Uraufführung 06.04.2013 › Kleines Haus 2

Fast ganz nah (euer Krieg ist unser Krieg)

von Pamela Carter
Deutsch von Hannes Becker
in Zusammenarbeit mit dem Stückemarkt des Berliner Theatertreffens 2012. Gefördert durch die Bundeszentrale für politische Bildung
Auf dem Bild: Anna-Katharina Muck, Andreas Hammer, André Kaczmarczyk
Foto: David Baltzer
Auf dem Bild: André Kaczmarczyk, Anna-Katharina Muck
Foto: David Baltzer
Auf dem Bild: Torsten Ranft, Anton Petzold
Foto: David Baltzer
Auf dem Bild: Ensemble, Torsten Ranft
Foto: David Baltzer
Auf dem Bild: Andreas Hammer, Julia Keiling, Robert Höller, André Kaczmarczyk
Foto: David Baltzer
Auf dem Bild: Robert Höller, André Kaczmarczyk, Andreas Hammer
Foto: David Baltzer
Auf dem Bild: Julia Keiling, Robert Höller, André Kaczmarczyk, Andreas Hammer
Foto: David Baltzer
Auf dem Bild: Julia Keiling, Robert Höller, André Kaczmarczyk, Andreas Hammer
Foto: David Baltzer
Auf dem Bild: Anna-Katharina Muck, Anton Petzold, Torsten Ranft
Foto: David Baltzer
Auf dem Bild: André Kaczmarczyk, Anton Petzold
Foto: David Baltzer
Auf dem Bild: Anna-Katharina Muck
Foto: David Baltzer
Auf dem Bild: Andreas Hammer, Anna-Katharina Muck, André Kaczmarczyk
Foto: David Baltzer
Auf dem Bild: Anna-Katharina Muck, André Kaczmarczyk
Foto: David Baltzer
Auf dem Bild: André Kaczmarczyk, Anna-Katharina Muck
Foto: David Baltzer
Auf dem Bild: Anna-Katharina Muck, André Kaczmarczyk
Foto: David Baltzer
Auf dem Bild: André Kaczmarczyk, Anna-Katharina Muck
Foto: David Baltzer
Auf dem Bild: Julia Keiling
Foto: David Baltzer
Auf dem Bild: André Kaczmarczyk, Robert Höller, Andreas Hammer
Foto: David Baltzer
Auf dem Bild: Robert Höller, Torsten Ranft
Foto: David Baltzer
Auf dem Bild: Torsten Ranft, Franz Horenburg, Anna-Katharina Muck
Foto: David Baltzer
Auf dem Bild: Franz Horenburg
Foto: David Baltzer
Handlung
Von ihrem Mann getrennt und ihrem neunjährigen Sohn entfremdet, versucht sich Louise an einem Comeback als Bildhauerin. Sie kreiert eine Skulptur, die eine Gruppe von Soldaten darstellt, die bei einem Anschlag in Afghanistan ums Leben gekommen sind. Während Kevin für Louise Modell sitzt und mit ihr eine Affäre beginnt, scheint die Skulptur sich zu verlebendigen und die Zukunft vorwegzunehmen: Mit bitterbösem Humor blicken die Soldaten, unter ihnen auch der 22-jährige Kevin, als Scheintote auf die Hügel der afghanischen Stadt, die sie militärisch verteidigt haben. Vergeblich – der Tod hat sie längst in seinen Klauen.
Pamela Carter hat beim Stückemarkt des Berliner Theatertreffens 2012 den Werkauftrag der Bundeszentrale für politische Bildung erhalten; ihr daraus entstandenes Stück wird jetzt am Staatsschauspiel Dresden uraufgeführt.
Pamela Carter lebt und arbeitet als Autorin, Regisseurin und ­Dramaturgin in London. Mit ihrer politischen Groteske „Fast ganz nah (euer Krieg ist unser Krieg)“ hinterfragt sie die ­Verteidigung demokratischer Werte am Hindukusch. Elias ­Perrig war von 1999 bis 2005 Hausregisseur am Schauspiel Stuttgart und von 2006 bis 2012 Schauspieldirektor am Theater Basel. „Fast ganz nah“ ist seine erste Arbeit am Staatsschauspiel Dresden.
Besetzung
Regie
Elias Perrig
Bühne
Maren Greinke
Kostüme
Sara Kittelmann
Musik
Biber Gullatz
Licht
Dramaturgie
Jeff alternierend
Franz Horenburg
Jeff
Anton Petzold
Buddy / Budur
Tanya Erartsin
Kevin ‚Prinzessin‘ Marley
André Kaczmarczyk
Simon ‚Chips‘ Pringle
Lukas Mundas
Michael ‚Nicey‘ Dicketts
Kilian Land
Natalie Jackson
Nina Gummich
Video
Im Gespräch

