedes Rückgrat. Ahmad Mesgarha darf das perfide Potenzial dieses Speichelleckers auskosten, wobei weniger subtile Nuancen als brillant karikierende Striche gefragt sind. Die glücken seinem Rollengegner Torsten Ranft fast noch besser: Als La Roche gleicht er einem zornbefeuerten Dampfkessel, dessen Innendruck so grotesk steigt, dass sekündlich mit dem Zerplatzen zu rechnen ist.
Selten so gelacht im Theater!“
Hartmut Wilmes, Kölner Stadt-Anzeiger
„Stefan Bachmanns Inszenierung setzt konsequent auf satirische Überzeichnung, und schafft so mit perfektem Timing und großartigen Schauspielern eine wunderbar komische Parabel auf die Korrumpierbarkeit des Menschen im Staatsapparat.“
Dietrich Wappler, Die Rheinpfalz
„Hochkomödiantisch. Eine fantastische Szenenfolge über die Usancen in einem Ministerbüro. Durch den Regie-Feinschliff Stefan Bachmanns vermag sie besonders schillernd zu funkeln. Brillant.“
Volker Oesterreich, Rhein-Neckar-Zeitung
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„Hochkomödiantisch. Eine fantastische Szenenfolge über die Usancen in einem Ministerbüro. Durch den Regie-Feinschliff Stefan Bachmanns vermag sie besonders schillernd zu funkeln. Brillant.
Torsten Ranft meistert die Partie des rachsüchtigen La Roche mit Bravour. Ein Energiebündel, das schnaubt, grimassiert und chargiert, dass einem schier Hören und Sehen vergeht. Er beherrscht die große Kunst der Klamotte perfekt und entlarvt gleichzeitig ihre hohe Künstlichkeit. Überhaupt das Artifizielle! Bachmann, der schon als junger Off-Theater-Matador mit der Goethe-Rarität ‚Lila‘ den Friedrich-Luft-Preis einheimste, labt sich an der unbestreitbar vorhandenen Raffinesse dieser Schiller-Rarität. Seine Personenführung gleicht einer Choreografie, die zur Komödienmechanik der beiden hohen Drehtüren des Einheitsbühnenbildes passt, geschaffen wurde es von Olaf Altmann, der ansonsten meist die Räume für Michael-Thalheimer-Inszenierungen entwirft.
Neben Bachmann, Ranft und Altmann haben auch die anderen Beteiligten einen Preispokal verdient: Philipp Lux als Minister Narbonne, Hannelore Koch als dessen lüsterne Mutter, Ines Marie Westernströer als naiv liebende Minister-Tochter, Ahmad Mesgarha als geschickt lavierender Intrigant Selicour, Lars Jung und Matthias Luckey, die als Vater und Sohn Firmin die beiden Vertreter des bescheidenen Fleißes sind, sowie Benjamin Höppner als grobschlächtiges Landei; last, not least Christian Clauß, der als geschundener Kammerdiener in die Drehtürmangel gerät. In Barbara Drosihns schräger Kledage machen sie allesamt eine gute Komödien-Figur. Nur ganz zum Schluss, da geht's auch hüllenlos, wenn der entlarvte Parasit Leine ziehen muss – an allen vorbei in Schimpf und Schande.“
Volker Oesterreich, Rhein-Neckar-Zeitung
„Ein Geniestreich. Glanzstück der Regie- und Schauspielkunst. Einfach großartig! Dresden, wo die Inszenierung von nun an zu sehen sein wird – ist eine weite Reise wert.“
Cornelia Ueding, Deutschlandfunk
„Bachmann bedient sich am gesamten Repertoire des Komödienfachs. Enormes Spaßpotential.“
Dennis Baranski, nachtkritik.de
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„Er ist ein Parvenü par excellence: Mit dem verantwortungsbewussten Amtmann, der er vorgibt zu sein, eint Selicour nur wenig. Auf Kosten anderer erschlich er sich Posten und Einfluss – und nun eröffnet er gar die 17. Internationalen Schillertage. ‚Der Parasit oder Die Kunst sein Glück zu machen‘ bescherte dem Theaterfest zu Mannheim einen ebenso leichten wie willkommenen Auftakt.
Lediglich eine schmale Szenenfläche aus zwei raumhohen, geschlossenen Drehkreuzen lässt Olaf Altmanns gelungene Bühnenkonstruktion den Schauspielern übrig, flankiert von einem massiven schwarzen Portal, das den Rechtschaffenen reichlich Schatten bietet. Dort ist Firmin gern, in der Dunkelheit, wo er frei von Ambitionen seinem untadeligen Pflichtbewusstsein nachkommen kann. Die bürokratische Besinnlichkeit findet jedoch mit den energiegeladenen Wutausbrüchen Torsten Ranfts als La Roche ein jähes Ende: Herrlich grimassierend und mit hochrotem Kopf tobt sich dieser früh zum Publikumsliebling – und wird es auch bleiben. Ahmad Mesgarha in der Titelrolle nutzt die ihm zugestandene Freiheit aufs Trefflichste. Sein Selicour windet und biegt und krümmt sich, er kennt tatsächlich tausend Gesichter – und mindestens genauso viele Fratzen. Bachmann bedient sich am gesamten Repertoire des Komödienfachs, streut Slapstick-Elemente und Running Gags ein und macht sich über die zugrundeliegende Komödie selbst lustig. Enormes Spaßpotential.“
Dennis Baranski, nachtkritik.de
Stefan Bachmann inszeniert den ungewöhnlichen Schiller-Spaß mit einem wunderbar eingespielten Ensemble und hervorragendem Sinn für Timing und dosierte Gags im Dienste des Ganzen.
Detlev Baur, Die deutsche Bühne
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„Der neue, naive, aber gutherzige Minister wird vom langen Philipp Lux samt ausgestellt-unpassendem Bäuchlein ebenso schlüssig gespielt wie die anderen Figuren: Hannelore Koch ist seine elegante und gierig-dumme Mutter, Ines Marie Westernströer die klug-naive Tochter Charlotte, die von Karl Firmin – Matthias Luckey als entschiedener Schwärmer – geliebt wird; sie wird auch vom Parasiten Selicour umworben. Ahmad Mesgarha zeigt in dieser Rolle einen klugen Karrieristen, dessen Winkelzüge gar nicht so außergewöhnlich wirken, fast traut man ihm auch leise Selbstzweifel zu. Wenn er am Ende von der ehrenwerten Gesellschaft entblößt, nur mit der Hand über der Scham zum Gang durchs Parkett gezwungen wird, ist dieser Mensch sogar zum bemitleidenswerten Opfer geworden. Lars Jungs Firmin senior ist ein aufreizend rechtschaffener Büroarbeiter; sein ehemaliger Kollege La Roche, dessen Entlassung und daraus resultierender Hass auf den Intriganten Selicour die Komödie ins Rollen bringt, wird von Torsten Ranft herrlich intensiv und lustvoll eindimensional als kindlicher, vergleichsweise kleiner Giftzwerg mit dem Herz am rechten Fleck gespielt. Selten passen Kostüm, hier ein rosa Anzug (Kostüme: Barbara Drosihn), und Gesichtsfarbe so gut zusammen, wie hier, wenn sich La Roche vor Aufregung über den klugen Gegenspieler auf dem Boden wälzen möchte.
Stefan Bachmann inszeniert den ungewöhnlichen Schiller-Spaß mit einem wunderbar eingespielten Ensemble und hervorragendem Sinn für Timing und dosierte Gags im Dienste des Ganzen. Die Klipp-Klapp-Dramaturgie des ‚Parasiten‘ ist damit nicht aufgehoben, aber durch geschickte Bühnen-Drehs auf unterhaltsamen Spielkurs gebracht.“
Detlev Baur, Die deutsche Bühne
„Stefan Bachmann weiß, welche Register man ziehen muss, um das Publikum zu begeistern.“
Frank Barsch, Darmstädter Echo
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„Schon La Roches erster Auftritt zeigt, welche Gewalten sich hinter den staubigen Schreibtischen angestaut haben. Torsten Ranft macht aus dem unauffälligen Beamten einen gnomenhaften Springteufel. Hin und her gerissen zwischen Enttäuschung und Wut, Rechtschaffenheit und Zorn spielt er in seine cholerischen Anfälle ein ganzes Bündel von Gefühlen hinein. Für diese Kombination aus Größenwahn, Minderwertigkeitskomplex und Gewaltfantasien erntet Torsten Ranft schon nach fünf Minuten spontanen Szenenapplaus.