Das viele Weiß auf dem Papier

Die Autorinnen und Autoren des Stückemarkts 2012 im Gespräch mit Yvonne Büdenhölzer (Leiterin des Berliner Theatertreffens) und Christina Zintl (Leiterin des Stückemarkts)
In diesem Jahr sind zum ersten Mal in der 34-jährigen Geschichte des Stückemarkts nicht fünf einzelne Autorinnen und Autoren, sondern auch ein Theaterkollektiv ausgewählt worden: Neben Pamela Carter, Michel Decar, Magdalena Fertacz, Julia Holewinśka und Wolfram Höll präsentieren die Stückentwickler Markus & Markus ihr Projekt. Die Auswahl des Stückemarkts 2012 zeigt, was das heutige szenische Schreiben generell ausmacht: große Vielseitigkeit und Widersprüchlichkeit im Ergebnis und in der Generierung der Texte. Es gibt wenig Übereinstimmung in der Produktionspraxis, den sprachlichen Mitteln und der Zielsetzung dieser Autoren und ihrer Texte. Die einzelnen Stimmen stehen zu lassen und zu fördern ist Aufgabe des Stückemarkts.

Liebe Autorinnen und Autoren 2012: Was interessiert euch am Stückeschreiben?
Wolfram Höll: Das viele Weiß auf dem Papier.
Pamela Carter: Mein Interesse am Stückeschreiben ist voyeuristisch und parasitär, aber auch mitfühlend, hoffe ich. Ich möchte aufrichtig erkennen, was meine Figuren fähig sind, zueinander zu sagen, und was sie fähig sind, über sich selbst zu sagen. Ich will mich weder langweilen noch langweilig sein.
Magdalena Fertacz: Am Anfang steht die Inspiration. Das kann eine scheinbar bedeutungslose Begebenheit sein, eine Pressemeldung, eine Reportage. Die Inspiration muss immer von außen kommen. Dann beginnt eine Recherche zu dem Thema. Erst nachdem ich das Themenfeld ausführlich dokumentiert habe, fange ich an, mir Gedanken über die Form zu machen. Die Form diktiert dann die Geschichte. Die letzte Etappe dauert am kürzesten, aber auch sie ist eine Phase voller Überraschungen. Vermutungen vom Anfang lösen sich ein oder auch nicht. Die Figuren fangen an, ihr eigenes Leben an zu leben, sie setzen ihre Rechte durch – das ist verrückt, aber auch sehr spannend.
Markus & Markus: Uns interessiert der Umgang mit realen Anlässen. Der Zusammenstoß dieser Realitäten mit Fiktion und Theaterräumen. Die daraus entstehende Unkontrollierbarkeit. Und die daraus entstehende Kraft, über die Mauern des Theaters in die Gesellschaft hinein wirken zu können.
Julia Holewinśka: Mich interessieren Strategien, mit denen ich den Zuschauer zum Nachdenken zwinge, berühre, verändern kann und in eine unbequeme Situation bringe. Das ist meine Auffassung von „politischem Theater“. Denn nur politisches Theater, das es schafft, Unbequemes, Verdrängtes oder sogar Beängstigendes zu zeigen, ist interessantes Theater.

Was verbindet ihr mit Dresden?
Wolfram Höll: Die Sächsische Schweiz.
Magdalena Fertacz: Ich bin noch nie in Dresden gewesen. Das erste Bild, das mir dazu in den Sinn kommt? Berechenbar: Als die Alliierten 1945 Dresden bombardierten. Die Tagebücher von Victor Klemperer, Kommunismus, die DDR, die wunderschöne moderne Synagoge. Der polnische Akzent – polnische Emigranten nach dem Novemberaufstand 1830.
Pamela Carter: Es tut mir so leid … Ich muss ehrlich sagen, das sind die Bombenangriffe der Alliierten auf die Stadt im Zweiten Weltkrieg. Ich stelle fest, dass ich mein Wissen über die Stadt erweitern muss. Das war eine entsetzliche Gewalttat, eine, die wir in Großbritannien, weil es uns gelegen kommt, beginnen, kollektiv zu vergessen.
Julia Holewinśka: Ostdeutschland, Paläste im Rokokostil, Kunst, Kurt Vonnegut, Volkswagen und den polnischen Schriftsteller Józef Ignacy Kraszewski.
Michel Decar: Wenn ich mich recht entsinne, gibt es dort dieses hervorragende Sprechtheater.