Die anderen Darsteller stehen ihm in nichts nach. Philipp Lux leiht dem phlegmatischen Minister seinen Körper. Aber der weiß damit nicht wirklich etwas anzufangen. Nur ein Mal in der zweieinhalbstündigen Aufführung dreht er eine clowneske Pirouette, die verrät, dass hinter dieser schlappen Fassade ein zielgerichteter Wille wohnt. Und Selicour, der negative Held des Stücks? Er ist das Gegenstück zum melancholischen Firmin, der sich gern im Abseits und Halbdunkel des Mittelbaus einrichten möchte. Selicour hingegen ist der Mittelpunkt und Souverän jeder Situation. Sein Einfühlungsvermögen ist enorm, intelligent berechnet er jede neue Wendung des Geschehens und ist sich nicht zu schade, sich nach rechts und links, oben und unten zu verbiegen, solange es ihm zum Vorteil gereicht.
Stefan Bachmann, mittlerweile Intendant des Schauspiels Köln, weiß, welche Register man ziehen muss, um das Publikum zu begeistern.“
Frank Barsch, Darmstädter Echo
„Mesgarhas Parasit ist ein Ganzkörperlächeln: großartig. Ihm ebenbürtig ist Torsten Ranft, der rotköpfig bis kurz vorm Herzinfarkt mit der ganzen Inbrunst eines Hassenden seinen Gegenspieler La Roche gibt.“
Bettina Schulte, Badische Zeitung
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„Mesgarhas Parasit ist ein Ganzkörperlächeln: großartig. Ihm ebenbürtig ist Torsten Ranft, der rotköpfig bis kurz vorm Herzinfarkt mit der ganzen Inbrunst eines Hassenden seinen Gegenspieler La Roche gibt: Dieser grimassierende Verzweifelte, dem das Unrecht einer grundlosen Kündigung widerfahren ist, ist der Einzige, der sich von Selicour nicht einwickeln lässt. Der Moment, in dem es dem Opportunisten doch fast gelungen ist und die Feinde eng umschlungen und fast traumverloren in den Tanzschritt fallen, bevor La Roche wieder zu rechtschaffenen Sinnen kommt, zeigt aufs Schönste die gestische Genauigkeit dieser sich auf die genuinen Mittel des Theaters beschränkenden Inszenierung. Brillanter Abend.“
Bettina Schulte, Badische Zeitung
„‚Standing Ovations‘ bei der Premiere im Mannheimer Nationaltheater … vollauf gelungen.“
Helmut Orpel, Wiesbadener Tageblatt
„Stefan Bachmann erweist sich einmal mehr als exzellenter Handwerker, der die schroffen Karikaturen des Komödienpersonals wie in einer Spieldose umeinander kreisen lässt, ohne sie in die Klamotte zu jagen.“
Ralf-Carl Langhals, morgenweb.de
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„Schillertage: Starker Auftakt.
Schillers Textbuch, das er auf drängende Bitten Karl-Augusts von Sachsen-Weimar-Eisenach nach der Komödie des französischen Dichters und Theaterdirektors Louis-Benoît Picard verfasste, ist ein wahrer Hort an ‚beruflichen Fortbewegungsmitteln‘.Selicour (Ahmad Mesgarha) hat seine wenigen Kenntnisse mit Schmeichelei, Lüge und fremden Federn gewinnbringend verzinst und sich schnell nach oben in die Gunst des Ministers Narbonne scharwenzelt, den Philipp Lux (urkomisch ausstaffiert von Kostümbildnerin Barbara Drosin) als gutmütigen Schlaks in reiferen Jahren gibt. Auf der Strecke bleiben freilich die Kollegen. Torsten Ranft kann sich als geschasster La Roche derart herrlich in Rage bringen, dass ihm der Szenenapplaus ebenso sicher ist wie die Gesichtsröte. Bis das Bescheidenheitspotenzial des sanften Firmin (Lars Jung) aufgebraucht ist, dauert es länger. Seinem lyrisch begabten Spross Karl (Matthias Luckey), der die Tochter Narbonnes heiraten möchte, geht dies nicht schnell genug, zumal Selicour nicht nur nach des Ministers Amt, sondern längst auch nach der Hand von dessen Tochter (Ines Marie Westernströer) tätschelt, begünstigt vom schmachtenden Segen ihrer Großmutter (Hannelore Koch). Wenn ein neuer Deal eingefädelt wird, lässt Regisseur Bachmann Selicour ein Tänzchen wagen, es ist der ewig gültige ‚Tango Korrupti‘ à la Rainhard Fendrich. Olaf Altmanns turbulente Doppeldrehbühne kreist geschwind um die Achse der Kabalen und wirft die Figuren solange in ein schmales Licht der Wahrheit, bis der Lügner überführt ist. ‚Die Gerechtigkeit ist nur auf der Bühne‘ lautet der schöne letzte Schillersatz.
Stefan Bachmann hat nur vorsichtig gekürzt und erweist sich einmal mehr als exzellenter Handwerker, der die schroffen Karikaturen des Komödienpersonals wie in einer Spieldose umeinander kreisen lässt, ohne sie in die Klamotte zu jagen. Das quicklebendige Dresdener Ensemble geht diesen Weg mühelos mit und spielt mit hohem körperlichen Einsatz nichts anderes als eine funktionierende klassische Komödie. Das hat Seltenheitscharakter – und das Schillertage-Publikum dankt es ihm mit begeistertem Applaus.“
Ralf-Carl Langhals, morgenweb.de
„Wie bewundernswert geschmeidig ist dieser Parasit! Gleich bei seinem ersten Auftritt tänzelt und biegt sich Ahmad Mesgarha alias Selicour, als würde er eine Vergangenheit im Bolschoi-Ballett und eine als Schlangenmensch im Zirkus in seiner Person vereinen.“
Elske Brault, SWR2 Journal
„Die aasige, aalglatte Beredsamkeit, mit der der Schauspieler Ahmad Mesgarha auf Raubzug geht, ist wirklich schöne, lustvolle Komödiantik.“
Christian Gampert, Deutschlandradio Kultur, FAZIT
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„Die aasige, aalglatte Beredsamkeit, mit der der Schauspieler Ahmad Mesgarha auf Raubzug geht, ist wirklich schöne, lustvolle Komödiantik. … Auch die Frauen sind virtuose Abziehbilder, während Torsten Ranft als entlassener, von Selicour ausgebooteter La Roche den Wutbürger geben darf, der sich im grellrosa Anzug stets in Rage redet und das auch körperlich bis zum Exzess ausagiert.“
Christian Gampert, Deutschlandradio Kultur, FAZIT
„Furiose Inszenierung. Ahmad Mesgarha biegt und windet sich wie ein Aal in einem schlecht sitzenden karierten Jackett, drahtig, verschlagen, widerlich – und großartig.“
Marion Ammicht, Süddeutsche Zeitung
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„Furiose Inszenierung. Ahmad Mesgarha biegt und windet sich wie ein Aal in einem schlecht sitzenden karierten Jackett, drahtig, verschlagen, widerlich – und großartig.
Stefan Bachmanns kluge und witzige Inszenierung ist noch keine Arbeit für das Schauspiel Köln, das er in der kommenden Saison als Nachfolger von Karin Beier übernehmen wird, sondern eine für die Schillertage erarbeitete Koproduktion des Mannheimer Nationaltheaters mit dem Dresdner Staatsschauspiel. Dieser Parasit ist ein Zauberer, ein Künstler. Musik erklingt jedes Mal, wenn er es wieder geschafft hat, in den innersten Sehnsuchtswinkel eines seiner Opfer vorzudringen, um es sich gefügig zu machen. Wie gerne wäre beispielsweise dieser Minister Narbonne mit seinen fettigen Haaren und seiner unförmigen Figur ein kluger, weitsichtiger und gerechter Chef. Philipp Lux verkörpert das sehr komisch mit überdimensional ausgestopfter Leibesfülle und enormer Größe. Ines Marie Westernströer als Töchterchen Charlotte zeigt mit jedem Blick, was für ein sinnlicher Abgrund hinter der verhuschten Mädchenfassade lauert.