Was wäre der ideale Stückauftrag?
Markus & Markus: Wir wollen Dresden einer gründlichen Kosten-Nutzen-Analyse unterziehen.
Magdalena Fertacz: Ich möchte sehr gerne einmal ein Libretto über Abtreibung verfassen. Vielleicht ist das keine große Enthüllung, doch in Polen gibt es zu diesem Thema noch immer eine heftige Kontroverse.
Wolfram Höll: Ein Stück zur Eiszeit zu schreiben.
Pamela Carter: Ein Auftrag als „unsichtbare Hausautorin“ beim Weltwirtschaftsgipfel in Davos wäre großartig.
Michel Decar: Liebe, Tod, Weltraum.
Julia Holewinśka: Diejenigen, die an einer Inszenierung arbeiten, sollten immer einen triftigen Grund dafür haben – sie sollten für oder gegen etwas kämpfen. Deshalb würde ich anstelle eines Auftrags lieber eine Bestätigung dafür bekommen, dass mein Gegenüber bereit ist, für etwas einzustehen.
Was ist eure Utopie von Theater?
Wolfram Höll: Ein Theater, in dem jede Sprache und jedes Ding auf der Bühne sein Potenzial voll entfalten kann.
Michel Decar: Furcht und Schrecken (statt Angst und Mitleid).
Magda Fertacz: Utopie im Theater hilft, die Realität besser darzustellen.
Markus & Markus: Unser Ziel ist es, dass jeder Zuschauer den Theaterraum als ein anderer Mensch verlässt.
Pamela Carter: Vielleicht sieht eine utopische Aufführung aus wie die Aussicht vom Gipfel eines schottischen Berges mit einer göttlichen Ausstrahlung wie eine Bill Viola-Installation. Aber sie kann trotzdem eine schmutzige Pornoästhetik haben und düster aussehen wie der Kanal vor meinem Haus. Sie wäre fröhlich und geistreich wie die Neons von Bruce Nauman und flauschig wie ein Chinchilla. Aber auch sexy und sportlich wie eine Show von Michael Clark. Ich stelle mir einen überfüllten Saal voller begeisterter, bewegter, verwirrter, völlig ausgeflippter Zuschauer vor … Klingt das mehr nach Hölle als nach Utopie?
Übersetzung aus dem Englischen: Hannes Becker

Pamela Carter (*1970) ist Autorin, Regisseurin und Dramaturgin und lebt in London.

Michel Decar (*1987) studierte Germanistik und Geschichte an der LMU München und seit 2010 Szenisches Schreiben an der Universität der Künste Berlin bei John von Düffel.

Magdalena Fertacz (*1975) studierte an der Journalistischen Fakultät der Universität Warschau sowie an der Hochschule für Kommunikation und Soziale Medien Warschau.

Julia Holewinśka (*1983) ist Dramatikerin, Essayistin und Dramaturgin. Sie studierte Theaterwissenschaften an der Theaterakademie in Warschau, wo sie derzeit promoviert.

Wolfram Höll (*1986) studierte am Schweizerischen Literaturinstitut Biel. Bald schließt er einen Master in Scenic Arts Practice an der Hochschule der Künste Bern ab.

Markus Schäfer (*1983) studiert Szenische Künste an der Universität Hildesheim.

Markus Wenzel (*1988) arbeitete als Theaterpädagoge am Landestheater Altenburg und als Regieassistent am Schauspielhaus Leipzig. Seit 2009 studiert er Szenische Künste an der Universität Hildesheim.

Der Stückemarkt des Berliner Theatertreffens vergibt seit 2007 einen Werkauftrag, gestiftet von der Bundeszentrale für politische Bildung. Dieser ist mit einer Uraufführung an wechselnden Partnertheatern verbunden, 2012 am Staatsschauspiel Dresden. Der Preis wird am 14. Mai 2012 während des Theatertreffens verliehen.