Ach, und die Oma erst! Eine überreife Sex-Bombe, die darum bettelt, von Selicour flachgelegt und hinters Licht geführt zu werden. ‚Nicht den Mund öffnet er, ohne etwas Geistreiches und Galantes zu sagen.‘, jubelt sie. Doch wir wissen es besser. Sehen die Intrigen dieses Selicour auch im Dunkeln.“
Marion Ammicht, Süddeutsche Zeitung
„Torsten Ranft als von seinem Posten vertriebener La Roche tobt und agiert zum Rachefeldzug, was zum Totlachen komisch ist. Dazu noch der Gegenspieler, der Titelheld, der ‚Parasit‘ Selicour, gespielt von Ahmad Mesgarha – eine exzellente schauspielerische Leistung.“
Bistra Klunker, Dresdner Neueste Nachrichten
„Ein absolut aktuelles Stück. Stefan Bachmann zeichnet ohne viel Schnickschnack herrliche Karikaturen und schöpft aus dem Potenzial des Textes und seiner Schauspieler.“
Sebastian Thiele, Sächsische Zeitung
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„Ein absolut aktuelles Stück. Stefan Bachmann zeichnet ohne viel Schnickschnack herrliche Karikaturen und schöpft aus dem Potenzial des Textes und seiner Schauspieler. Optisch sorgen die Kostüme von Barbara Drohsin schon für Lacher, angeschnallte oder hervorblitzende Bäuche, betonte Büroärsche oder hochwassergerechte Amtsanzüge. Dieses Beamten-Stadl begeistert die Dresdner.“
Sebastian Thiele, Sächsische Zeitung
„Regisseur Stefan Bachmann zieht alle Register der Komödie, setzt auf punktgenaue Gestik und Mimik.“
Jörg Schneider, Dresdner Morgenpost
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„Wie schön, sich im Theater mal wieder so richtig gut amüsiert zu haben. Regisseur Stefan Bachmann zieht alle Register der Komödie, setzt auf punktgenaue Gestik und Mimik. So zugespitzt die Figuren gezeichnet sind, gibt er sie doch nie der Lächerlichkeit preis. Eine Herausforderung, die die Schauspieler mit Bravour meistern und dabei eine wohltuende Spielfreude an den Tag legen.“
Jörg Schneider, Dresdner Morgenpost
Stefan Bachmann im Interview

Die Feier des Mediokren

Stefan Bachmann, der Regisseur mit der leichten Hand für schwere Stoffe, widmet sich mit „Der Parasit“ einer waschechten Komödie. Zu Probenbeginn von Schillers Komödie sprach er mit der Dresdner Dramaturgin Felicitas Zürcher über Komödienmechanik, Mobbing und Schiller.

Gibt es in Ihrem Leben ein Initiationserlebnis, ein Schlüsselmoment, was Komödie angeht?
Es gibt eine Anekdote, die ich sehr treffend finde: Peter Fitz und Otto Sander haben Mitte der 80er Jahre in Zürich „Der nackte Wahnsinn“ inszeniert. Während der Probenzeit rutschte die Stimmung immer mehr in den Keller, das ganze Team war von einem tiefen Misstrauen gegenüber dem Stück erfasst, niemand fand es mehr lustig. Bei einer öffentlichen Voraufführung, bei der mit Bangen die Reaktion eines Testpublikums erwartet wurde, lagen die Zuschauer dann vor Lachen unter den Sitzen – das Stück hatte total gezündet. Die Anekdote macht deutlich: Komödien sind meistens harte Arbeit; die Zuschauer haben den Spaß, nicht die Macher.

Sie gelten als Regisseur mit der leichten Hand für schwere Stoffe. „Der Parasit“ dagegen ist eine Komödie in der Tradition Molières.
Ich mag Stücke, die vom Genre her etwas schwerer einzuordnen sind, oder die etwas komplizierter sind. Ich entdecke gerne den Humor da, wo er scheinbar nicht ist. Deswegen ist es eine Herausforderung und eine spezielle Erfahrung für mich, eine ausgewiesene Komödie zu inszenieren, die nach dieser genauen französischen Mechanik abläuft.

Diese Mechanik muss man ja erst einmal bedienen, damit das Stück funktioniert. Ist Ihre Arbeit im Moment nur Handwerk, oder wird es Raum geben für Interpretation, für einen eigenen Zugriff?
Man kann die Mechanik auf unterschiedliche Weisen bedienen. Ich möchte versuchen, einen hintergründigeren, subtileren, abgründigeren Humor zu entdecken. Ich versuche gerade hier, die Figuren, die Geschichte ernst zu nehmen und hoffe, dass es auf diese Weise komisch wird.
Wie würden Sie das Thema des Stückes beschreiben? Was macht es so zeitlos?
Die Realität des Büroalltags, den heute wahnsinnig viele Leute kennen, mit archetypisch gezeichneten Büromenschen und Themen wie Kündigung, Konkurrenzkampf, Ehrgeiz und Mobbing. Das Stück veranstaltet eine Feier des Mediokren, es beschreibt die Art, wie das Mittelmaß sich durchsetzt. Das ist ein zeitloses Phänomen: Weil das Mittelmaß so unverschämt und dreist ist, so parasitär, setzt es sich durch, ist es nicht auszurotten.

Sie haben bisher von Schiller lediglich „Maria Stuart“ inszeniert. Warum? Liegt Ihnen Schiller nicht?
Das ist vielleicht eine Altersfrage. Mir war lange Zeit das Konzept der Weimarer Klassik unangenehm, es war mir zu elitär, zu edelmütig. Ich habe meistens eher das Unperfekte gesucht. Andererseits hat das natürlich auch etwas, dieses große idealistische Projekt, dieser humanistische Entwurf, an dem jede Gesellschaft ihre Werte spiegeln kann.

„Der Parasit“ hat wenig von diesen idealistischen Tendenzen. Wie passt das Stück in das übrige Werk von Schiller?
So gar nicht! Schiller hat das Stück auch nur sehr widerwillig übersetzt. Der Autor von „Die Räuber“, von „Kabale und Liebe“, der die Norm auf den Kopf stellt, der aus den Normen ausbricht, musste dieses normierte, formalistische Stück übersetzen, das doch sehr schematisch und auch etwas vorhersehbar ist. Das entspricht so gar nicht der sturm- und dranghaften Verehrung des Ungeformten, Wilden. Die Übersetzung war ja eine Auftragsarbeit, Schiller hat damit dem Wunsch des Weimarer Fürsten entsprochen, der als Mäzen auch Bedingungen gestellt hat. Schiller hat also diese Übersetzung angefertigt, über die er dann ganz frech seinen eigenen Namen geschrieben hat. Das ist tatsächlich eine ziemliche Pikanterie, weil Etikettenschwindel das Hauptmotiv des Stückes ist. Aber es zeigt letztlich die Allgemeingültigkeit des Stückes auf und dass es etwas beschreibt, wovon wir alle nicht frei sind.
Mittelmäßigkeit kommt weiter

Wir Kriechsdienstverweigerer

Über Friedrich Schiller und den Modernen Fünfkampf im Büro
von Ralf Husmann
Kriechend kommt man schneller nach oben. Was klingt wie der Wahlspruch einer Schnecke, könnte auch das Motto von manchem Angestellten sein. Jeder, der seinen Lebensunterhalt in einem Büro verdient, kennt die Aspiranten auf die goldene Kniescheibe aus dem eigenen Umfeld. Wobei die Besten beim Kriechen auch noch treten, schubsen, klammern und zerren. Das sind die Disziplinen des Modernen Fünfkampfs im Büro. Natürlich werden alle auf das Freundlichste ausgetragen, schließlich sind wir zivilisiert. Die Büroschnecken tun sogar so, als wären sie Rudeltiere, dabei hat das Schneckenhaus nur Platz für einen. Jeder kriecht für sich allein. Aber wie in der Natur gewinnt auch in der Büroevolution nicht immer der Stärkere, sondern der, der sich am besten anpasst. Dabei helfen Smartphones, Inter- und Intranet, Hausmitteilungen und vor allem Meetings. Damit kann man wesentlich mehr heiße Luft erzeugen als ein Heißluftballon, und der will ja auch nach oben. So wie der Kriecher. Angestellte sind eine einzigartige Spezies. Beim Gewinnen und erst recht beim Versagen.
Der untalentierte Bauer wird nichts ernten, der schlechte Bäcker kein Brot verkaufen, und zu einem Friseur mit zwei linken Händen gehen wir nur einmal. Schlechte Handwerker können nicht hochstapeln. Sie müssen umschulen, eine Kneipe eröffnen oder gehen irgendwann pleite. Inkompetente Angestellte gehen einfach weiter zur Arbeit. Sie schreiben Mails, beantragen Fortbildungen und bestellen Büromaterial. Sie müssen ihr Handwerk nicht beherrschen, denn sie haben ja keins. Beherrschen müssen sie nur das mit dem Kriechen, Treten, Schubsen, Klammern und Zerren. Sie können sich nach oben hochstapeln. Oder so zumindest ihren Job behalten. Das ist das Tolle am Büro. Vorgeblich geht es um Versicherungen, Hypotheken, Werbung, Politik oder sonst was. In Wahrheit ist das alles zweitrangig. In Wahrheit geht es darum, irgendwie durchzukommen, ohne erwischt zu werden. Was der Schnecke ihr Haus, ist dem Angestellten das Büro. Wenn er es hat, kann er daraus nicht mehr vertrieben werden.
Ein Büro funktioniert also ganz ähnlich wie eine Demokratie. Man darf mitmachen, ohne wirklich etwas dafür tun zu müssen. Man kann sich natürlich engagieren, muss aber nicht. Man bleibt, solange man sich nichts Gravierendes zuschulden kommen gelassen hat. Das ist der Vorteil. Der Nachteil ist: Jeder kann es bis ganz nach oben schaffen. Christian Wulff zum Beispiel, aber auch  der Minister Narbonne in Schillers Lustspiel. Oder Sie und ich. Sofern Sie eben nicht Bäcker, Bauer oder Friseur sind. In Büro und Demokratie wird man zur Schnecke gemacht, darf sich aber trotzdem für einen Adler halten, siehe Wahlspruch oben.
Und hinter Wulff, Narbonne oder Ihnen steht oft genug jemand, der so tut, als wäre er ganz auf Ihrer Seite. Dabei ist er einfach nur eine weitere Schnecke, die mit heißer Luft noch höher hinaus kriechen will.
Ein modernes Phänomen, würde man denken. Dann sieht man bei Schiller, dass es damals auch nicht anders war. Früher war eben doch nicht alles besser. Vermutlich lief schon König David durchs Alte Testament und beklagte sich über all die schleimigen Intriganten in Jerusalem. Kriecher gibt es, seit es Büros gibt. Sie sind eine lästige, aber offenbar unvermeidliche Begleiterscheinung von Büros. So wie Gummibäume.
Gut, bei Schiller muss der Kriecher auch noch dichterisch punkten. Selicour täuscht nicht nur berufliche Kompetenz vor, sondern auch noch Interesse an Kultur. Das müssen heute nur noch Politiker in Bayreuth. Oder Provinzler mit Theaterabo. Dichtung ist nun wirklich von gestern. Heute gibt man natürlich keine fremden Gedichte als eigene aus, sondern Doktorarbeiten. Die aktuellen Selicours bieten auch eher Urlaub an als Reime. Die Abendgesellschaft bei Madame Belmont ist heute ein Golfclub. Aber sonst hat sich nicht viel verändert. Na klar, wenn Sie ganz weit vorne sind, machen Sie jetzt Homeoffice, konferieren über Skype und Video und simplifyen ihr life, dass es nur so kracht. Aber das macht keinen Unterschied. Es bleibt beim Alten. Auch Kafka hat in einem Büro gearbeitet. Das erklärt alles. Sowohl über Kafka als auch über Büros. Sein Gregor Samsa hätte heute einfach Burn-out.
Man kann sich der angestellten Schnecke aber auch mit Humor nähern. Humor im Büro ist so was wie Wellness. Oder Alkohol. Es hilft, mit dem Wahnsinn fertig zu werden. Deswegen haben wir Spaß daran, wenn im Theater, im Kino oder auch nur im Witz ein Kriecher enttarnt wird, wenn ein Blender auffliegt, wenn den Aufgeblasenen die Luft abgelassen wird. Wir lachen, wenn Intrigen nicht aufgehen und die Grubengräber selbst reinfallen. Danach können wir uns wieder an den Schreibtisch setzen und die Ungerechtigkeit des modernen Bürolebens bis zum nächsten Freitag aushalten.
Wir freuen uns natürlich auch, weil wir froh sind, dass es uns nicht getroffen hat. Das ist meine ganz private Theatertheorie: Komödie ist, wenn anderen das passiert, was ein Drama wäre, sobald es mir selbst geschähe.
Deswegen lachen wir auch in der Geisterbahn. Die Bedrohung ist nicht echt. Uns kann nichts passieren. Gott sei Dank! Es ist ein befreiendes Lachen.
Wir Angestellten fühlen uns alle wie Kriechsdienstverweigerer, wir sind alle selbstverständlich rechtschaffene Firmins. Aber die beiden sind die erfundensten Figuren im Stück. Die gibt’s so nur im Theater. Wir sind alle eher Selicours. Uns sitzt die Angst im Nacken, dass uns einer auf die Schliche kommt. Das neue Abrechnungssystem haben wir nicht wirklich verstanden, würden das aber nie zugeben und mogeln uns mit ein paar Schlagwörtern durch, die wir aufgeschnappt haben; einen unlustigen Witz finden wir gleich viel komischer, wenn der Chef ihn erzählt; die Azubine hatte eine gute Idee, die, wenn wir länger drüber nachdenken, im Prinzip von uns ist. Wenn fremde Federn rumliegen, dann immer her damit, solange uns die Dinger schmücken. Wir waren zwar mit der eigenen Frau essen, aber auf dem Bewirtungsbeleg steht ein Geschäftsessen. Im Arbeitszimmer, das wir seit Jahren von der Steuer absetzen, steht nicht mal ein Schreibtisch. Klar, das machen doch alle, und die richtig großen Dinger trauen wir uns eh nicht. Wir haben eine Vermutung, wer die dreht, und wir fühlen uns gleich viel besser, wenn einer von denen auffliegt. Ob in der Presse, im Internet oder im Theater. Das ist nur gerecht. Und ein gutes Gefühl. So wie an Polizisten vorbeigehen, wenn man nichts Verbotenes gemacht hat. Kurz vorher sind wir noch bei Rot über die Ampel gegangen, aber das haben die nicht gesehen. Wir reiben uns innerlich die Hände. Und haben noch größeren Spaß, wenn jetzt ein anderer ein Strafmandat kassiert.
Es hat schon seinen Grund, dass es ausgerechnet die deutschen Begriffe „Schadenfreude“ und „Angst“ auch ins englische Wörterbuch geschafft haben. Die beiden hängen eng zusammen und sind Exportschlager, wie Autos oder Techno.
Nur die Schnecken haben wir nicht erfunden, die gab und gibt es überall. Gekrochen wurde und wird auf der ganzen Welt, zu allen Zeiten. Und wer hoch kriecht, kann auch tief fallen. Der Kriecher auf dem Weg nach oben ist wie die herumliegende Bananenschale. Das hilft uns, gerade in Zeiten, in denen wir sonst nicht so viel zu lachen haben. Manche gehen zum Lachen in den Keller. Warum gehen wir nicht stattdessen einfach mal ins Büro?

Ralf Husmann ist Schriftsteller und Produzent und lebt in Köln. Er ist als Drehbuchautor der TV-Serien „Stromberg“, „Dr. Psycho“ und „Der kleine Mann“ sowie als Kolumnist für „Kulturspiegel“ und „Playboy“ tätig. Ralf Husmann wurde mehrfach mit dem Deutschen Comedypreis, dem Deutschen Fernsehpreis sowie dem Grimme-Preis ausgezeichnet. 2008 erschien sein Romandebüt „Nicht mein Tag“, 2010 sein zweiter Roman „Vorsicht vor Leuten“, und im Juni 2012 folgt „Die Kiste der Beziehung“.
„Wir Kriechsdienstverweigerer“ ist ein Originalbeitrag für das Spielzeitheft 2012.2013.